Luxemburg

Die Not der Ungehörten: Flüchtlinge machen auf ihre prekäre Wohnungssituation aufmerksam

Die am meisten unter der Wohnungskrise leiden, sind in der Regel die schwächsten Glieder der Gesellschaft. Dazu gehören die Geflüchteten. Eine Gruppe von Migranten ist nun in die Öffentlichkeit gegangen, um das Recht auf eine angemessene und dauerhafte Unterkunft einzufordern.

Auf der Pressekonferenz der „Réfugiés en détresse de logement“ im Restaurant „Chiche“ auf dem Limpertsberg

Auf der Pressekonferenz der „Réfugiés en détresse de logement“ im Restaurant „Chiche“ auf dem Limpertsberg Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Plötzlich ging die Angst um. Mit der Ankündigung, dass das „Office national de l’accueil“ (ONA) Migranten, die unter internationalem Schutz stehen, auf die Straße setzen würde, und mit der Aufforderung per Brief, den sie vom ONA erhalten haben, ihr Flüchtlingsheim zu verlassen, verfielen nicht wenige unter ihnen regelrecht in Panik und befürchten nun, ihre Unterkunft tatsächlich verlassen zu müssen oder dass ihre Kinder von ihnen getrennt in Heimen untergebracht werden. Sie bilden gemeinsam mit Luxemburger Aktivisten ein Kollektiv und haben einen Brief an die zuständigen Ministerien verfasst, um auf ihre Not aufmerksam zu machen. Am Mittwochvormittag gingen sie mit ihrem Anliegen im Rahmen einer Pressekonferenz in dem Limpertsberger Restaurant „Chiche“ an die Öffentlichkeit.

Von den 793 Menschen, die dieses Jahr bis Ende Juli einen Antrag auf internationalen Schutz stellten, bilden nach Angaben der „Direction générale de l’Immigration“ – wie etwa in den Jahren zuvor – die Eritreer die größte Gruppe (178 bzw. 17 Prozent), gefolgt von den Syrern. Beide Nationalitäten gehörten auch zu den Gruppen, denen Anträge größtenteils genehmigt wurden, die sogenannten „Bénéficiaires de protection internationale“ (BPI). Eritrea, das einst zu Äthiopien gehörte, wurde 1993 unabhängig und ist seither eine Diktatur, die von manchen als „Nordkorea Afrikas“ bezeichnet wird.

„Wir waren gezwungen, unsere Länder zu verlassen und fanden Zuflucht und Sicherheit und stehen nun vor einer neuen Herausforderung: der ständigen Gefahr, unsere Unterkunft, unsere Stabilität und unsere Würde zu verlieren“, heißt es seitens des Kollektivs.

Angst um die eigenen Kinder

Die Räumungsverfahren der ONA versetzen die Betroffenen in Unruhe und Unsicherheit. Denn der Verlust einer Adresse bedeutet nicht nur, dass sie kein Dach über dem Kopf haben, sondern auch, „dass wir unseren Arbeitsplatz, unsere sozialen Rechte und jede Chance auf einen Neuanfang verlieren“, heißt es in dem dramatischen Appell. „Unsere Kinder laufen Gefahr, von uns getrennt und in Heimen untergebracht zu werden, obwohl die Wohnsituation niemals eine Trennung der Familie rechtfertigen sollte. Das Recht auf Wohnen vorenthalten zu bekommen, bedeutet nicht zuletzt Ausgrenzung und Leid.“

„Die meisten kennen das hiesige System nicht und wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen“, sagt Miriam Yossief Negassi. Die Eritreerin ist seit gut fünf Jahren in Luxemburg. Sie folgte im Zuge der Familienzusammenführung ihrem Mann mit dem Flugzeug von Uganda, wohin sie aus ihrer Heimat vorübergehend geflohen war, nach Luxemburg. Zurzeit übersetzt sie auf freiwilliger Basis für ihre Landsleute. Von ihren vier Kindern sind zwei hierzulande geboren. Der Familie wurde vom Roten Kreuz ein Haus vermittelt, allerdings nur auf drei Jahre befristet. Ihr droht der Rauswurf.

„Wir beten dafür, dass wir eine feste Bleibe behalten“, so die 38-Jährige. Sie weiß auch, wie eng die Chance, eine Arbeitsstelle zu finden, mit dem Nachweis einer festen Bleibe zusammenhängt. Neben der Wohnungsnot stellt auch der Zugang zum Arbeitsmarkt ein großes Problem dar: „Wer die nicht hat, findet kaum eine Arbeit, und wer keine Arbeit hat, findet auch keine Wohnung.“ Miriam Yossief Negassi weiß von einigen ihrer Landsleute, die bereits für völlig überteuerte Mietpreise in Hotels leben oder gar auf Campingplätzen.

Nach der Flucht die Enge

„Wir kamen nach einer langen und beschwerlichen Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer hier an, wo wir Tausende unserer Brüder und Schwestern verloren haben“, sagt Fessehaye Ghebregergis, ein Sprecher der Flüchtlinge. „Das Großherzogtum hieß uns willkommen und rettete uns. Wir schätzen das sehr. Trotzdem ist die Situation der eritreischen Flüchtlinge in den Lagern schockierend. Wir sind hierhergekommen, um in Frieden und Sicherheit zu leben, uns selbst mit Arbeit zu versorgen und einen positiven Beitrag für das Land zu leisten – und nicht, um auf dem Rücken der Regierung und von Sozialhilfe zu leben. Und vor allem wollen wir nicht jahrelang in einem Lager leben. Denn es ist wirklich schmerzhaft, ohne privaten Rückzugsraum zu leben und nicht selbst kochen zu dürfen.“

Nicht wenige fürchten, von ihren Kindern getrennt zu werden

Nicht wenige fürchten, von ihren Kindern getrennt zu werden Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Einige Familien seien bereits auf die Straße geworfen worden, andere hätten schon einen Brief vom ONA mit der Aufforderung erhalten, ihre Einrichtung zu verlassen, weiß Fessehaye Ghebregergis. Er kennt Flüchtlingsunterkünfte, in denen zehn Personen in einem Einzelzimmer leben, für 510 Euro pro Person. „Jahrelang in einer solchen Struktur zu leben, ist schwierig. Wer tagsüber arbeitet und abends nach Hause kommt, will sich gerne mal zurückziehen“, sagt eine junge Frau, die als Kellnerin arbeitet. „Aber das ist nicht möglich, wenn du im Flüchtlingsheim lebst. Und für Kinder und Jugendliche ist es ebenfalls sehr belastend.“

Diyana Tehadese wohnt in einer Struktur des ONA in Zolver, nachdem sie bereits eine Odyssee durch andere Einrichtungen erlebt hat. „Von der ,Structure d’hébergement d’urgence Kirchberg‘ (SHUK) über das ,Centre de primo-accueil Tony Rollman‘ und Einrichtungen in Mersch und Monnerich kam ich schließlich nach Zolver, wo im dritten Stock des Gebäudes 28 Frauen in einem Raum leben“, erzählt sie, „eine davon ist schwanger.“ Sie zeigt Fotos von der Struktur, wo sie untergebracht ist, und den beengten Lebensverhältnissen, ohne Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Diyana Tehadese kann sich nicht erklären, warum ausgerechnet ihre Bevölkerungsgruppe so wenig Raum zur Verfügung hat.

Sirak Tedros kam 2017 nach Luxemburg und erhielt ein zeitlich befristetes Aufenthaltsrecht. „Ich habe mit meiner Frau und meinen beiden Kindern, die beide hier geboren sind, ein Leben aufgebaut. Seit etwa fünf Monaten erleben wir eine besonders schwierige Zeit. Wir sind gezwungen, in einem Hotel oder auf einem Campingplatz zu leben. Meine Frau ist krank geworden. Ihr Zustand hat sich besorgniserregend verschlechtert. Sie verliert mehr und mehr an Gewicht.“

Das Recht auf Wohnen vorenthalten zu bekommen, bedeutet nicht zuletzt Ausgrenzung und Leid

Appell der Flüchtlinge

Weitere Flüchtlinge, vorwiegend aus Eritrea, berichten im Laufe der Pressekonferenz von ihrer Situation, sind mit ihren Familien ins „Chiche“ gekommen, um darüber zu sprechen, 163 haben einen Brief unterzeichnet, der an das Innenministerium und an die Ministerien für Familie, Wohnungsbau und Finanzen gerichtet ist.

„Wir wissen, dass die Situation für viele sehr schwierig ist“, sagt Charel Schmit, der Ombudsmann für Kinder und Jugendliche, der ins „Chiche“ gekommen ist, um die Flüchtlinge anzuhören. „Das gilt nicht nur für Eritreer, sondern auch für andere Einwohner des Landes. Wir brauchen mehr Unterbringungsmöglichkeiten, um die Lage zu verbessern.“ Er appelliert in diesem Zusammenhang an die Verantwortung der Gemeinden.

Fessehaye Ghebregergis, der seit 2022 in Luxemburg ist, entgegnet darauf: „Wir wissen, dass nicht nur wir betroffen sind. Wir haben jedoch viele Nachteile, sowohl sprachliche als auch psychologische.“ Denn fast jeder der Geflüchteten hat auf dem Weg nach Europa traumatisierende Erfahrungen gemacht. Er selbst sei in seiner Heimat Lehrer und Psychologe gewesen. Er kennt die Not derer, die bis heute hierzulande weitgehend ungehört bleiben.

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