Editorial
Wenn Freiheit tanzt: ein Rave, ein Polizeieinsatz und die Frage nach dem rechten Maß staatlicher Autorität
Licht und Schatten einer Rave-Party: Lasst die jungen Leute doch tanzen! Foto: Daphné Rousseau/AFP
Ein ungutes Gefühl bleibt. Am Samstagabend wurde im Norden des Landes, nahe Heinerscheid, eine nicht angemeldete Rave-Party von der Polizei aufgelöst. Ja, die Veranstaltung war illegal. Ja, sie fand in einem Naturschutzgebiet statt. Und ja, der Grundstückseigentümer wusste nichts davon.
Doch stellt sich die Frage, ob der Einsatz in dieser Form notwendig war oder ob er nicht das ausstrahlt, was man als freiheitsliebender Mensch „mit Kanonen auf Spatzen schießen“ nennt.
Bilder zeigen ein massives Aufgebot: Dutzende Polizeifahrzeuge mit Blaulicht, rund 120 Beamte aus dem ganzen Land, Spezialeinheit, Hundestaffel, ein Helikopter im Tiefflug. Die Polizei richtete einen operativen Kommandoposten ein, koordiniert mit Staatsanwaltschaft, Naturverwaltung und CGDIS. Das klingt nach Bedrohungslage. Nach Gefahr in Verzug. Und auch danach, dass in solchen Lagen fast alles erlaubt scheint, zumindest aus Sicht der eingesetzten Kräfte.
Doch wovon sprechen wir hier? Von etwa 500 jungen Menschen, vielleicht etwas mehr, die unter freiem Himmel zu elektronischer Musik tanzten. Die nach Aufforderung binnen kurzer Zeit friedlich abreisten. Gegen 21 Uhr wurde die Veranstaltung am Samstag offiziell aufgelöst. Gegen 22 Uhr war das Gelände leer. Ja, es gab 19 Ingewahrsamnahmen, zwei Anzeigen wegen Rebellion, ein Führerschein fehlte. Illegale Betäubungsmittel wurden gefunden. Die Bühne, das Soundequipment und mehrere Transportfahrzeuge wurden auf Anordnung der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, wegen Verstoß gegen das Naturschutzgesetz.
War das nötig? Oder war es eher ein Zeichen von Überreaktion, einer Art Null-Toleranz-Routine, die mehr auf Abschreckung setzt als auf Verhältnismäßigkeit?
Denn genau das ist die Wurzel des Problems: Der öffentliche Raum für nicht kommerzielle, subkulturelle Feiern ist nahezu nicht vorhanden. Wo also sollen sich Jugendliche und Junggebliebene legal versammeln, wenn jeder Antrag scheitert, jeder Lärm als Belästigung gilt und jede Wiese ein schützenswertes Biotop ist?
Es ist dieser Mangel an Alternativen, der solche Partys nicht nur verständlich, sondern manchmal sogar notwendig macht, als Form des stillen Protests, als Ausdruck zivilen Ungehorsams. Nicht im Sinne des Gesetzesbruchs um des Bruchs willen, sondern als Versuch, auf Missstände hinzuweisen: auf die Enge des Legalen, auf das Fehlen jugendgerechter Freiräume.
Damit sind wir bei der Genetik der Rave-Kultur. Ein Rest anarchischer Energie gehört dazu, der Reiz des Verbotenen, aber nicht der Wille zur Zerstörung. Viele dieser Partys folgen einem Ehrenkodex: Man parkt sauber, räumt auf, hinterlässt die Natur, wie sie war. Auch in Heinerscheid scheint es Anzeichen für einen gewissen Plan gegeben zu haben. Dass sich nicht alle daran hielten, ist zu beklagen, aber nicht überraschend. Auch außerhalb von Raves, bei legalen und autorisierten Veranstaltungen, ist Fehlverhalten keine Ausnahme.
Ziviler Ungehorsam ist kein Freibrief zur Gesetzlosigkeit. Er ist ein bewusster Regelverstoß, der sich friedlich, transparent und verantwortungsvoll äußert, gerade, um eine gesellschaftliche Schieflage sichtbar zu machen. Wer so handelt, muss den Konflikt aushalten und darf zugleich erwarten, gehört zu werden. Auch das ist ein Prüfstein demokratischer Reife. Die Demokratie lebt davon, dass wir die Dinge immer wieder infrage stellen – auch dann, wenn sie rechtlich klar erscheinen.
Freiheit ist nichts, was man sich genehmigen lässt. Man muss sie aushalten. Auch dann, wenn sie tanzt.