Editorial
Welche Welt hinterlassen wir zukünftigen Generationen?
Engagierte Jugend, die sich Gedanken um ihre zukünftige Welt macht Archivbild: Editpress/Julien Garroy
Luc Friedens Rede zur Lage der Nation hat vergangene Woche vor allem eines ausgelöst: viel Kritik. Zu vage, zu rückwärtsgewandt, zu viele drängende Probleme überhaupt nicht angesprochen. Eine zentrale Frage, die nicht erst seit dieser Rede im Raum steht, durch sie aber wieder stärker ins Bewusstsein rückt, lautet: Welche Welt wollen wir den kommenden Generationen hinterlassen?
Frieden gehört zur Generation der Babyboomer – oft gescholten, aber geprägt von Stabilität und Fortschritt. Disziplin, Leistungsbereitschaft und ein Glaube an die Aufstiegsmöglichkeiten durch Arbeit haben diese Generation beeinflusst. Wer sich anstrengte, konnte auf ein gutes Leben hoffen: ein Eigenheim, ein gesichertes Einkommen, eine verlässliche Rente. Die Sorgen um Krieg und globale Krisen blieben oft abstrakt – zumindest in Europa.
Doch diese Gewissheiten gelten längst nicht mehr. Friedens Rede hat das einmal mehr vor Augen geführt. Die Angst vor Krieg ist zurück, militärische Aufrüstung wird wieder zur Normalität. Andere existenzielle Herausforderungen, allen voran die Klimakrise, geraten dabei zunehmend ins Hintertreffen. Luxemburg macht da keine Ausnahme. Dass mit Belgien nun auch ein zweites Nachbarland nach Frankreich stärker auf Atomkraft setzt, ist ein weiteres Signal dafür, dass Klimapolitik längst wieder zur Nebensache geworden ist.
Zu den globalen Krisen gesellen sich wachsende Alltagsprobleme. Wer heute arbeitet, kann sich längst nicht mehr selbstverständlich den Traum vom Eigenheim erfüllen. In vielen Fällen reicht das Einkommen nicht einmal zur existenziellen Absicherung. Luxemburg zählt zu den EU-Ländern mit dem höchsten Anteil an „Working Poor“, will heißen: Arbeit schützt nicht vor Armut. Es sind Zeichen dafür, dass unsere Meritokratie nicht mehr funktioniert. Doch genau diese Leistungsgesellschaft gibt uns das Gefühl von Gerechtigkeit und damit das Vertrauen in unser System – die Demokratie.
Nun plant die CSV-DP-Regierung, die Last der Rentensicherung weiter auf die jungen Generationen zu verlagern. Dass Arbeit nicht mehr automatisch als Sinnstifterin für ein erfülltes Leben gilt, überrascht da wenig.
Angesichts dieser Entwicklungen wirkt die Frage, welche Welt wir hinterlassen, fast zwangsläufig deprimierend. Und doch gibt es Grund zur Hoffnung – gerade wegen der jungen Generationen. Noch nie waren Jugendliche so gut ausgebildet wie heute und verfügten über so ausgeprägte „Soft Skills“, wie Empathie, Teamwork oder Anpassungsfähigkeit. Erst kürzlich waren rund 80 junge Menschen zu Besuch in der Tageblatt-Redaktion. Ihre Perspektiven auf die großen Herausforderungen – von der Klimakrise bis zur digitalen Desinformation – zeugen von Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein und lassen einen zuversichtlich in die Zukunft blicken.
Fest steht: Die Mittel von gestern reichen nicht mehr aus, um die Probleme von heute zu lösen. Es braucht neue Ideen, neue Antworten – und vor allem: neue Stimmen. Die junge Generation ist bereit, sich einzubringen. Ob im Kampf gegen den Klimawandel oder beim Einsatz für mehr soziale Gerechtigkeit und eine bessere Work-Life-Balance: Jetzt kommt es auf ihre Sichtweise an. In der Zivilgesellschaft und in der Chamber.