Forum von Pierre Mangers

Unisex-WCs: Die Gleichung der Ungleichheit – Gleichheit ist gleiche Wartezeit

Unisex-WCs: Die Gleichung der Ungleichheit – Gleichheit ist gleiche Wartezeit

Ein alltägliches Rätsel: Warum vor Damen-WCs Warteschlangen entstehen

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum sich in der Pause – in der Schule, im Theater, in der Oper – vor den Damen-WCs verlässlich Warteschlangen bilden, während es vor den Herren-WCs meist erstaunlich ruhig bleibt?

Wer einmal in einer Theaterpause in der Schlange stand, weiß: Das ist kein seltenes Ereignis, sondern ein Muster.

Man könnte darin ein kleines gesellschaftliches Gleichnis sehen: Die einen warten, die anderen nicht. Also muss es wohl an Verhalten, Kultur oder gar Politik liegen.

Doch die Wahrheit ist weniger ideologisch als banal. Sie ist mathematisch.

Die Luxemburger Debatte über sogenannte Unisex-Toiletten wurde mit großer Ernsthaftigkeit geführt. Man sprach über Identität, Sensibilität, LGBTQ-Themen und

Privatsphäre. Alles legitime Anliegen.

Nur verfehlten diese Anliegen das Entscheidende. Denn Toiletten sind, bei aller Intimität des Ortes, zunächst einmal Service-Systeme und gehorchen denselben Gesetzen wie eine Telefonzentrale, die Aufnahme eines Krankenhauses oder die Passkontrolle am Flughafen: Wer ankommt, wird bedient – sofern Kapazität vorhanden ist. Fehlt sie, entsteht eine Schlange. So schlicht.

Die Grundlage der Warteschlangentheorie geht auf den dänischen Mathematiker Agner Krarup Erlang (1878–1929) zurück, der 1917 die Auslastung von Telefonvermittlungen analysierte. Ihn interessierten vor allem Ankunftsraten, Gesprächsdauern und die Zahl der parallel verfügbaren Leitungen – also genau jene Größen, die bestimmen, ob Warteschlangen entstehen oder vermieden werden können. Im Grunde hätte Erlang auch die Auswirkung einer Schulpause auf die Toilettenbelegung modellieren können.

Wer also verstehen will, warum sich vor Damen-WCs regelmäßig Schlangen bilden, muss nicht ideologisch denken. Er muss statistisch denken.

In jeder Pause geschieht dasselbe: Menschen verlassen ihre Plätze nahezu gleichzeitig. Die Nachfrage bündelt sich in einem engen Zeitfenster. Zugleich ist die Nutzungsdauer nicht gleich verteilt. In zahlreichen empirischen Beobachtungen zeigt sich: Frauen brauchen im Durchschnitt etwas länger pro Kabine – aus ganz alltäglichen Gründen: Kleidung, Hygiene, Menstruation, Begleitung von Kindern. Männer wiederum verfügen zusätzlich über Urinale. Diese wirken wie separate „Schnellspuren“ im System. Sie erhöhen den Durchsatz, ohne dass zusätzliche Kabinen gebaut werden müssen.

Diese Asymmetrie ist nicht politisch, sondern empirisch bedingt.

Warteschlangen als Folge unzureichender Kapazität

Die Warteschlange vor dem Damen-WC ist daher kein Naturgesetz und kein Ausdruck mangelnder Gleichberechtigung. Sie ist die mathematisch erwartbare Folge einer unzureichend dimensionierten Kapazität bei gegebener Nachfrage unter Last.

Wer länger benötigt und weniger Bedienplätze zur Verfügung hat, wartet länger. So funktioniert jedes Service-System – ob an der Bank, am Flughafen oder eben vor Toiletten.

Wo die Gleichung aus dem Takt gerät

Das Problem ist nicht nur die Länge der Nutzung, sondern ihre Unregelmäßigkeit. Einige sind rasch fertig, andere brauchen länger – aus guten, alltäglichen Gründen. Für das System jedoch zählt nicht die Begründung, sondern die Streuung.

Wo Zeiten stark variieren, gerät der Takt ins Stolpern. Die Warteschlange wächst dann nicht wegen der Durchschnittsdauer, sondern wegen der Abweichungen von ihr. In der Sprache der Statistik: Nicht nur der Mittelwert entscheidet, sondern die Varianz.

Die Unisex-Debatte verfehlt den technischen Kern

Die öffentliche Diskussion hat diesen technischen Kern übersehen. Sie hat das Etikett „Unisex“ in den Mittelpunkt gestellt, als ginge es um ein kulturpolitisches Bekenntnis. Sie behandelte das Thema wie eine Frage der Identität oder der Beschilderung, während es in Wahrheit um Auslegung unter Spitzenlast geht. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Toiletten genderneutral sein sollen, sondern ob ihre Kapazität dem tatsächlichen Nutzungsprofil im Peak entspricht.

Planung nach Wartezeit statt nach Ideologie

Erlang hätte Toiletten als Mehrkanalsystem verstanden, in dem zu bestimmten Zeiten plötzlich sehr viele Menschen gleichzeitig ankommen. Seine Modelle zeigen: Wenn gleich viele Nutzer eintreffen, aber eine Gruppe im Schnitt länger braucht, dann muss diese Gruppe mehr Kapazität erhalten, um dieselbe Wartezeit zu erzielen. Gleichheit im Ergebnis verlangt Ungleichheit in der Infrastruktur. Letztlich geht es um eine lösbare Rechenaufgabe, nicht mehr und nicht weniger.

Unisex-Kabinen als Instrument – nicht als Wunderlösung

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Unisex-Debatte entdramatisieren. Gemeinsame Kabinenblöcke sind kein gesellschaftspolitisches Experiment, sondern ein Instrument zur flexibleren Nutzung vorhandener Kapazitäten. Werden zusätzliche, frei nutzbare Einzelkabinen geschaffen, können zufällige Unterschiede in der Nachfrage zwischen Männern und Frauen besser ausgeglichen werden; Warteschlangen können sinken.

Voraussetzung ist, dass diese Kabinen tatsächlich akzeptiert und genutzt werden. Werden sie gemieden -– etwa aus Hygiene-, Privatsphäre- oder Ideologiegründen –, sinkt die effektive Kapazität, und die Schlange wird länger, nicht kürzer.

Gemeinsame Nutzung schafft nämlich keine neue Kapazität. Sie verteilt nur die vorhandene effizienter. Im Normalbetrieb hilft Organisation. In der Pause hilft nur Kapazität.

Die Grenze des Pooling-Effekts von zusätzlichen Einzelkabinen (Unisex-WC)

Ihr Vorteil ist vor allem dann groß, wenn die Menschen nicht alle gleichzeitig kommen, sondern zeitlich versetzt. In Pausen jedoch tritt ein synchroner Ansturm auf. Dann liegt das Problem weniger in der Verteilung als in der absoluten Knappheit von Toiletten. Wo zu wenige Kabinen vorhanden sind, hilft auch die beste Organisation nur begrenzt.

Die Mathematik ist hier unerbittlich. Unterdimensionierung lässt sich nicht organisieren – nur durch mehr Kabinen beheben.

Planung nach Service-Level

Infrastrukturelle Planung sollte sich daher an Service-Level-Zielen orientieren: Wie lange darf jemand im Pausen-Peak höchstens warten? Hat man diese Frage beantwortet, lässt sich die erforderliche Zahl der Kabinen berechnen. Die Mathematik liefert keinen moralischen Kompass, aber eine verlässliche Formel (siehe Anhang).

Rechtlicher Vergleich: Spitzenlast-Logik versus Mindeststandard

Ein Blick ins Recht bestätigt diese Logik. Die bayerische Versammlungsstättenverordnung rechnet nüchtern: pro 100 Besucher 1,2 Becken für Damen, 0,8 Becken und 1,2 Urinale für Herren. Das ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Zeitfrage. Manche Vorgänge dauern länger, andere kürzer – also trennt man sie baulich, um Warteschlangen zu verkürzen.

Die luxemburgischen ITM-Regeln sichern dagegen vor allem das Minimum: genügend Toiletten, zugänglich, hygienisch. Sie garantieren einen Boden, aber keinen Durchsatz. Wer klug baut, hält das Minimum ein – und rechnet darüber hinaus mit der Realität der Pause.

Gleichheit heißt gleiche Wartezeit

Hier liegt die eigentliche Pointe. Gleichheit besteht nicht darin, identische Räume zu schaffen, sondern gleiche Nutzungsqualität zu gewährleisten. Eine Anlage mit formal gleicher Kabinenzahl kann faktisch ungleich sein, wenn die Nutzungsdauern variieren. Die Schlange ist dann kein Zufall, sondern ein Planungsfehler.

So gesehen ist die Toilettendebatte weniger ein Kulturkampf als ein Lehrstück über die Kollision von Symbolpolitik und Ingenieurdenken. Die Warteschlangentheorie kennt nur Ankunftsraten, Servicezeiten und Kapazitäten – und gerade darin liegt ihre stille Fairness.

Warteschlangen als Diagnose struktureller Unterdimensionierung

Warteschlangen sind daher kein moralisches Urteil über Gleichbehandlung. Sie sind ein Indikator für strukturelle Unterdimensionierung. Sie zeigen an, dass Kapazität und verdichtete Nachfrage nicht zusammenpassen.

Zusätzliche Einzelkabinen als Puffer-Dimensionierung für Spitzenlasten

Die Lösung ist unspektakulär: Zusätzliche, frei nutzbare Einzelkabinen wirken als flexible Pufferkapazität. Sie verkürzen Warteschlangen im Normalbetrieb deutlich und können auch Spitzenbelastungen abmildern. Reicht die Gesamtzahl der Kabinen grundsätzlich nicht aus, lässt sich strukturelle Überlast jedoch nur durch eine entsprechend höhere Dimensionierung für Spitzenzeiten beheben.

Planung statt Symbolik

Gute Sanitärplanung beginnt beim rechtlichen Minimum, darf dort aber nicht stehen bleiben. Sie verbindet dieses Minimum mit mathematisch fundierter Spitzenlast-Dimensionierung und flexibel nutzbarer Zusatzkapazität. Die dazugehörige Formel ist im Anhang beschrieben.

Wer Gleichwertigkeit der Nutzung will, muss Kapazität nach tatsächlicher Nachfrage planen – und Unisex-Toiletten als Ergänzung, nicht als Ersatz bestehender getrennter Toiletten verstehen.

Ein nächster Schritt

Vielleicht liegt genau hier der nächste logische Schritt. Wenn Sanitärplanung eine Frage evidenzbasierter Kapazitätsdimensionierung ist, sollte sie nicht dem Zufall einzelner Bauentscheidungen überlassen bleiben. Eine Petition für eine evidenzbasierte und geschlechtergerechte Sanitärplanung in öffentlichen Gebäuden in Luxemburg könnte diesen Gedanken institutionell verankern und in eine sachliche Planungsdebatte im Parlament überführen.

Ziel dieser Petition ist keine symbolische oder ideologische Neuausrichtung der Sanitärpolitik, sondern eine sachliche Verbesserung der infrastrukturellen Planung im Sinne von Effizienz, Fairness und Nutzerkomfort.

Eine evidenzbasierte Sanitärplanung trägt dazu bei:

• Warteschlangen systematisch zu reduzieren,

• die tatsächliche Nutzungsqualität für alle Bürgerinnen und Bürger zu erhöhen,

• und öffentliche Investitionen zielgerichteter einzusetzen.

Wenn Warteschlangen – vor allem für Frauen – kein unvermeidbares Schicksal sind, sondern das Ergebnis konkreter Planungsannahmen, dann ist ihre Reduktion letztlich keine Frage der Beschilderung, sondern eine Frage guter, evidenzbasierter Infrastrukturplanung.

Zur Person

Unisex-WCs: Die Gleichung der Ungleichheit – Gleichheit ist gleiche Wartezeit

Pierre Mangers ist Strategieberater, Chemieingenieur, Statistiker und Betriebswirt

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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