Forum von Olivier Bichel
Wenn Glanz genügt – wie Luxemburgs Innenstadt ihre Vielfalt verliert
Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Die Luxemburger Innenstadt wird zunehmend zum Spiegelbild einer bestimmten Haltung: Alles, was glitzert, muss gut sein. Die Entwicklung der Phillippsgaass hin zu einer Luxusmeile wird dabei oft als Erfolgsgeschichte erzählt. Luxemburg verfüge über eine hohe Kaufkraft, internationale Luxusmarken suchten gezielt die Präsenz im Stadtzentrum – ein Beweis für Attraktivität, wirtschaftliche Stärke und internationalen Rang.
Doch diese Lesart greift zu kurz. Denn sie blendet eine zentrale Frage aus: Für wen funktioniert dieses Modell eigentlich – und wer bleibt dabei auf der Strecke?
Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt, dass Luxemburg mit dieser Entwicklung nicht allein ist. In vielen europäischen Metropolen lässt sich ein ähnliches Muster beobachten. Steigende Löhne, hohe Mieten und zunehmende Standortkosten führen dazu, dass sich in zentralen Lagen fast ausschließlich Luxusmarken halten können. Diese Geschäfte sind häufig nicht auf hohe Umsätze angewiesen. Ihre Filialen dienen vor allem der Markenpräsenz, dem Image und der Sichtbarkeit. Der eigentliche Verkauf ist oft zweitrangig.
Ganz anders ist die Situation für kleine und mittelgroße, inhabergeführte Geschäfte. Sie verfügen in der Regel nicht über große Kapitalreserven und sind auf regelmäßige Einnahmen angewiesen. Für sie zählt jeder Verkaufstag, jede Woche, jeder Quadratmeter Miete. In einem Umfeld explodierender Kosten wird ihre Existenz zunehmend zur Ausnahme. Die Folge ist eine schleichende Verdrängung wirtschaftlicher Vielfalt zugunsten eines homogenen, elitären Angebots – mit allen Konsequenzen für das Stadtbild und das Alltagsleben.
Ein Geschäftsmodell unter Druck
Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das der stationäre Einzelhandel lange unterschätzt hat: Zeit. Viele Menschen können unter der Woche schlicht nicht einkaufen. Geschäfte schließen häufig bereits gegen 18 Uhr, für Berufstätige bleibt realistisch oft nur der Samstag. Das ist mit modernen Arbeits- und Lebensrealitäten kaum vereinbar.
In einer Zeit, in der Flexibilität, Bequemlichkeit und Zeitersparnis eine immer größere Rolle spielen, wirkt dieses Modell überholt. Vor allem jüngere Generationen passen ihr Konsumverhalten entsprechend an – nicht aus Überzeugung, sondern aus Pragmatismus. Der Onlinehandel schließt genau diese Lücke. Globale Plattformen ermöglichen Einkäufe rund um die Uhr, unabhängig von Ort und Zeit. Dass dieser Markt weiter wachsen wird, gilt als sicher.
Ohne politische Gegensteuerung droht diese Entwicklung zum strukturellen Todesstoß für viele Innenstädte zu werden. Denn der Onlinehandel konkurriert nicht nur mit einzelnen Geschäften, sondern mit dem gesamten Konzept des klassischen Stadtkerns als Ort des täglichen Lebens.
Der Fairness halber muss anerkannt werden, dass die Stadt Luxemburg Initiativen wie Pop-up-Stores unterstützt. Diese Maßnahmen sind grundsätzlich sinnvoll: Sie beleben Leerstände kurzfristig und verschaffen jungen oder unabhängigen Konzepten erste Sichtbarkeit. Doch ihr Effekt bleibt punktuell. Pop-ups erzeugen Aufmerksamkeit, ersetzen jedoch keine nachhaltige Entwicklung. Ohne konkrete Investitionen, langfristige Planung und tragfähige Mietmodelle fehlt es an Perspektive. So bleiben Pop-up-Konzepte zwar gut gemeint, können strukturelle Probleme jedoch nicht lösen und erweisen sich auf Dauer als unzureichend.
Historisch war die Stadt – die Polis –, ein Ort der Begegnung, organisiert rund um Kirche und Markt. Die Kirche hat ihre gesellschaftliche Zentralität längst verloren. Und mit dem Aufstieg globaler Plattformen hat sich auch der Markt vom physischen Stadtraum in einen entgrenzten, digitalen Raum verlagert. Wenn Städte diese Entwicklung lediglich verwalten, statt sie aktiv zu gestalten, verlieren sie nicht nur Geschäfte, sondern auch soziale Durchmischung, Identität und urbanes Leben.
Eine politisch mitgestaltete Entwicklung
In Luxemburg kommt eine weitere Dimension hinzu. Wohnpreise und Lebenshaltungskosten steigen seit Jahren schneller als viele Einkommen. Für Normalverdienende wird es zunehmend unmöglich, in der Stadt zu wohnen – geschweige denn, dort ein Geschäft zu betreiben. Die Innenstadt droht zu einem Ort zu werden, der vor allem für Kapital, Repräsentation und zahlungskräftige Kundschaft funktioniert.
Diese Entwicklung ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – oder bewusster Unterlassungen. Über Jahrzehnte hinweg wurde die Stadt Luxemburg von den politischen Kräften der DP geprägt, mit einem klaren Fokus auf Prestige, internationale Sichtbarkeit und das hochpreisige Segment. Dieses Modell ließ sich lange als Erfolg verkaufen. Doch der Preis dafür wird erst jetzt sichtbar.
Denn ohne korrigierende Maßnahmen droht Luxemburg sich weiter zu einem exklusiven Raum für eine finanzstarke Elite zu entwickeln. Wirtschaftlich prosperierend, international attraktiv – zugleich aber zunehmend entkoppelt von der Lebensrealität jener, die hier arbeiten, leben und die Stadt tragen. Nicht durch offenen Ausschluss, sondern durch eine Politik, die Verdrängung in Kauf nimmt und soziale Durchmischung nicht aktiv schützt.
Luxusmarken mögen Prestige bringen. Doch sie ersetzen keine lebendige Stadt. Eine zukunftsfähige Innenstadt braucht politischen Mut, Regulierung und ein klares Bekenntnis zur Vielfalt. Wer jahrzehntelang Stadtpolitik gestaltet hat, trägt auch Verantwortung für ihre Folgen. Andernfalls bleibt vom urbanen Leben am Ende nur die Fassade – schön anzusehen, aber leer dahinter.
Zur Person

Olivier Bichel hat einen Masterabschluss in Stadtplanung und Politikgestaltung vom Politecnico di Milano. Seit 2024 ist er Ko-Vorsitzender der lokalen Sektion der Stater Sozialisten. Seit 2025 ist er als Referent bei der luxemburgischen Regierung für europäische territoriale Zusammenarbeit und internationale Angelegenheiten tätig.
Anmerkung
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