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Schwärzen statt schützen

Schwärzen statt schützen

Epstein-Files ohne Ende. Wochenlang wurde darüber gestritten, ob Akten, die zeigen sollen, wie weit die Macht des US-Multimillionärs und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein reichte, veröffentlicht werden dürfen. Nun liegen neue „Epstein-Files“ vor, die als Transparenzoffensive präsentiert werden. Doch wer die Vorgeschichte kennt, zweifelt. Angeblich sollen Mädchen und junge Frauen geschützt werden, die zuvor jahrelang nicht ernst genommen wurden. Was bleibt, ist Misstrauen. Wenn Akten geschwärzt, gelöscht und neu veröffentlicht werden und dies als Opferschutz verkauft wird, wirkt das eher wie systematische Vertuschung.

Gerade beim Missbrauch von Minderjährigen ist ein konsequenter Schutz erforderlich. Namen und identifizierende Details müssen daher unbedingt anonymisiert werden. Laut Medienberichten hatten Opferanwält:innen nur wenige Stunden Zeit, um Betroffene zu identifizieren, deren Namen nicht erscheinen dürfen. Das ist kein Opferschutz, sondern das genaue Gegenteil: Es verhindert den Opferschutz. Wer so handelt, nimmt in Kauf, dass Menschen, die ihr Leben mühsam stabilisiert haben, erneut zur Zielscheibe werden. Zugleich lenken selektiv veröffentlichte Fotos von Prominenten ab. Zwar erzeugen Bilder von bekannten Persönlichkeiten wie Bill Clinton, Michael Jackson, Mick Jagger oder Diana Ross Emotionen, aber keine Wahrheit. Das ist ein gutes Beispiel für die Macht von Bildern. Sie beantworten jedoch nicht die entscheidenden Fragen: Wer wusste was? Wer deckte wen? Welche Strukturen ermöglichten dieses Netzwerk – und wer trägt Verantwortung? Währenddessen wird politisch taktiert. Donald Trump versucht, die Verantwortung abzuschieben, taucht aber immer wieder selbst in den Akten auf und war enger mit Epstein verbunden, als lange behauptet. Ganz nach der Devise: „Aufklärung? Nur, wenn sie nicht wehtut.“

Transparenz ist dringend nötig – aber nur mit echtem Opferschutz: mit lückenloser Anonymisierung, klaren Kriterien für jede Schwärzung und einem Ende der scheibchenweisen Enthüllungen, die lediglich Stimmungen bedienen. Das Problem reicht weit über den Fall Epstein hinaus. Wer schützt die Schutzlosen? Wir reden viel über Täterrechte und lassen die Opfer oft allein. Es fehlen Therapieplätze, Entschädigungen dauern Jahre und die Betroffenen werden durch die Verfahren überfordert. Für Täter gibt es Programme, für Opfer nur Formulare. Das ist das falsche Signal. Wer es ernst meint, stellt die Betroffenen an erste Stelle. Benötigt werden eine frühzeitige, kostenlose Beratung, psychosoziale Begleitung durch die Verfahren, schnelle und unbürokratische Hilfe sowie überprüfbare Schutzmaßnahmen. Opferschutz ist kein „Extraservice“, sondern Kern staatlicher Verantwortung. Vertrauen kehrt nur zurück, wenn Machtmissbrauch offengelegt, Strukturen benannt und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden, ohne die Betroffenen dabei erneut zu gefährden. Wer Opfer stärkt, stärkt den Rechtsstaat. Alles andere ist „schwärzen statt schützen“.

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