Editorial
Zu viel Kultur, zu viel Lärm: Das Kulturverständnis der Koalition
Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Weil das Virus länger als erhofft unter uns verweilte, hat sich der bereits im Herbst 2020 angekündigte Kulturstau zwar verspätet – seit einigen Wochen hat er Luxemburg jedoch mit voller Wucht erwischt. Eine unvorhergesehene Konsequenz davon ist nun: Den Menschen ist das alles zu viel Kultur. Nicht nur stehen, wie bereits vielerorts bemerkt, die Theaterhäuser oftmals leer – am vergangenen Samstag wurde eine Vorführung von „Gipfelstürmer“ im Kasemattentheater wegen mangelnder Reservierungen abgesagt –, nein: Selbst die Bürgermeisterin der Stadt Luxemburg gedenkt nun, die kulturelle Notbremse zu ziehen.
So beschloss sie am Mittwoch vor einer Woche, obwohl sie dem ja selbst zugestimmt hatte – für die Organisation eines Open-Air-Festivals braucht man schließlich eine Genehmigung der Stadt Luxemburg –, der viele und andauernde Lärm in der Nähe der Coque gehe zu weit und man müsse zusehen, dass hier ab 22 Uhr Sense sei. Explizit gemeint war das „Gudde Wëllen“-Open-Air, das letzte Woche während vier Tagen stattfand.
Wer zwischen den Zeilen liest, kann sich zusammenreimen, was sich zuvor abgespielt haben muss: Ein paar Kirchberger hatten entrüstete Briefe verfasst oder empörte Anrufe getätigt. Und weil nächstes Jahr ja schon wieder gewählt wird und Frankreich vor kurzem gezeigt hat, dass die Wählerschaft immer für eine (schlechte) Überraschung gut ist, wurde kurzerhand entschieden, so zu tun, als wolle man es jedem recht machen. So wurde während einer Pressekonferenz unter dem Deckmantel des respektvollen Miteinanders behauptet, solche Krachmacher-Events müssten schnellstens eingedämmt werden. Dabei schwingt eine lehrerhafte Zeigefingermentalität mit, die suggeriert, man habe die Kulturschaffenden jetzt mal machen lassen – da diese wilde Bande sich aber nicht zügeln könne, müsse man jetzt stärker durchgreifen.
Dabei ist es gerade mal drei Monate und zwölf Tage her, dass im Kulturbereich alle Einschränkungen gefallen sind, sprich, dass man wieder Konzerte und Festivals organisieren kann, die, um es mit Wörtern zu sagen, die auch DP-Politiker*innen verstehen, vielleicht irgendwann mal wieder rentabel sind.
Dabei sind wir aus der Prekarität längst nicht raus: Erstens gilt es, die roten Zahlen von zwei Jahren ohne Events wettzumachen, zweitens weiß niemand, was im Herbst auf uns zukommt – und drittens kommt es immer noch und immer wieder zu Absagen, weil Bandmitglieder oder Techniker oder Roadies sich anstecken. Aus all diesen Gründen – und weil die Menschen es bitter nötig haben, mal wieder auf Festivals abzutanzen – ist es wesentlich, diesen Sommer viel Live-Musik anzubieten. Die Nachfrage ist auf jeden Fall da.
Schlimmer als diese Unkenntnis der Lage ist jedoch Polfers Scheinheiligkeit: Immer wieder wird behauptet, man wolle den Kirchberg animieren, beim ersten Belebungsversuch dieses Zombieviertels wird jedoch laut aufgeschrien. Wohnen tun in der nahen Gegend des Amphitheaters zudem nur sehr wenige Menschen.
Apropos wohnen: Wer in der Hauptstadt lebt, dürfte sich mittlerweile an ein ewiges Scheppern, ein permanentes Bohren, ein unaufhaltsames Sägen, ein nervenzerfetzendes Hämmern, eine Geräuschkulisse wie ein Avantgarde-Soundtrack zum eigenen Leben eingestellt oder in Kopfhörer mit Noise-Canceling-Funktion investiert haben: Ville de Luxembourg – sponsored by Bose? Baustellen gehen wohl immer in einem Land, in dem Bauträger mehr zu sagen haben als die Politiker. Aber wehe, jemand traut sich, den Menschen vier Tage am Stück ein kostenfreies Festival anzubieten. Spaß haben soll in Luxemburg wohl nur derjenige, der teuer bezahlt.