Editorial

Warum das Tageblatt bisher nicht über das Urteil eines Pädokriminellen berichtete

Symbolbild: in einem Gerichtssaal der „Cour de justice“

Symbolbild: in einem Gerichtssaal der „Cour de justice“ Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Das Gerichtsurteil gegen einen Pädokriminellen löst derzeit eine Welle der Empörung und Sensationslust in der luxemburgischen Presselandschaft aus: Der Mann wurde in erster Instanz zu 13 Jahren Haft verurteilt – teilweise auf Bewährung – und geht dagegen in Berufung. Während die Öffentlichkeit mit jedem neuen Bericht weiter aufgepeitscht wird, stellt sich die Frage: Ist der aktuelle mediale Umgang mit dem Fall noch verantwortungsvoll?

Das Wort deckte den Prozess vor rund einem Monat zunächst als „fait divers“ ab. Brisant wurde das Dossier erst, als sich das Umfeld des Angeklagten öffentlich gegen ihn positionierte und dies Schlüsse auf seine Identität ermöglichte. Am Freitag führte das Blatt ein Interview, in dem der Angeklagte höchst problematische Töne anschlägt. Aussagen, die wir aus Rücksicht auf alle Betroffenen sexualisierter Gewalt an dieser Stelle nicht wiederholen. Das Gespräch mit dem Wort wurde inzwischen sowohl von der RTL-Journalistin Annick Goerens als auch von der feministischen Plattform „JIF“ und der Organisation „La voix des survivant(e)s“ aufs Schärfste kritisiert. Der Zeitung wird zu Recht u.a. vorgehalten, dem Angeklagten freie Bahn zu schaffen, um sich als eigentliches Opfer zu inszenieren. 

Diese medienkritische Debatte ist absolut berechtigt und notwendig, nur lenkt sie gleichzeitig vom eigentlichen Thema ab – der Pädokriminalität, die sich immer wieder als akutes Problem unserer Gesellschaft offenbart. Im April zerschlugen Ermittlungsbehörden aus über 30 Ländern die Website „Kidflix“, die pädokriminelle Inhalte verbreitete: Sie zählte zwei Millionen Nutzende weltweit. 79 Menschen wurden festgenommen, Hunderte Tatverdächtige ausfindig gemacht. Zahlen des „Planning familial“ aus Luxemburg zeigen: 65 Prozent der Opfer sexualisierter Gewalt, die das „Planning familial“ begleitet, wurden vor ihrem 18. Lebensjahr zum ersten Mal missbraucht; 31 Prozent waren nicht einmal zwölf Jahre alt. Die Angreifer sind meist Männer aus dem Familien- und Bekanntenkreis. 

Umstände, über die durchaus offen und laut gesprochen werden muss. Immer wieder. Wir spielen mit offenen Karten: Dem Tageblatt war die Identität des Angeklagten aus Luxemburg bereits vergangene Woche bekannt. Im Zuge unserer Recherchen führten wir etliche Telefonate mit seinen Wegbegleitern, die sich erschüttert zeigten. Sie waren aufgelöst, wütend, schockiert. Mehrfach versicherten sie: „Wir wussten nichts davon.“ Es folgte ein kurzer Mail-Austausch mit dem Angeklagten. Wenig später gingen die ersten öffentlichen Stellungnahmen von Vereinen ein, in denen der Mann sich in der Vergangenheit ehrenamtlich engagierte. Andere Medien horchten auf, der Stein geriet ins Rollen.

Wir hätten dem zuvorkommen können, um in den „Klicks“ einer sensationsgierigen Leserschaft zu baden. Stattdessen schwiegen wir. Bis jetzt. Zum einen, weil wir den Verhaltenskodex des luxemburgischen Presserats ernst nehmen, nach dem Medienschaffende Minderjährige besonders schützen müssen. Zum anderen, weil wir uns intensiv mit dem möglichen Mehrwert einer Berichterstattung auseinandersetzen: Welche Geschichte müssen und wollen wir erzählen? Wen gilt es, wie zu schützen? Wer soll zur Sprache kommen – und wer nicht? Die Ergebnisse unserer Überlegungen lesen Sie bald. 

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Editorial

Die SPD ist im Abstiegskampf – und keine Retter in Sicht

Leserforum

Cynisme européen