Editorial
Wie es zum politischen Scharmützel rund um einen Radweg in Esch kam
Streitpunkt Kanalstraße in Esch Foto: Editpress/Alain Rischard
„Wien näischt mécht, deen näischt brécht“: Das war jahrelang das Motto der Escher Lokalpolitiker, wenn es um die Förderung der sanften Mobilität ging. Sie wollten sich die Finger nicht verbrennen. Denn will man Fußgängern oder Fahrradfahrern im urbanen Raum mehr Platz zugestehen, dann geht das nur, wenn man dem Auto etwas wegnimmt.
Auch in anderen Städten der Welt war der Aufschrei in den sozialen Medien zunächst groß, als es um die Zurückdrängung des Autoverkehrs ging. Heute sind die Einwohner für die höhere Lebensqualität dankbar. Die steigt nämlich, wenn der motorisierte Verkehr durch die eigene Straße reduziert wird. Die Menschen haben mehr Platz und es gibt weniger CO₂-Ausstoß vor der eigenen Haustür. Schlussendlich geht es um die Bewohner, nicht um die Autofahrer. Da Bewohner aber auch Autofahrer sind, müssen echte Alternativen her. Ansonsten ist die Verkehrswende nicht zu schaffen. Politische Scharmützel helfen da wenig.
In Esch fehlt es in einer Reihe von Stadtvierteln dramatisch an Parkplätzen, woran auch die großangelegte Parkraummanagement-Studie des vormaligen Bürgermeisters (und Mobilitätsschöffen) Georges Mischo (CSV) nichts änderte. Mischo war es auch, der das Radfahren in der Alzettestraße verbot. Der Alternativroute waren in der Brillstraße ein Dutzend Parkplätze geopfert worden. Nun kommen die in der Kanalstraße hinzu. Keine 10 bis 15, wie der neue Mobilitätsschöffe Meris Sehovic („déi gréng“) bei der Vorstellung des Radwegs in der Gemeinderatssitzung vom 4. April sagte, sondern wohl eher doppelt so viele. Die vorgeschlagenen Ersatzparkplätze sind keine Kompensation, weil sie zu weit weg sind. Auch der Verweis auf die Möglichkeit des Nachtparkens im Parkhaus ist in Anbetracht der sozio-ökonomischen Realität im Viertel keine große Hilfe.
Genau das thematisierte die LSAP-Rätin Liz Braz in besagter Sitzung. Sie warnte vor den Konsequenzen einer „Transition mit dem Brecheisen“ und mahnte an, die Anwohner mit ins Boot zu nehmen. Vor allem erinnerte sie an das Wahlprogramm ihrer Partei, das modulare Parkhäuser u.a. auf dem Victor-Hugo-Platz vorsah. Das Argument, der Radweg sei einstimmig verabschiedet worden und dürfte nun auch nicht von der LSAP kritisiert werden, ist also ein wenig zu billig. Weil die Alternativen keine Alternativen sind. Weil die genaue Umsetzung zum Zeitpunkt der Debatte unbekannt war. Und weil die Anwohner nicht informiert wurden.
Fazit: Man kann den neuen Radweg durchaus infrage stellen. Seine Breite zum Beispiel. Ob die Richtung der Einbahnstraße wirklich sinnvoll ist, wenn es um die Zurückdrängung des Transitverkehrs geht. Auch die Abbiegespur mitten über den Radweg, potenzielle Konflikte mit Fußgängern, die Bordsteinkanten, die inzwischen ausgetauschten hohen Pflanzenkübel als Abtrennung oder aber die fehlende Beschilderung in Richtung Zentrum hinter dem Viadukt. Das Prinzip allerdings ist nicht infrage zu stellen: Esch muss der sanften Mobilität endlich Priorität einräumen. Genau das will Meris Sehovic im Gegensatz zu seinen Vorgängern machen. Die Kanalstraße soll erst der Anfang sein. Eine Art Testlauf, wie man mit recht wenig Aufwand und in kurzer Zeit Änderungen herbeiführen kann, die die Lebensqualität der Bewohner und die Sicherheit der Radfahrer verbessern. Nur eine gute Radverkehrsinfrastruktur fördert den Umstieg vom Auto auf das Fahrrad.