Kommentar
Atomkraft als Ausweg: Das Ende der Zukunft
In der Energiekrise wird die Atomkraft wieder als Ausweg und Alternative gepriesen. Dass sie mehr eine Gefahr als eine Chance darstellt, wird von vielen bis heute nicht begriffen.
Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion: Blick auf den zerstörten Reaktor im Mai 1986. Eine schwere Explosion zerstörte am 26. April 1986 einen Reaktorblock des Kernkraftwerks. Foto: dpa
„In einer Nacht gelangten wir an einen neuen Ort der Geschichte. Wir sprangen in eine neue Realität, und diese Realität überstieg nicht nur unser Wissen, sondern auch unsere Einbildungskraft.“ Dies schreibt die belarussische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch im Vorwort von „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“. Die Reaktorhavarie in der Nacht des 26. April 1986 markiere als „Unfall des Bewusstseins“ eine Leerstelle des Verstehens. Der Super-GAU wurde häufig mit einer kulturellen Ruptur in Verbindung gebracht. Der Soziologe Ulrich Beck sprach von einem „anthropologischen Schock“. Im kollektiven Imaginären der europäischen Gesellschaften zirkuliere die Katastrophe bis heute als eine Chiffre für technische Hybris, Kontrollverlust und Tod, so der Literaturwissenschaftler Lars Koch, als ein Menetekel für ungenügendes Risikokalkül und unsichtbare Gefahren.