The Mightiest Showman
Donald Trump: Von der Reality-Show zur politischen Seifenoper
Donald Trumps Aufstieg und Amtsführung hängen eng mit seiner Nutzung und Instrumentalisierung der sozialen Netzwerke zusammen. Trotzdem ist der heutige Herrscher im Weißen Haus eher ein Geschöpf der Fernseh-Ära.
US-Präsident Donald Trump spricht mit Journalisten an Bord der Air Force One Foto: Mark Schiefelbein/AP/dpa
Das erste Staatsoberhaupt der Vereinigten Staaten von Amerika, dessen Präsidentschaft in einer Fernsehserie vorausgesagt wurde, ist Donald Trump: In der Episode „Barts Blick in die Zukunft“ in der elften Staffel von „The Simpsons“ aus dem Jahr 2000 fragt Lisa Simpson als US-Präsidentin ihren Finanzberater: „Wie ihr wisst, haben wir eine große Budget-Krise von Präsident Trump übernommen. Wie schlimm ist es?“ Der Berater antwortet: „Wir sind bankrott.“ 16 Jahre später gewann Trump die Präsidentschaftswahl.
Die berühmte Zeichentrickserie zeigte schon einige US-Präsidenten. Doch für Trump hat es nicht zu einem „Auftritt“ gereicht. Immerhin ist er wenige Jahre nach Simpsons Prophezeiung selbst ein TV-Star geworden, und ungefähr ein Vierteljahrhundert später kam es zu einer Begegnung im Oval Office, die alles in den Schatten stellte: Am 25. Februar 2025 bekam der frühere Moderator der NBC-Reality-Show „The Apprentice“ Besuch von dem ehemaligen Star der ukrainischen Comedy-Serie „Diener des Volkes“. Dabei ging es nicht um eine neue Fernsehsendung, sondern um die Zukunft der Ukraine.
Deren Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte keinen Grund, Trump wegen dessen Fernsehshow zu beneiden. Seine eigene Serie war viel besser und hatte dazu beigetragen, dass auch er Präsident seines Landes wurde. Ebenso wenig hatte er einen herzlichen Empfang im Weißen Haus erwartet. Schließlich hegte der US-Präsident seit längerem eine Affinität zum russischen Staatschef Wladimir Putin. Doch es kam schlimmer als gedacht: Trump und sein Vize J.D. Vance demütigten Selenskyj vor laufender Fernsehkamera.
„Audience of One“
Trump beendete seine Tirade mit der Bemerkung: „Das ist doch mal gutes Fernsehen.“ James Poniewozik, Fernsehkritiker der New York Times, schildert die Szene ausführlich in seinem Buch „Audience of One“ (auf Deutsch: „Alle Scheinwerfer auf mich! Die Geburt Donald Trumps aus dem Fernsehen und der Zerfall Amerikas“). Es sei eine erschreckende Episode gewesen, so der Autor. All jenen, die vielleicht einmal „The Apprentice“ gesehen hatten, „muss sie allerdings sehr bekannt vorgekommen sein“.
Poniewozik vergleicht den US-Präsidenten mit Truman Burbank. Die von Jim Carrey gespielte Hauptfigur in „The Truman Show“, Peter Weirs satirischer Komödie (1998), lebt ganz in der künstlichen Welt einer Fernsehserie. Auch Trump sei ein Produkt des Privatfernsehens, so Poniewozik. Er beschreibt den Aufstieg des New Yorker Reichensprösslings zum Staatschef. Dieser habe sich bereits zuvor zu einer Marke gemacht. Eine Fast-Pleite und eine Scheidung konnten ihm nichts anhaben. Trump inszenierte sein Promi-Comeback, aus dem er als skrupelloser TV-Antiheld hervorging.
Einer seiner Vorbilder könnte kein Geringerer als Fernsehschurke J.R. Ewing aus der Seifenoper „Dallas“ (1978-1991) gewesen sein. Noch mehr Glamour bot „Dynasty“ (1981-1989), ein weiterer Straßenfeger um Geld, Macht und Öl. In mancher Hinsicht pflegte der Immobilienmogul Trump ein ähnliches Image wie die Serienpatriarchen der 80er-Jahre und ließ sich seinen eigenen Trump Tower erbauen. In „The Apprentice“ demütigte er ab 2004 die Kandidaten der Show, sein ikonischer Spruch lautete „Du bist gefeuert“. Obwohl Trump wie kein anderer US-Präsident bisher die sozialen Medien nutzt, vom Magazin The New Republic schon 2016 als erster „Twitter-Präsident“ bezeichnet wurde und heute seine eigene Plattform Truth Social hat – den Weg zur Macht ebnete ihm vor allem sein bevorzugter Sender Fox. Laut Newsweek berief Trump in seiner zweiten Amtszeit 23 frühere Fox-Leute in öffentliche Ämter.
Ein ganzes Kapitel widmet Poniewozik einer besonders schrägen Anekdote. Als der Präsident 2017 ins Weiße Haus einzog, soll er sich über den kaputten Fernseher im Schlafzimmer beschwert haben. Er könne den „Gorillakanal“ nicht mehr empfangen. Angeblich soll er geglaubt haben, dass es tatsächlich einen TV-Kanal gab, der nur Gorillas zeigte. Seine Mitarbeiter schnitten daraufhin alle erhältlichen Gorilla-Dokus zusammen und ließen sie in einer Endlosschleife laufen. Das war dem Präsidenten jedoch zu langweilig. Die Gorillas kämpften nicht. Also wurden Kampfszenen reingeschnitten.
Die Anekdote entpuppte sich als Fake, ein Witz des Karikaturisten Ben Ward, sprach aber Bände über Trumps Weg vom milliardenschweren „Dealmaker“ zum TV-Star und dann zum Staatschef. Dabei versteht er sich als Meister der Selbstdarstellung und Medieninszenierung, der seine Botschaften direkt an seine Anhänger sendet und Konkurrenten verbal niedermacht. Als einer, der sich gerne auf Rolltreppen filmen lässt – selbstverständlich aufwärts, ohne sich selbst zu bewegen.
Teddys Bully Pulpit
Trump war nicht der erste Präsident, der die Medien derart instrumentalisierte. Nicht einmal der Slogan „Make America Great Again“ stammte von ihm, sondern von Ronald Reagan. Als Pionier der Mediennutzung galt bereits Theodore „Teddy“ Roosevelt (1901-1909), der das „Bully Pulpit“ benutzte, eine exponierte Plattform, von der aus er seine Positionen vertrat. Auch er legte Wert auf medienwirksame Auftritte. Roosevelt erkannte die Macht der Presse und bemühte sich um gute Beziehungen zu Journalisten, kritisierte allerdings die „Muckrakers“ – jene Investigativ-Journalisten, die Missstände aufdeckten. Er war zudem ein Meister der Ablenkungsmanöver. Einem Freund schrieb er vor seiner Präsidentschaft: „Ganz unter uns … Ich würde fast jeden Krieg willkommen heißen, denn ich denke, dieses Land braucht einen Krieg.“ Es war eine schwierige Phase der US-Geschichte. Die Westwärts-Wanderung galt als abgeschlossen, 1890 war es zum Massaker von Wounded Knee gekommen, das die US-Armee an Indigenen verübte und dem 300 Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen. Es war eine Zeit sozialer Spannungen und des ausgeprägten Rassismus: Von 1889 bis 1903 lynchten Mobs durchschnittlich zwei schwarze Menschen pro Woche.
„Die tiefgreifende Depression, die 1893 begann, bestärkte die Politik- und Finanzelite des Landes in einer neu entwickelten Idee: Absatzmärkte für amerikanische Güter im Ausland könnten vielleicht das Problem der mangelnden Industrienachfrage mindern und dadurch eine ökonomische Krise wie die der 1890er-Jahre verhindern, die zu einem Klassenkampf geführt hatte“, schreibt der US-Historiker Howard Zinn in seinem Buch „A People’s History of the United States“ (1980). „Würde ein Abenteuer im Ausland nicht einen Teil der aufständischen Energie, die jetzt in Streiks und Protestbewegungen floss, auf einen äußeren Feind umlenken? Würde es nicht das Volk mit der Regierung, mit den Streitkräften vereinen? Für den größten Teil der Elite war das wahrscheinlich kein bewusster Plan, sondern eine natürliche Entwicklung der beiden treibenden Kräfte: Kapitalismus und Nationalismus.“ Die Expansion im Ausland war keine neue Idee. Bevor der Krieg gegen Mexiko die USA bis zum Pazifik führte, hatte die Monroe-Doktrin, 1823 verkündet, den Blick gen Süden gelenkt und verdeutlicht, dass die USA Lateinamerika als ihren Einflussbereich betrachteten.
Streifzüge im Hinterhof
Die US-Streitkräfte hatten bereits Streifzüge im Ausland unternommen. Das Außenministerium führte eine 1962 präsentierte Liste mit insgesamt 103 Einmischungen in die Angelegenheiten anderer Länder zwischen 1798 und 1895 auf. Die USA annektierten Kuba zwar nicht, aber das sogenannte Platt-Amendment, das im Februar 1901 den Kongress passiert hatte, sollte in die neue kubanische Verfassung aufgenommen werden. Es sollte den USA das Recht zusichern, „zugunsten der kubanischen Unabhängigkeit und einer Regierung zu intervenieren“, um „Leben, Eigentum und Freiheitsrechte zu schützen“, schreibt Zinn. Der Spanisch-Amerikanische Krieg 1898 führte zu einem Friedensvertrag, in dem Spanien Guam, Puerto Rico und die Philippinen gegen eine Zahlung von 20 Millionen Dollar an die USA abtrat.
Trump hat sich durchaus an der US-amerikanischen Tradition orientiert. Aus der Monroe-Tradition ist eine „Donroe-Doktrin“ geworden. Sie bekräftigt den Machtanspruch auf die westliche Hemisphäre. Einerseits belohnen die USA Regierungen, die sich Washingtons Forderungen anpassen. So erhielt etwa Argentinien unter Präsident Javier Milei Kredite von 40 Milliarden Dollar. Andererseits wurden missliebige Regierungen mit Zöllen unter Druck gesetzt. Der militärische Angriff auf Venezuela und die Gefangennahme von Präsident Nicolás Maduro war die direkteste militärische Intervention der USA in der Region seit der Invasion Panamas 1989. „Völkerrecht brauche ich nicht“, sagte Trump im Interview mit der New York Times. Sein Maßstab sei „meine eigene Moral, mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich aufhalten kann.“ Den deutschen Politologen Albrecht von Lucke erinnert dies an den Satz „Der Führer schütze das Recht“. Nun heißt es: „Der US-Präsident setzt das Recht.“

Donald Trump zeigt, wo es hingeht: Anfang Februar auf dem Weg von Washington nach Mar-a-Lago Foto: Andrew Caballero-Reynolds / AFP