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Warum die Märkte die US-Zölle bald als Bluff ansehen könnten

Im April kündigte US-Präsident Trump neue Zölle an und zeigte, welche Länder wie stark betroffen sind

Im April kündigte US-Präsident Trump neue Zölle an und zeigte, welche Länder wie stark betroffen sind Foto: Mark Schiefelbein/AP/dpa

Drei Monate nach der Ankündigung von Präsident Donald Trump, den meisten Ländern neue, umfassende Zölle aufzuerlegen, zeigt sich die US-Wirtschaft erstaunlich robust. Der Aktienmarkt hat sich von seinem anfänglichen Einbruch erholt, die Inflation ist nach wie vor unter Kontrolle, und die Ängste vor einer Rezession sind zurückgegangen – oder zumindest waren sie das, bevor Trump neue Zölle in Höhe von 30 Prozent auf Importe aus Mexiko und der Europäischen Union ankündigte, zwei der größten Handelspartner der USA.

In den Monaten seit Trumps erster Ankündigung haben mehrere Länder Verhandlungen mit den USA aufgenommen und Zugeständnisse angeboten, gegen die sie sich lange gewehrt hatten. Viele Beobachter sehen darin den Beweis, dass Trumps aggressive Handelstaktik funktioniert und dass die Ökonomen die potenziellen Kosten möglicherweise überschätzt haben.

Diese Interpretation übersieht jedoch ein entscheidendes Detail: Viele der Zölle, die Trump in den letzten Monaten angekündigt hat, wurden noch nicht vollständig umgesetzt. Tatsächlich hat die Regierung wiederholt einen Rückzieher von ihren anfänglichen Drohungen gemacht – ein Muster, das so konsequent ist, dass es sich das Akronym TACO verdient hat: „Trump Always Chickens Out“ (Trump kneift immer).

Trotz ihres unverhohlenen Misstrauens gegenüber Experten – insbesondere Ökonomen, Wissenschaftlern und Gesundheitsfachleuten – hat die Trump-Regierung stets auf die Finanzmärkte gehört. Seit Anfang April haben Ankündigungen neuer oder erhöhter Zölle wiederholt zu Kurseinbrüchen an den Börsen geführt. Als Reaktion darauf hat die Regierung ihre Haltung oft abgeschwächt, indem sie Ausnahmen gewährte, einige Zölle aufschob und andere neu verhandelte, was zu einer schnellen Erholung der Aktienkurse führte. Ankündigungen bilateraler Vereinbarungen wurde von den Anlegern mit Optimismus aufgenommen, während neuerliche Eskalationsdrohungen zu Ausverkäufen führten.

Neue Eskalation, schwache Reaktionen

Bis vor kurzem hat diese Rückkopplungsschleife dazu beigetragen, die Handelspolitik der Regierung zu zügeln. Doch die jüngste Eskalation – einschließlich eines 50-prozentigen Zolls auf Kupfer, unerwartet hoher Zölle auf Waren aus Vietnam und ins Stocken geratener Verhandlungen mit der EU – hat die Märkte kaum bewegt, und die Aktienkurse verharrten auf hohem Niveau. Die plausibelste Erklärung ist, dass die Anleger nicht mehr daran glauben, dass die Regierung ihre Drohungen wahr machen wird. Stattdessen sehen sie sie als Teil eines inzwischen bekannten Zyklus: kühne Ankündigungen, gefolgt von Verzögerungen oder nur teilweiser Umsetzung.

Gleichgültigkeit führt jedoch zu einer neuen Art von Risiko. Wenn die Märkte gegenüber Trumps Zolldrohungen desensibilisiert werden, können sie nicht mehr als wirksamer Kontrollmechanismus für potenziell schädliche Maßnahmen dienen. Befreit von diesem Hemmschuh, könnte Trump sich ermutigt fühlen, Maßnahmen voranzutreiben, die seine Regierung bisher gescheut hat.

Es ist eine klassische „Der Junge, der Wolf rief“-Dynamik. In der Anfangsphase trug Trumps aggressive Rhetorik dazu bei, die Verhandlungspartner an den Tisch zu bringen, ohne die schlimmsten wirtschaftlichen Szenarien auszulösen, vor allem, weil die Gegenreaktion der Märkte abschreckend wirkte. Doch je weniger die Anleger seine Zolldrohungen ernst nehmen, desto wahrscheinlicher wird es, dass er sie umsetzt. Und wenn das geschieht, könnten die lange befürchteten Folgen endlich doch eintreten: höhere Verbraucherpreise, weniger Handel, unterbrochene Lieferketten und ein langsameres langfristiges Wachstum.

Diese Dynamik reicht über die Finanzmärkte hinaus. Viele Länder, die sich einst fest dem Multilateralismus verschrieben hatten, streben nun in der Hoffnung, Strafzölle zu vermeiden, bilaterale Abkommen mit den USA an. Einige sehen in diesen Entwicklungen eine Bestätigung für den derzeitigen Ansatz der US-Regierung – einen Beweis, dass die USA ihre wirtschaftliche Macht nutzen können, um ein als für amerikanische Interessen ungünstig erachtetes System umzugestalten.

Die Wende hin zum Bilateralismus ist jedoch weniger eine Bestätigung von Trumps Ansatz als vielmehr eine pragmatische Reaktion. Eine direkte Konfrontation mit den USA wäre kostspielig. Angesichts des zunehmend feindlichen und unberechenbaren Terrains, auf dem sie sich befinden, erkaufen sich viele Regierungen Zeit und sichern sich ab.

China als Notlösung wider Willen

Eine derartige Absicherung kann nur in eine Richtung gehen: weg von den USA und hin zu alternativen Handelspartnern, insbesondere China. Für die meisten Länder ist das nicht die bevorzugte Lösung. Vietnam zum Beispiel hat offen seinen Wunsch geäußert, die Beziehungen zu den USA zu stärken, anstatt seine Abhängigkeit von China zu vertiefen. Da die Handelspolitik der USA jedoch immer unberechenbarer wird, sehen sich die Regierungen zunehmend gezwungen, zwischen den beiden Mächten zu wählen.

Die Ironie besteht darin, dass Trumps Bemühungen, ausländische Regierungen einzuschüchtern, letztlich den globalen Einfluss der USA schmälern werden. Wirtschaftliche Einflussnahme hängt schließlich von Zusammenarbeit ab. Die USA können heute Druck auf ihre Handelspartner ausüben, gerade weil sie tief in die Weltwirtschaft integriert sind.

Folglich befinden sich die politischen Entscheidungsträger der USA nun in einer doppelten Zwickmühle. Kurzfristig haben die Finanzmärkte die Auswirkungen von Trumps aggressiver Rhetorik abgemildert, indem sie die Umsetzung der daraus folgenden politischen Maßnahmen verhindert haben. Doch wenn die Anleger seine Drohungen nun weiterhin als leeres Getöse betrachten, werden sie den Wolf ignorieren, wenn er auftaucht.

Angesichts der zentralen Rolle der USA im globalen Handelssystem wird ihr Rückzug aus dem Multilateralismus andere Länder zudem veranlassen, sich nach Alternativen umzusehen und ihre Handelsbeziehungen zu diversifizieren. In dem Maße, in dem sich ihre Abhängigkeit vom US-Markt verringert, wird die Verhandlungsmacht der USA unweigerlich abnehmen.

Auch wenn die Strategie der Trump-Regierung zu funktionieren scheint, ist das Ausbleiben unmittelbarer Kosten kein Beweis für ihre langfristige Tragfähigkeit. Vielmehr ist es ein Zeichen dafür, dass die Warnungen gehört und – eine Zeit lang – beachtet wurden. Wenn die Regierung diese Warnungen jedoch ignoriert, könnten die düsteren Vorhersagen der Ökonomen wahr werden.

(Aus dem Englischen von Jan Doolan)

* Pinelopi Koujianou Goldberg ist ehemalige Chefvolkswirtin der Weltbankgruppe und ehemalige Herausgeberin des American Economic Review. Sie ist Professorin für Volkswirtschaft an der Universität Yale.

Copyright: Project Syndicate, 2025, www.project-syndicate.org

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