Energieminister Turmes
26 Prozent weniger Gasverbrauch: „Gassparmatch ist noch nicht vorbei“
Luxemburg hat das europäische Gassparziel weit übertroffen: Im Großherzogtum wurden 26,3 Prozent weniger Gas verbraucht. Hauptverantwortlich dafür ist die Industrie. Laut Energieminister Claude Turmes („déi gréng“) müsse nächsten Winter allerdings wieder gespart werden.
Etliche Verwaltungen und Ministerien beteiligten sich an den Gassparbemühungen Foto: Editpress/Julien Garroy
„Wir haben als Land zusammen gespart und -gehalten und deswegen sind wir durch den Winter gekommen.“ Das sagte Energieminister Claude Turmes („déi gréng“) am Donnerstagmorgen während einer Pressekonferenz. Europa habe die erste Hälfte des „Gassparmatches“ gegen Putin gewonnen – doch die Krise sei noch nicht vorbei. Insgesamt verbrauchte Luxemburg vom vergangenen August bis März 26,3 Prozent weniger Gas als während der gleichen Zeit in den vergangenen fünf Jahren. Das Tageblatt hatte bereits Anfang April nachgerechnet und berichtet, dass Luxemburg sein Gassparziel erreicht hat. Damit steht Luxemburg im europäischen Vergleich auf Platz sieben – hinter Finnland, Litauen, Schweden, Estland, Lettland und den Niederlanden. Im Januar verbrauchte das Großherzogtum mit 832 GWh am meisten Gas – im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen fünf Januare stellte das trotzdem 25,5 Prozent weniger Verbrauch dar.
Der Wohnsektor kam in Luxemburg auf Einsparungen von 17,5 Prozent, bei kleineren Unternehmen (weniger als 10 GWh Verbrauch pro Jahr) waren es nur 7,5 Prozent und bei größeren (10 bis 280 GWh pro Jahr) waren es 15 Prozent. Die milderen Temperaturen im Winter würden allerdings nur 3 Prozent ausmachen. Heißt: Rechnet man den Effekt der ungewöhnlichen Temperaturen ab, wurden trotzdem noch immer 14,5 bzw. 4,5 Prozent Gas eingespart.
Und: Luxemburg konnte seinen Stromverbrauch in den vergangenen acht Monaten reduzieren – im Durchschnitt um 6,19 Prozent. Im Januar waren es sogar knapp 10 Prozent.
So verlief das „Gassparmatch“ gegen Putin bis jetzt
Der Weg zum vorläufigen „Sieg“ im Gasmatch gegen Putin war kein einfacher. Das russische Gas stellte am Anfang des Krieges in der Ukraine 40 Prozent des europäischen Verbrauchs dar. Die Gasspeicher waren am Anfang des Krieges nicht reglementiert – das russische Erdgasförderunternehmen Gazprom konnte sich also erlauben, die Speicher kaum zu befüllen. Auch die Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Gas sei ein Problem gewesen.
Am 27. Juni wurde eine Reglementierung der europäischen Gasspeicher eingeführt, die dafür sorgte, dass die Gasspeicher obligatorisch gefüllt werden mussten. Das habe wiederum zur Expropriation von Gazprom in Deutschland, Holland und Österreich geführt. „Die Gasspeicher wurden dann überdurchschnittlich gut gefüllt“, sagte Claude Turmes während der Pressekonferenz. Am 5. August wurde kollektiv in Europa entschieden, 15 Prozent Erdgas zu sparen. „Das russische Gas, das vergangenes Jahr nicht geliefert wurde, beträgt 90 bcm (Kubikmeter Naturgas)– durch das Sparen wurden in Europa 42 bcm eingespart“, sagte Turmes. Das Gassparen sei essenziell gewesen im „Match“ gegen Putin. Auch der Einkauf von Flüssiggas“ (LNG) habe eine wichtige Rolle gespielt.
Industrie hauptverantwortlich für die Einsparungen
Der Bereich, der am meisten Gas eingespart hat, war die Industrie mit 55,4 Prozent. Die Produktion habe allerdings nicht sonderlich darunter gelitten – im vierten Quartal habe es lediglich einen Produktionsrückgang von 6,6 Prozent gegeben. Das Gas wurde laut Energieminister zum größten Teil auch nicht mit anderen fossilen Energieträgern ersetzt. Etliche Betriebe seien bereit gewesen, auf Heizöl umzusteigen, hätten das letztendlich aber nicht gemacht. „Die Information, die wir heute haben, ist, dass das sehr wenig gemacht wurde“, sagt Turmes. Genaue Zahlen gebe es dazu allerdings nicht.
Energieminister Claude Turmes zeigte sich zufrieden mit den Bemühungen Luxemburgs Foto: Editpress/Julien Garroy
Das „Reporting“ des Ministeriums sei noch nicht so schnell. „Insgesamt merken wir, dass wir unsere Datenlage verbessern müssen, und wir werden vor dem Sommer eine nationale Energiedatenplattform bekommen, die komplett digitalisiert ist und es uns in Zukunft vereinfachen wird, präzisere und schnellere Daten zu haben“, sagte Turmes. Dadurch könne man dann auch schneller reagieren. Die Krise habe in dieser Hinsicht geholfen, „den Blick zu schärfen“.
Das Ministerium wolle auch stärker beobachten, wie viele Menschen jetzt noch Gas- oder Ölheizungen anstatt Wärmepumpen installieren. Momentan ist der Umstieg noch freiwillig. Aber: „Momentan werden mehr Wärmepumpen bestellt, als aufgebaut werden“, sagte Turmes. Laut Alexandre Kieffer von der Handwerkskammer liegt das Problem nicht an einem Mangel an ausgebildetem Personal, sondern daran, dass sie nicht schnell genug geliefert werden.
Die Regierung hat neben Informationskampagnen, finanziellen Hilfen und Kooperationen auch einen Blick auf die eigenen Gebäude geworfen. „Wenn man so eine Kampagne auf die Beine stellt, ist es wichtig, dass man auch selbst seine Hausaufgaben macht“, meinte der grüne Minister. Turmes hob während der Pressekonferenz drei Beispiele hervor: das Ministeriumsgebäude „Héichhaus“ auf Kirchberg, Lycée Bel-Val und Lycée Ermesinde in Mersch. Das „Héichhaus“ konnte so 20 Prozent Energie einsparen, im Lycée Bel-Val verbrauchten die Verantwortlichen 32 Prozent weniger Energie und im Lycée Ermesinde waren es Einsparungen von 15 Prozent. „Nur dadurch, dass ich jemanden in den Keller schicke, der die technische Anlage richtig einstellt, und ich die Temperatur so einstelle, dass ich nicht überheize, ist es schon möglich, viel Energie zu sparen“, sagte Turmes. Dabei konnte über die Hälfte der Einsparungen durch Veränderungen beim Heizen erreicht werden.
Wichtige Zusammenarbeit
„Wir waren mit jedem, der etwas mit Gas zu tun hat, im Kontakt“, sagte Claude Turmes. Syvicol, Handelskammer, Handwerkskammer und Klima-Agence waren auch auf der Pressekonferenz. Die Verwaltungen haben in ihren jeweiligen Bereichen Informationskampagnen durchgeführt und ihre Mitglieder bzw. die Bürger beim Energiesparen beraten. Alle Beteiligten hätten schon vor dem Ukraine-Krieg versucht, energiesparende Maßnahmen umzusetzen, doch: „Diese Katastrophe hat uns wachgerüttelt und das, was wir ohnehin einführen wollten, wurde nun schneller umgesetzt“, sagte Emile Eicher, Vorsitzender des Gemeindesyndikates Syvicol.
„Der Krieg ist noch nicht vorbei“
Europa bewege sich Ende des Jahres in die zweite Hälfte des „Gassparmatches“ – die Krise ist laut Turmes noch nicht überstanden. Die Ausgangssituation sei dieses Jahr allerdings in mehreren Aspekten eine andere. So seien die Gasspeicher dieses Mal besser gefüllt. Der Energieminister erhoffte sich Anfang Januar noch, dass die Gasspeicher bis Ende April zur Hälfte gefüllt sind – letztendlich sind es 55 Prozent. Das Ziel wurde also erreicht.
Ein Grund für die großen Ersparnisse bei der Industrie war laut Turmes unter anderem, dass eine Reihe der Betriebe die Wartungsarbeiten in die Winterzeit gelegt habe. Das sei für den nächsten Winter nicht mehr der Fall. „Nächstes Jahr werden wir also nicht mehr auf 55 Prozent weniger Verbrauch kommen, sondern eher im Bereich 30 bis 35 Prozent sein“, sagt Turmes.
Ein weiteres Problem: „Vergangenes Jahr war es relativ einfach, Flüssiggas auf dem Weltmarkt einzukaufen, weil China sich in der Null-Covid-Politik befand – 30 bis 40 Millionen Chinesen waren also zu Hause eingesperrt“, so Turmes. Dementsprechend stand dann auch ihre Industrie still. Insgesamt importierte China von Januar bis August nämlich 11 Millionen Tonnen Flüssiggas weniger als im Vorjahr. Das ungenutzte Flüssiggas konnte dann von Europa gekauft werden. Das sei dieses Jahr nicht mehr der Fall.
Trotzdem seien die europäischen Länder wegen gefüllter Speicher und etablierter Gassparziele besser aufgestellt. Die EU hat das Gassparziel von 15 Prozent nämlich verlängert. Heißt: Zwischen April 2023 und März 2024 muss wieder weniger Gas verbraucht werden. „Das Match ist nicht vorbei, wir müssen weiter versuchen, Energie zu sparen – und jede neue Wärmepumpe, Fotovoltaikanlage und Renovierung ist positiv“, sagte Turmes.
Das Auszahlen der Prämien soll schneller gehen
Bisweilen kann es sehr lange dauern, bis Prämien für erneuerbare Energien ausgezahlt werden. Sowohl die Verwaltung von Umweltministerin Joëlle Welfring als auch die von Claude Turmes würden „unter Hochdruck“ daran arbeiten, den Prozess zu beschleunigen. Das Umweltministerium habe eine detaillierte Analyse gemacht, wie sie momentan mit den tausenden Anfragen umgehen. „Da wurde jemand eingestellt, der sich nur darum kümmert, diesen Ablauf zu kontrollieren“, sagte Turmes. Es werde auch daran gearbeitet, die Anfragen digitaler zu gestalten. „Wir haben ein Beispiel, wo das wirklich gut funktioniert: Bei den Ladestationen haben wir von Anfang an ein digitales Sytem benutzt“, so der Minister. Sie seien sich bewusst, dass es momentan nicht optimal laufe. „Wir entschuldigen uns bei denjenigen, die sich bemüht haben und dann auf ihre Hilfen warten müssen, aber wir arbeiten mit Hochdruck daran“, so Turmes. Der betroffene Dienst habe kürzlich zwölf Angestellte hinzubekommen, diese würden jetzt eingearbeitet – demnächst müsste also eine Verbesserung zu erkennen sein.