JD Vance, Tech-Bros und die „Dunkle Aufklärung“
Der König von Amerika
Klingt nach Verschwörungstheorie: Eine Allianz aus Tech-Milliardären, antidemokratischen Internet-Philosophen und ultrareligiösen Christen ist dabei, eine US-amerikanische Monarchie vorzubereiten. In deren Zentrum könnte stehen: Vize-Präsident JD Vance.
Auf ihn setzen viele reaktionäre Vordenker ihre Hoffnungen: der aktuelle US-Vize-Präsident JD Vance Illustration: Editpress/Kim Kieffer
Luc Frieden ist nicht der Einzige, der gerne von Regierungschefs als CEOs spricht. Im Silicon Valley hat man diese Idee ins Extrem getrieben. Für Curtis Yarvin sind Unternehmen die besseren Staaten. Effektiv, effizient und streng hierarchisch organisiert, mit einem CEO an der Spitze, der bestimmt, wo es langgeht. Yarvin ist ein rechtslibertärer Blogger und wenn er nach einer Begründung für seine These gefragt wird, dann erklärt er das oft mit diesem Beispiel, so auch Anfang 2025 im Interview mit der New York Times: „Stellen Sie sich vor, Ihr MacBook Pro würde nicht von Apple hergestellt werden, sondern vom kalifornischen Ministerium für Informatik.“ Für Yarvin bedeutet das: Dictators do it better. Deshalb hat die Demokratie ausgedient – zu schwach, zu langsam, zu rücksichtsvoll. Und mit ihr gleich der ganze Glaube an Gleichheit und Freiheit. Monarchie, das ist und war die beste Staatsform. Die USA braucht keinen Präsidenten, sondern einen „CEO-Diktator“.
Yarvin ist ein Gewächs des Silicon Valley. Er ist von Beruf Softwareentwickler und war selbst einmal CEO seiner eigenen Firma. 2008 veröffentlichte er als relativ obskurer Blogger in den Untiefen des Internets einen Beitrag mit dem Titel „An Open Letter to Open-Minded Progressives“, damals noch unter seinem Pseudonym Mencius Moldbug. Dieser Text ist die Initialzündung einer Bewegung, die manche als neoreaktionär bezeichnen, andere als „Dark Enlightenment“, als dunkle Aufklärung. Eine düstere Zerrspiegelversion von Immanuel Kants „Sapere aude“, wenn man so will.
Vorbereiter des rechten „Vibe Shift“
Moldbug alias Yarvin beschreibt darin eine gesellschaftliche Elite, die aus Medien und Akademikern besteht und die die breite Masse der Bevölkerung mit ihrem links-liberalen Gedankengut gehirngewaschen hat. Yarvin nennt sie „die Kathedrale“. Was die Gesellschaft aber brauche sei ein „reboot“, ein Neustart, „die Abschaffung der Demokratie, der Verfassung und der Rechtsstaatlichkeit“. Die Macht müsse an einen CEO übertragen werden, der die Regierung in ein „schwer bewaffnetes, extrem profitables Unternehmen“ verwandeln würde. Was dann folgt, ist eine Mischung aus Libertarismus, Rassismus und Faschismus: Schulen und Universitäten sollen verkauft, Einwanderung eingestellt, die Presse abgeschafft, „unzivilisierte Bevölkerungsgruppen“ inhaftiert und jede Auslandshilfe eingestellt werden. Einem wichtigen Punkt seines Umsturzplanes gibt Yarvin das Akronym „RAGE“: „Retire All Government Employees“, alle Regierungsangestellten sollen in den Ruhestand geschickt werden.
Spätestens hier fällt einem die Prophetie dieser Worte auf. Man denke an das vergangene Jahr, als Donald Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit zunächst USAID zerstörte und dann zusammen mit Elon Musk als Leiter der US-Regierungsbehörde zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung (DOGE, noch so eine irres Akronym) die Kettensäge an der US-Verwaltung ansetzte. Der rechte „Vibe Shift“, der tiefgreifende Wandel von einer tolerant-progressiven zu einer konservativ-reaktionären Gesellschaft, den viele Menschen im vergangenen Jahr gespürt und beschrieben haben, Curtis Yarvin war einer seiner wichtigsten Vorbereiter.
Die Tech-Branche steht hinter Vance: Sundar Pichai (l., Google) und Elon Musk bei der Amtseinführung von Donald Trump – nicht im Bild, aber an diesem Tag auch anwesend: Mark Zuckerberg und Jeff Bezos Foto: AFP
Aus dem intellektuellen Außenseiter und Internet-Troll ist ein einflussreicher Philosoph geworden. Yarvin ist heute wichtiger Gast im Medienuniversum der Alt-Right-Influencer und -Podcaster, vom abtrünnigen Fox-News-Journalisten Tucker Carlson bis zum im vergangenen Jahr ermordeten Charlie Kirk. Yarvins Gedanken finden Anklang bei mächtigen Menschen. Elon Musk hat sich von ihm beraten lassen, Tech-Multimilliardär und politischer Strippenzieher Peter Thiel lädt ihn zu sich ein, und nicht zuletzt: US-Vizepräsident JD Vance zitiert ihn.
Das „Thielverse“ und die Politik
Yarvins Staatsphilosophie steht heute im Zentrum dessen, was viele in jüngster Zeit als „Techno-Faschismus“ beschrieben haben, der Wandel, den das Silicon Valley von demokratischen zu autoritären Ideen vollzogen hat – und nun in den USA (Wahlkampfhilfe für Trump) und der ganzen Welt (Musks AfD-Unterstützung) beschleunigen will. Mit der zweiten Amtszeit Trumps hat es diese Ideologie auch personell ins Weiße Haus und die Politik geschafft. Eine zentrale Figur hierbei: Peter Thiel, in Deutschland geborener, milliardenschwerer Investor, PayPal-Mitbegründer, Facebook-Großmacher und Gründer des berüchtigten Datenanalyse-Unternehmens Palantir, das Überwachungssoftware für Polizei und Militär liefert.
Thiel hat Trump schon in seinem ersten Wahlkampf unterstützt. Der Tech-Milliardär ist ein libertärer Querdenker im wahrsten Sinne des Wortes. Thiel ist gegen Steuern, gegen staatliche Eingriffe, gegen den Tod (techno-utopistische Langlebigkeit ist noch so ein Silicon-Valley-Thema). Er ist gläubiger Christ und kein überzeugter Demokrat. Schon 2009 hat er öffentlich gesagt, er glaube nicht mehr daran, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien. Thiel ist in dieser ganzen Geschichte ein Knotenpunkt, er verbindet Welten und Personen. Der Deutschlandfunk hat seine Einflusssphäre deshalb kürzlich das „Thielverse“ genannt, in der faszinierenden und sehr empfehlenswerten Podcast-Reihe „Die Peter Thiel Story“.
Ein Absatz zu diesen Verflechtungen – im Schnelldurchlauf: Thiel hat zusammen mit Musk PayPal gegründet. Aus den Mitarbeitern dieser Firma ging die „PayPal-Mafia“ hervor, die nicht nur viele weitere bedeutende Tech-Unternehmen gegründet hat (Tesla, LinkedIn, Palantir, SpaceX, YouTube, Yelp, usw.), sondern über Thiels Verbindungen heute auch Teil der US-Politik ist. David O. Sacks ist Trumps Berater für KI und Kryptowährung, Ken Howery ist US-Botschafter in Dänemark. Thiel selbst hat mit Millionenspenden den Beginn der politischen Karriere von JD Vance überhaupt erst möglich gemacht. Der heutige US-Vizepräsident war einst Mitarbeiter in Thiels Investmentfirma. Es war auch Thiel, der Vance und Trump einst in Mar-a-Lago einander vorstellte. Ach ja, und Curtis Yarvin? In dessen Softwarefirma hat Thiel auch investiert. Und den Wahlabend 2016, als Trump zum ersten Mal siegte, verbrachte Yarvin bei Thiel.
Aus dem Silicon Valley ist also eine neue ideologische Gemengelage nach Washington D.C. geschwappt, eine Überdrehung klassisch libertärer Ideen: autokratisch, antidemokratisch, hyperkapitalistisch und zutiefst technologiegläubig. Doch das ist nicht der einzige Glaube, dessen Einfluss zunehmend größer wird.
Apokalypse, Armageddon und der Antichrist
Wie bereits erwähnt ist Peter Thiel ein gläubiger Christ. Eine Eigenschaft, die er mit dem Katholiken Vance teilt. Zusammen haben die beiden in die Gebets- und Meditations-App „Hallow“ investiert. Die ist in den USA und auch in Europa ziemlich erfolgreich, Gwen Stefani und Mark Wahlberg bewerben sie, in Deutschland macht das Kira Geiss, Miss Germany 2023. Vereint sind Thiel und Vance (und Curtis Yarvin) auch in der Ablehnung jeglicher „Wokeness-Themen“ – wobei Thiel das Ganze mittlerweile theologisch auflädt. Der Milliardär hielt im vergangenen Herbst eine Vortragsreihe in San Francisco über die Apokalypse, Armageddon und den Antichristen. Der Endkampf zwischen Gut und Böse ist nah und der Antichrist – in Form einer einheitlichen, links-liberalen Weltregierung – verführt den Menschen. Eine Idee, die Thiel von Carl Schmitt hat, dem bekannten nationalsozialistischen Rechtsgelehrten. Die Angst vor dem regulierenden Staat, sie hat sich bei Thiel selbst in die Religion eingeschrieben.
Ebenfalls von Schmitt entlehnt ist der Begriff des „Katechon“, eine Macht, die den Antichristen an seiner Ankunft hindert und so das Ende der Zeiten verzögert. Eine christliche Macht, die den angeblichen moralischen Zerfall der Welt aufhält. Der „Katechon“ erfreut sich in jüngster Zeit neuer Beliebtheit. Neben Peter Thiel hantiert auch die russisch-orthodoxe Kirche um Patriarch Kyrill in einem Strategiepapier mit diesem Begriff. Nur steht da Putin als „Katechon“ gegen den satanischen Westen.
Und wer könnte der „Katechon“ der USA sein, der „CEO-Diktator“? Donald Trump ist es wohl nicht. „Es ist gerade noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür“, sagt Curtis Yarvin im New York Times-Interview auf die Frage, wann der gesellschaftliche Umbau denn komme – und diese Antwort klingt selbst schon wieder nach apokalyptischer Prophezeiung. Der kommende Monarch müsste ein Monarch aller Amerikaner sein, sagt Yarvin. Dieses Potenzial habe JD Vance: Hillbilly-Herkunft und Yale-Absolvent, Selfmade-Mann, Investment-Banker und Christ. Sollte man sich also weniger um die dritte Amtszeit Trumps sorgen als um JD Vance, kommender König des Gottesstaats Amerika? In einem Podcast-Interview sagte Vance schon 2021, er bewarb sich damals um einen Sitz im US-Senat: „Der erste Schritt in diesem Prozess besteht darin, die derzeitige amerikanische Führungsklasse vollständig zu ersetzen – wie einen Tumor herauszureißen – und dann wieder ein Gefühl für eine amerikanische politische Religion zu etablieren.“