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Waffenstarrende Folklore – Guy Rewenig fragt: Wozu dient eigentlich der Nationalfeiertag?

Waffenstarrende Folklore – Guy Rewenig fragt: Wozu dient eigentlich der Nationalfeiertag?

Foto: Editpress/Georges Noesen

„Großherzog Henri ist internationaler Star der Militärparade“, titelte das Luxemburger Wort (24.6.2025). Soll das ein neuer Ehrentitel sein? Hat sich der Monarch über Nacht zum umjubelten Meister der Kriegsrhetorik gewandelt? Der jährliche Aufmarsch unserer „bewaffneten Macht“ zum Nationalfeiertag ist eine Miniatur-Ausgabe jener aufwändigen Überlegenheitsrituale, wie sie etwa Trump, Putin, Kim Jong-un oder Macron liebend gern ihren Völkern aufdrängen. Mit dem Unterschied, dass ein kleines Land wie Luxemburg mit seinem Waffenarsenal arg hinterherhinkt und die hausgemachte Militärparade daher wie ein Relikt aus dem putzigen Spielzeugparadies wirkt.

Aber das soll sich ja jetzt ändern. Wir müssen kriegstauglich werden. Und wir müssen unsere Waffenfähigkeit beweisen. Da wir offenbar alle zu NATO-Komparsen abgestempelt werden, sind wir aufgefordert, unsere Kriegsbereitschaft öffentlich zu demonstrieren. Doch da ließ die Militärparade leider viele Wünsche offen. Die Militarisierung des Volkes steckt wirklich noch in den Kinderschuhen. Wenn wir dem Ennemi die Stirn bieten wollen, dürfen wir nicht einfach nur als jubelnde Gaffer auftreten. Wir sollen marschieren, und zwar ohne Fehl und Tadel. Gewiss, der bescheidene Anfang ist gemacht: hinter der Armee und anderen mehr oder weniger militärisch angehauchten Interventionsgruppen mit ihren diversen Abschreckungs-Gadgets tauchte tatsächlich eine kämpferische UGDA-Fraktion auf, die mit Blasmusik und Sangeskunst den Ennemi das Fürchten lehrte. Wer sagt's denn: Da sind sie ja, die Pioniere der kriegsbereiten Zivilgesellschaft! Wenn schon diese kulturbewegten UGDA-Mitmarschierer die lange Anreise aus dem Ösling mutig in Kauf nehmen, um mit Tschingderassabum zu paradieren, sollten sie zumindest gleichgesinnte Nachahmer finden. Die Militärparade ist stark ausbaubedürftig. Wo bleiben die anderen Bevölkerungsgruppen? Boykottieren sie die neue Waffenkultur?

Da sind Politik und Wirtschaft schon einen gewaltigen Schritt weiter. LuxDefence heißt die von der Handelskammer initiierte Bündelung jener Firmen, die in ein angebliches „écosystème industriel en pleine émergence“ investieren. Die sprachliche Umschreibung ist bemerkenswert: Da denkt man doch glatt an Ökologie und produktives Aufblühen, auch wenn es um nichts anderes als Kriegsindustrie geht. Außenminister Bettel bringt es volkstümlicher auf den Punkt: „Mir sollen net méi domm si wéi déi aner.“ Das heißt übersetzt: Wenn andere mit der Waffenproduktion Geld scheffeln, sollten wir Luxemburger nicht als gefoppte Zaungäste die Arschkarte ziehen. Nach dem Space Mining nun das Weapon Creating. Let’s make it knuppen!

Eine patriotisch vibrierende Waffenschmiede

Wie wäre es mit einem kurzen, subversiven Traum? Plötzlich und unerwartet erscheint der Großherzog in Zivil auf der Ehrentribüne, gebietet dem militärischen Aufmarsch Einhalt und erklärt: „Ein Waffenspektakel zum Zweck der Volksbelustigung kann ich nicht verantworten, wenn anderswo die gleichen Waffen Tod und Verwüstung bringen. Der elementare Respekt vor den Opfern grausamer kriegerischer Auseinandersetzungen verlangt von mir, am Nationalfeiertag alle Waffen aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Wir sollten gemeinsam in aller Stille nachdenken, das Entsetzen zulassen und der Trauer den Vorrang geben. Die Militärparade ist ab jetzt aus dem Programm des Nationalfeiertags gestrichen.“

Aus der Traum. Eine solche Geste der Entspannung wäre krass unternehmerfeindlich. Denn mittlerweile kennt die Euphorie der geldgierigen Waffenproduzenten keine Grenzen mehr. Bald werden wir von Wemperhardt bis nach Zoufftgen eine einzige, patriotisch vibrierende Waffenschmiede sein. Kein Neubau ohne Atombunker und gepanzerte Drohnengaragen. Kein Kinderzimmer ohne altersgerechten Waffenschrank. Dem Erfindungsreichtum der Waffenpropagandisten sind keine Grenzen gesetzt. Die Kassen werden klingeln und ein brandneues „Modell Luxemburg“ wird sich Bahn brechen. Unsere Perspektiven sind blendend. Der Tod ist allgegenwärtig, also lohnt es sich, auf den Ausbau der Todesindustrie zu setzen. Der Ennemi steht vor der Tür, schlagen wir ihm ein lukratives Schnippchen.

Kavalkade aufgeplusterter Staatsvertreter

Guy Rewenig ist Schriftsteller. Sein aktuelles Buch im Binsfeld-Verlag heißt „Mir fällt ein Stein vom Herzen und zertrümmert meinen dicken Zeh. Miniaturen“.

Guy Rewenig ist Schriftsteller. Sein aktuelles Buch im Binsfeld-Verlag heißt „Mir fällt ein Stein vom Herzen und zertrümmert meinen dicken Zeh. Miniaturen“. Foto: privat

Im Ernst: Sollten wir den Nationalfeiertag nicht präventiv abschaffen, bevor er endgültig zur Fiesta der Kriegstüchtigen und Konfliktgeeichten verkommt? Wieso muss ein notwendiges Übel – Aufrüstung als Schutz vor hemmungslosen Aggressoren – so enthusiastisch verklärt werden? Wäre nicht eher Schweigen angebracht? Als Zeichen der Bestürzung? In Zeiten, wo Begriffe wie „die Nation“ und „das Nationale“ immer fragwürdiger werden, weil sie den Tunnelblick fördern und die grenzüberschreitende Optik vernebeln, macht ein pompöser Selbstbeweihräucherung-Feiertag keinen Sinn. Was sollen wir denn feiern? Unsere Einbildung, einmalig auf der Welt zu sein? Unseren sozialen Zusammenhalt, den es gar nicht gibt? Mehr als die Hälfte der Bürger, die in Luxemburg leben, hat keine politischen Rechte. Soll diese offensichtliche Apartheid via Nationalfeiertag wegretuschiert werden? Kein Mensch braucht ein verlogenes Zeremoniell, weder in der Philharmonie noch in der Kathedrale oder auf dem simulierten Eintagsschlachtfeld in der Avenue de la Liberté.

Wenn die Regierung wirklich darauf besteht, einen besonderen Tag im Jahr zu markieren, der „den Luxemburgern“ gewidmet ist, soll sie auf faulen Zauber und institutionelles Brimborium verzichten. Im Mittelpunkt sollen die Bürger stehen – und zwar alle - und nicht nur die seltsame Kavalkade aufgeplusterter Staatsvertreter, die sich vor Wichtigtuerei nicht einkriegen. Feiern als Fest des Entgegenkommens, des Gedenkens, der Bescheidenheit, der Vernunft und zugleich der kollektiven Gewissenserforschung – das wäre eine würdige Form. Ein Feiertag für Bürgerrechte und freiheitlichen Geist hat weder Monarchie-Show noch Kathedral-Kabarett nötig. Und schon gar keine obszönen Kriegsspiele auf dem Hauptstadtpflaster.

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