Coronavirus
Die Reorganisation der Patientenübernahme und -versorgung wirft Fragen auf
Das Land hat sich auf den Ernstfall eingestellt, die Politik hat die Bevölkerung mobilisiert. Die einen sprechen von Ausnahmesituation, andere, wie Frankreichs Präsident, von Krieg. In diesem Sprachgebrauch arbeiten Ärzte, Krankenpfleger, Apotheker und andere Fachkräfte aus dem Gesundheitssektor an der ersten Verteidigungslinie, unterstützt von etlichen Freiwilligen im Hinterland.
Der Arbeitstag kann auf 12 Stunden verlängert werden. Dadurch steige auch das Risiko von Behandlungsfehlern, kritisiert ein Arzt. Foto: Daniel Karmann/dpa
Die Angst, unsere Nachbarländer könnten die Grenzen für die in unseren Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen beschäftigten, Zehntausenden medizinischen Fachkräfte schließen, beunruhigt die Politik zu Recht. Dass sie die Gesundheitsversorgung zentralisiert steuern will und Personalreserven für den Notfall bildet, ist durchaus nachvollziehbar. Nur, die Art und Weise, wie diese Reorganisation derzeit erfolgt, stößt nicht überall auf Zustimmung. Die neue Struktur für die Patientenübernahme und -betreuung war zu Wochenbeginn von Gesundheitsministerin Paulette Lenert und dem Präsidenten der Ärzte- und Zahnärztevereinigung, Dr. Alain Schmit, vorgestellt worden. Der Einsatz des medizinischen Personals wird quasi generalstabsmäßig von einer Koordinationsstelle geleitet.
So mancher Arzt fühlt sich denn auch regelrecht zwangsmobilisiert. Zuerst sei von Freiwilligkeit gesprochen worden, jetzt werde einem so gut wie keine Wahl mehr gelassen, sagte uns ein Arzt am Dienstag. Der Mann ist Allgemeinmediziner und will aus verständlichen Gründen nicht genannt werden. Wir nennen ihn in diesem Beitrag Dr. A. Da werde von oben herab eine Änderung der medizinischen Versorgung diktiert, sagt er. Dabei sei nicht einmal mit den Praktikern vor Ort geredet worden. Über die Bildung der medizinischen Reserve und den Aufruf, sich zu melden, habe er zuerst von RTL erfahren, am späten Abend, nachdem er seinen letzten Patienten betreut hatte.
Fünf Ärztegruppen
Arztpraxen sind bis auf Weiteres geschlossen. Konsultationen finden nur über Telefon bzw. Videogespräch statt. Nur in Ausnahmefällen kann es zu einer physischen Präsenz des Patienten in der Praxis kommen. Im Kampf gegen das Coronavirus werden die Ärzte und Zahnärzte in fünf Gruppen eingeteilt: Die erste arbeitet mit Covid-19-Patienten, die zweite mit Covid-19-negativen Patienten, eine dritte Gruppe kümmert sich um Personen in Alters- und Pflegeheimen, eine vierte Gruppe bilden Fachärzte. Zahnärzte sind der fünften Gruppe zugeteilt. Ärzte und Pflegekräfte waren zuletzt am Montagabend aufgerufen worden, sich bis Dienstag, 31. März, zu melden.
Patienten und Ärzte seien praktisch nur noch eine Nummer, kritisiert Dr. A. Patienten werde die freie Arztwahl vorenthalten. Das sei der Preis dieser Krise, hatte Gesundheitsministerin Paulette Lenert dazu am Montag gesagt. Problematisch sei diese Vorgehensweise insbesondere für ältere Patienten, die seit Jahren vom selben Arzt betreut werden, so Dr. A. Nur der behandelnde Arzt wisse, welche Arzneimittel für seinen Patienten angebracht seien. Eine Änderung könne dramatische Folgen für die betagte Person haben, warnt er.
Komplexe Sachlage
Auch Ärzte und Krankenpfleger können zu Risikogruppen gehören. Mobilisiert werden dieser Tage alle Fachkräfte, auch solche im Ruhestand. Ein 65-jähriger Arzt gehört zur Risikogruppe. Und was sei mit jenen, die selbst gesundheitliche Beschwerden hätten, bisher jedoch problemlos ihren Beruf ausüben konnten? Sie würden durch den Kontakt mit Covid-19-Patienten einem erhöhten Risiko ausgesetzt sein, sorgt sich Dr. A. Noch komplexer ist die Sachlage für Ärztepaare. Wohin mit den Kindern, wenn beide Elternteile in den Einsatz an der Covid-19-Front müssen? Wie steht es mit dem Ansteckungsrisiko gegenüber den Kindern? Und wohin überhaupt mit den Kleinen, da sie nicht zur Oma oder zum Opa dürfen?
Unverständlich ist die Verlängerung der Arbeitszeit. Arbeitsminister Dan Kersch hatte diese Möglichkeit für einige Bereiche vergangene Woche angekündigt. Statt 48 Stunden die Woche sind nun während der Corona-Krise 60 erlaubt. Der Arbeitstag kann auf 12 Stunden verlängert werden. Die Entscheidung war unter anderem vom OGBL missbilligt worden. Längere Arbeitszeiten bedeuten für das Pflegepersonal und die Mediziner eine größere Ansteckungsgefahr, sagt Dr. A. Auch steige das Risiko von Behandlungsfehlern.
Radikale Umstrukturierung
Wenig Verständnis bringt der Arzt insbesondere für die zuletzt verfügte radikale Umstrukturierung der Übernahmeprozeduren. Dabei würden die bisher getroffenen Maßnahmen wie die von den Menschen weitgehend akzeptierten Ausgangsbeschränkungen bereits erste Ergebnisse zeitigen, sinkt doch die Zahl neuer Ansteckungen tendenziell.
Dr. A. ist nur eine Stimme aus dem großen Kreis medizinischer Experten, die sich unter größtem persönlichem Einsatz um den gesundheitlichen Zustand der Gesellschaft und eine Minimierung der Folgen der Corona-Pandemie bemühen. Dass trotz politisch verfügten nationalen Krisenzustands kritische Stimmen gehört werden müssen, sollte auch für Luxemburg eine Selbstverständlichkeit sein.