Kommentar
Wo die Demut fehlt: Europa hat eine Chance verpasst
Die europäischen Staaten haben sich bei der Abstimmung darüber, ob der transatlantische Sklavenhandel als schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft werden soll, enthalten. Dabei wäre etwas mehr Demut angebracht.
123 Staaten stimmten dafür, den transatlantischen Sklavenhandel als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ anzuerkennen Foto: AFP/Fabrice Coffrini
Ghana reichte vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am Mittwoch eine Resolution ein, um den transatlantischen Sklavenhandel als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einstufen zu können. Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert wurden mehrere Millionen Menschen in Afrika versklavt und wie Waren nach Nord- und Südamerika verschifft. Erst 1948 wurde die Sklaverei weltweit verboten.
Die USA, Israel und Argentinien stimmten gegen Ghanas Resolution. 52 Staaten enthielten sich – darunter alle europäischen Länder. Die ehemaligen Kolonialmächte, Sklaventreiber und Sklavenhändler schaffen es selbst jetzt nicht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit als solche anzuerkennen. Das Weiße Haus, von Sklaven erbaut, argumentiert sogar damit, dass die Taten damals nicht illegal waren. Auch die europäischen Staaten ducken sich hinter dem juristischen Prinzip: „Nullum crimen, nulla poena sine lege.“ Kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz.
Dieselben Staaten, die während der Nürnberger Prozesse die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nachträglich verurteilten und das Völkerstrafrecht erst richtig zementierten – eben jene Staaten haben ein Teil ihrer Menschlichkeit aufgegeben. Dies in Zeiten, in denen der internationale Strafgerichtshof von den USA und Israel kaputtsanktioniert wird. In Zeiten, in denen das Völkerrecht bis in die Bedeutungslosigkeit gebrochen wird.
Europa hatte die Gelegenheit, vor den Vereinten Nationen Demut zu zeigen und die eigenen Verbrechen gegenüber den afrikanischen Staaten zu gestehen. Es war eine einmalige Chance, auf Augenhöhe und mit gesenktem Blick Menschlichkeit zu zeigen. Stattdessen wurde wieder einmal der moralische Finger gehoben – aus Eitelkeit, aus Selbstsucht und vielleicht auch aus Angst vor dem Mann im Weißen Haus.