Editorial
Blut und Öl: Der Überfall auf Venezuela zeigt einmal mehr die US-Obsession für das schwarze Gold
Donald Trump interessiert sich mehr für Öl als für die Demokratie. Der Überfall auf Venezuela zeigt einmal mehr die US-amerikanische Obsession für das schwarze Gold.
Ölpumpen im Westen von Texas Foto: Paul Lowry/Flickr
Nach dem US-amerikanischen Überfall auf Venezuela und der Gefangennahme von Präsident Nicolás Maduro hat US-Präsident Donald Trump die Rückkehr großer Ölkonzerne in das südamerikanische Land angekündigt. Einer ist längst da: Chevron – die Nummer drei der Ölriesen weltweit. Das Unternehmen feiert seine hundertjährige Präsenz in Venezuela, das die größten Ölreserven der Welt besitzt. Die Nummer zwei, ExxonMobil, hingegen verließ das Land 2007, nachdem Maduros Vorgänger Hugo Chávez angeordnet hatte, dass bei allen Schwerölprojekten der Staatskonzern Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA) wenigstens 60 Prozent halten muss. Die US-Unternehmen erlitten damals hohe Verluste, während Chevron von seiner Sonderrolle profitierte und anlässlich des Jubiläums sogar von Maduro gelobt wurde. Der Konzern erhielt zuletzt im vergangenen Oktober von der zuständigen Behörde des US-Finanzministeriums erneut eine Ausnahmegenehmigung für die Ölförderung in dem diktatorisch regierten Staat.
Nicht nur, dass der Angriff der USA auf Venezuela völkerrechtswidrig ist, wie internationale Experten bestätigen, und die Entführung Maduros und seiner Frau in Wildwestmanier einer Demokratie nicht würdig ist – der vorgeschobene Kampf gegen Drogenhandel, die Anklage Maduros wegen Drogenschmuggels und der Regimewechsel in Caracas sind nur Mittel zum Zweck für Trump, um sich Venezuelas Ölreichtum anzueignen. Trump interessiert die Demokratie – das Wort fiel zumindest nicht während seiner Pressekonferenz am Samstag – weniger als das Öl, das für die Vereinigten Staaten seit jeher von überragender Bedeutung ist. Der Rohstoff wurde im 20. Jahrhundert zum Lebenselixier für den Wohlstand. Die Abhängigkeit und Fixiertheit auf das Erdöl zeigt sich in der Rolle der USA nicht nur als weltgrößter Produzent, sondern auch als größter Verbraucher.
Seit Edwin L. Drake 1859 in dem kleinen Nest Titusville im Nordwesten von Pennsylvania erfolgreich nach Erdöl bohrte und erstmals auf eine Ölquelle stieß, haben die US-Amerikaner eine besondere Obsession, was das schwarze Gold betrifft. Die Epoche des Erdöls nahm ihren Anfang. In einem rasanten Tempo entstand eine neue Rohstoffbranche, die Ölmagnaten wie John D. Rockefeller (mit Petroleum) zu sagenhaftem Reichtum verhalf. Es gibt kaum einen Lebensbereich, den die dickflüssige, stinkende Substanz, die beim Verbrennen Kohlendioxid freisetzt, in den vergangenen mehr als 150 Jahren nicht durchdrungen hat – vor allem als Benzin, das etwa 43 Prozent des Erdölverbrauchs ausmacht. Öl wurde zum Objekt menschlicher Begierde. Mit ihm kam der Reichtum. Davon zeugt die US-amerikanische Kultur – und nicht zuletzt Hollywood. War es im Western vor allem das Blut der getöteten Indigenen, das den Boden der späteren endlosen Viehweiden tränkte, während es auf den Baumwollfeldern der Südstaaten jenes der afrikanischen Sklaven war, weckte der Goldrausch in Kalifornien und Alaska die Gier der Pioniere, und war es später das schwarze Gold. Wie dicht Segen und Fluch beieinander liegen, zeigen Filme wie „Giganten“ (1956) mit James Dean oder Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“ (2007) mit Daniel Day-Lewis. Der letztgenannte, auf Upton Sinclairs Roman „Oil!“ basierende Streifen kann als Metapher auf die USA gesehen werden.
Obwohl die Vernunft längst den Weg in die postfossile Ära eingeschlagen hat, kommt von Trump der Aufruf „Drill, Baby, Drill!“. Wenn die Benzinpreise fallen und die Kaufkraft zunimmt, steigen die Chancen der Republikaner bei den Midterm-Wahlen. Den Ölkonzernen gefällt es auch. Die Nachfahren von „Dallas“-Bösewicht J.R. Ewing haben nicht nur den Machthaber am Potomac auf ihrer Seite, sondern europäische Regierungen und EU-Institutionen an der Kandare. Eine Koalition aus elf überwiegend in den USA ansässigen Konzernen, angeführt von Chevron und ExxonMobil, verstand es, so viel Druck zu machen, dass die Richtlinie über die Sorgfaltspflicht von Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit (CSDDD) gehörig abgeschwächt wurde. Formuliert man ein berühmtes Lied aus dem Musical „Cabaret“ um, dann gilt nach wie vor: „Oil makes the world go round.“