Vier Jahre Zeitenwende in der Ukraine
Demonstration anlässlich des bevorstehenden Jahrestages der russischen Großinvasion
Bis zu etwa tausend Menschen haben am Samstag in der Hauptstadt demonstriert, um an den russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 und an den anhaltenden Krieg zu erinnern. Luxemburgs Solidarität mit dem osteuropäischen Land scheint ungebrochen.
Der Demonstrationszug, organisiert von der Organisation LUkraine in Kooperation mit der Vertretung der Europäischen Kommission in Luxemburg, ist an der place Clairefontaine angekommen Foto: Editpress/Julien Garroy
Die ersten Teilnehmer an der Demonstration haben sich auf der place de la Gare versammelt, als es aufhört zu regnen. Zahlreiche ukrainische Flaggen wehen im Wind, dazu u.a. auch lettische, polnische, tschechische und luxemburgische – und die Fahne der Europäischen Union. Auf Plakaten wird darauf hingewiesen, dass die Ukraine ein Teil Europas sei. Während eine Gruppe eine große blau-gelbe Ukraine-Fahne ausbreitet, eilen Mitglieder der die Demo organisierenden Vereinigung LUkraine umher.
Eine der Verantwortlichen ergreift ein Megafon, begrüßt die Teilnehmer und spricht einige einleitende Worte über den seit vier Jahren andauernden Krieg, der in der Ostukraine schon viel früher begann: als 2014 im Donbass-Gebiet prorussische bewaffnete Milizen gemeinsam mit regulären russischen Truppen gegen ukrainische Streitkräfte zu kämpfen begannen und Russland die ukrainische Halbinsel Krim völkerrechtswidrig annektierte. Einige hatten schon damals vor der russischen Botschaft in Luxemburg demonstriert.
Um 14 Uhr ziehen die Demonstranten los durch die Avenue de la Liberté, begleitet von ukrainischer Musik aus einem Lautsprecher. Ein ums andere Mal skandieren sie „Slawa Ukrajini“ (Ehre bzw. Ruhm der Ukraine). Sie nennen lautstark den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Schuldigen für das jahrelange Leid der Ukrainer.
Europas Sicherheit und Freiheit
Ein Mann hält ein Plakat hoch, auf dem „Free Azov“ steht. Er erinnert an die Verteidigung des Asow-Stahlwerks, wo sich die ukrainische Elitebrigade Asow, zusammen mit Soldaten der Marineinfanteriebrigade und mehreren Hundert Zivilisten im April und Mai 2022 bis zur Erstürmung durch die russischen Truppen verschanzt hatten. „Das ist mein Bruder“, sagt Anna und zeigt auf den Mann. Die Ukrainerin aus Dnipro ist mit ihrer Familie seit vier Jahren in Luxemburg. „Wir waren in Urlaub in Lwiw, als die Russen am 24. Februar 2022 angriffen“, erinnert sie sich. „Wir konnten wegen der Angriffe nicht mehr nach Hause und beschlossen, zu fliehen.“

Auf dem Weg durch die Stadt schlossen sich immer mehr Menschen der Demonstration an Foto: Editpress/Julien Garroy
Aus der westukrainischen Stadt gelangte die Familie schnell zur etwa hundert Kilometer entfernten Grenze nach Polen, die sie bei Medyka überschritt. Da ihr Bruder bereits seit 2014 in Luxemburg lebte, hatte Anna ein Ziel. Seither hat sie einen Großteil ihrer Familie nachgeholt. „Niemand hatte gedacht, dass der Krieg so lange dauern würde“, sagt sie und erinnert an den herzlichen Empfang in Luxemburg vor vier Jahren. „Zuerst wurden wir in einem Hotelzimmer untergebracht, dann bekamen wir bald eine andere Bleibe“, erzählt sie. Jetzt wohne sie in Wormeldingen.

Gedenken an Asow. Demonstranten auf der place Clairefontaine Foto: Editpress/Julien Garroy
Während Anna an der International School arbeitet, fand ihr Mann Denis, der sie mit ihrem zwölfjährigen Sohn und anderen Familienmitgliedern auf die Demo begleitet hat, schnell eine Stelle im IT-Bereich. „Ich hatte schon in der Ukraine für ein internationales Unternehmen gearbeitet“, erklärt Denis. Das Ehepaar weiß, dass es für viele, die später nach Luxemburg kamen, schwieriger geworden ist und dass viele „lange in den Aufnahmelagern ausharren müssen“. Die Mehrheit bestehe aus Frauen mit ihren Kindern. „Wir hatten das Glück, dass wir gemeinsam hierherkamen.“
Anna ruft ihrem Bruder zu und bittet ihn, sein Plakat umzudrehen. Auf der Rückseite steht: „United we stand“. Das stehe für die Ukrainer allgemein, sagt sie. „Niemand dachte, dass wir dem russischen Überfall standhalten und so lange Widerstand leisten könnten. Aber wir wurden immer stärker. Die Freiheit ist uns wichtiger als das Leben, ohne Freiheit ist das Leben nichts.“ Sie weist schließlich – wie viele andere an diesem Tag –, darauf hin, dass die Ukrainer nicht zuletzt auch die Sicherheit und die Freiheit Europas verteidigen.
Als der Demonstrationszug am Clairefontaine-Platz ankommt, ist zu sehen, dass die Menge von anfangs einigen hundert bis auf etwa tausend Teilnehmer angewachsen ist. Unter einem Schutzdach, an dem „Defend your future now!“ zu lesen ist, hält zuerst LUkraine-Präsident Nicolas Zharov eine Rede. Er erinnert an „die 1.459 Tage, die das ukrainische Volk bereits gelitten hat“. Für viele bedeute dies ein tägliches Leben mit Bombardements und Sirenengeheul. Er betont: „Als Russland einmarschierte, betraf dies nicht nur die Ukraine. Die Weltordnung beruht auf wichtigen Regeln, dass etwa Grenzen nicht mit Gewalt verändert werden und souveräne Staaten nicht erobert werden, nur weil ein stärkerer Nachbar es beschließt.“ Die Gewalt dürfe nicht siegen, dies gelte als globales Signal. Die Ukraine dürfe nicht verkauft werden, auch nicht im Rahmen von Friedensgesprächen.
Verteidigung der Zukunft
Verteidigungsministerin Yuriko Backes, die u.a. neben Zharov und dem LSAP-Abgeordneten Marc Angel im Demonstrationszug in der vordersten Reihe ging, nannte den Hauptschuldigen der kriegerischen Gewalt: „Putin hätte diesen Krieg längst beenden können. Aber er beendet ihn nicht. Im Gegenteil, er bombardiert weiter unschuldige Zivilisten und zivile Infrastruktur.“ Europa sei nicht sicher, solange die Ukraine kein freies Land sei, dessen Souveränität geachtet werde, so Backes weiter. Sie betont, dass Luxemburg auf der richtigen Seite der Geschichte stehe, indem es die Ukraine unterstütze. Einige Meter weiter hält eine Frau ein Plakat hoch, auf dem zu lesen ist: „I want Luxembourg to be brave to lead not just support“.
Die Freiheit ist uns wichtiger als das Leben, ohne Freiheit ist das Leben nichts
Anna
Ukrainerin

Selbstverständlich: Die Ukraine ist ein Teil Europas und nicht Russlands Foto: Editpress/Julien Garroy
Während einige emotionale Reden gehalten werden, darunter von der tschechischen Botschafterin in Luxemburg, Barbara Karpetova, gefolgt von der rumänischen, Alexandrina-Livia Rusu, kümmert sich Iryna aus dem LUkraine-Team koordinierend um den reibungslosen Ablauf. Die erfahrene Social-Media- und Event-Managerin aus Lwiw lebt seit einigen Jahren in Luxemburg. Sie fährt mehrmals pro Jahr in die vom Krieg geschundene Heimat, „um zu helfen und die Menschen dort zu unterstützen“.
Endloser Krieg
Die Situation im dritten Kriegswinter mit Temperaturen bis in den zweistelligen Minusbereich ist noch schwieriger geworden. Manchmal gibt es dort nur ein paar Stunden pro Tag Strom. Die Städte und Dörfer sind ständig Angriffen durch Drohnen und Artilleriefeuer ausgesetzt. Beschossen werden neben der Energieinfrastruktur auch Wohnhäuser und Kliniken. Kinder werden in unterirdischen Schulen unterrichtet, Drohnen machen Jagd auf Zivilisten.

Feuer und Flamme für die Ukraine Foto: Editpress/Julien Garroy
Seit Beginn der russischen Großinvasion sind auf ukrainischer Seite mehr als 100.000 Menschen in der Ukraine ums Leben gekommen, bei weitem nicht nur Soldaten. Vor allem das vergangene Jahr war nach UN-Angaben das tödlichste für Zivilisten. Etwa 7.000 Ukrainer sind nach Angaben aus Kyjiw in russischer Gefangenschaft. Mindestens 20.000 ukrainische Kinder sollen nach Russland verschleppt worden sein.
Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. „Die vier Jahre Krieg sind wie ein langer Tag, wie eine Verdichtung der Zeit“, so der ukrainische Schriftsteller und Soldat Serhij Zhadan. „Die Zeit verläuft nicht mehr linear. Das Zeitgefühl ist anders geworden.“ Die einen hätten ungeahnte Kräfte und Resilienz an sich entdeckt, die anderen sind gebrochen.

Die Demonstration durch die Hauptstadt. Mit in vorderster Linie: Verteidigungsministerin Yuriko Backes (DP) und der LSAP-Europaabgeorndete Marc Angel Foto: Editpress/Julien Garroy