Editorial

Zukunft der Vergangenheit: Über die Erinnerungskultur in schwierigen Zeiten

Das Gedenken an den Holocaust befindet sich im Wandel. Doch nach wie vor gilt: Geschichte ist nie nur Vergangenheit – und Erinnerungskultur bedeutet stets auch Verantwortung.

Feierliche Gedenkveranstaltung am Shoah-Memorial zum Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

Feierlichkeiten am Shoah-Memorial anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktags am 27. Januar Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Erinnerungskultur ist ein laufender Prozess. Sie befindet sich im ständigen Wandel entlang der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. So verlief etwa die „Vergangenheitsbewältigung“ – die nicht Überwindung, sondern Auseinandersetzung bedeutet – in Deutschland aufgrund der deutschen Teilung gespalten: Im Westen wurde das lange Schweigen (in der Wirtschaftswunder-Ära unter Adenauer) über die Verbrechen der NS-Diktatur in der Zeit der Studentenbewegung gebrochen, die Auseinandersetzung mit dem Holocaust setzte spät ein und führte auf intellektueller Ebene zu einem Historikerstreit; in der DDR unterlag die „Vergangenheitsbewältigung“ – im Sinne von Überwinden – dem staatlich von oben verordneten Antifaschismus. In den USA dauerte es noch länger, bis der Genozid an den Indigenen, die Sklaverei und die Rassentrennung thematisiert wurden. Die europäischen Staaten haben erst spät begonnen, ihre Vergangenheit als Kolonialmächte kritisch aufzuarbeiten. Derweil wurden im wiedervereinigten Deutschland schon kurz nach dem Ende der DDR die Verbrechen des zu Fall gekommenen SED-Regimes untersucht.

In Luxemburg verlief die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg in Etappen. Zuerst standen die Widerstandskämpfer im Vordergrund, danach rückten die Zwangsrekrutierten verstärkt in den Fokus. Bis auf wenige Ausnahmen – etwa durch die Historiker Lucien Blau und Paul Cerf – wurde lange Zeit nur wenig über den Antisemitismus hierzulande geforscht. In den letzten beiden Jahrzehnten änderte sich dies, als Geschichtswissenschaftler wie Vincent Artuso, Denis Scuto und Renée Wagener zur Kollaboration und Judenverfolgung forschten. Von großer Bedeutung war die Einweihung des Denkmals für die Opfer der Shoah im Juni 2018, das an die Verfolgung, Deportation und Ermordung der Juden aus Luxemburg erinnert. Nicht zu unterschätzen ist die unermüdliche Arbeit von Vereinigungen wie MemoShoah oder dem „Comité pour la mémoire de la Deuxième Guerre mondiale“.

Jetzt kostenlos testen: Ihr persönlicher 24-Stunden-Zugang

  • Zugang zu allen Online-Artikeln
  • E-Paper auf tageblatt.lu und in der App

Sie haben bereits ein Konto ? Melden Sie sich hier an.

Das könnte Sie auch interessieren

Editorial

Die „schwarze Null“: Premier Frieden vor der Rede zur schwierigen Lage der Nation

Editorial

Logement, Renten, Arbeitsmarkt: Zu Luxemburgs Umgang mit strukturellem Herzversagen