Editorial
Der Rubel wird rollen
Die Fußballweltmeisterschaft 2026 in den USA wird in die Geschichte eingehen. Aber nicht (nur) aus den richtigen Gründen. Über falsche Versprechen, Sorgen und einen traurigen Rekord.
Gute Freunde kann niemand trennen – das wusste auch schon Franz Beckenbauer Foto: Jacquelyn Martin/AP/dpa
Kanada, Mexiko und USA heißen die drei WM-Gastgeber im Sommer 2026. Das Turnier mit 104 Spielen, 48 Mannschaften und 16 Austragungsorten soll die Massen aus aller Welt sechs Wochen am Stück begeistern. Doch Gigantismus wird in Zukunft (moralisch) nicht mehr vertretbar sein. Selten waren im Vorfeld freie Meinungsäußerung gefährlicher, Ticketpreise ähnlich realitätsfern und das Umweltbewusstsein geringer als beim Turnier der Superlativen.
Aus einer Hochrechnung der deutschen Sportschau geht beispielsweise hervor, dass Fans der DFB-Elf für alle Spiele – also von der Gruppenphase bis zu einem möglichen Finale – mit Ausgaben von mindestens 14.000 Euro (wohlgemerkt nur für Tickets) rechnen müssen. Eine einzelne Eintrittskarte der billigsten Kategorie für das Endspiel kostet 3.580 Euro.
Es gibt neben dem Kostenpunkt – der aus dem Stadionbesuch ein Luxus- und Statussymbol macht und daher gesellschaftlich spaltet – aber noch ganz andere Faktoren, die vom einst magischen Fußballfest ablenken dürften: Nach den zahlreichen Missständen und Versäumnissen in Katar droht das Turnier 2026 das umweltschädlichste aller Zeiten zu werden. Bei der WM werden laut einer britischen Studie fast doppelt so viele schädliche Treibhausgasemissionen verursacht wie noch 2022. Nationalmannschaften und ihre Anhängerschaft müssen sich bei der geografischen Verteilung der Stadien auf lange Flugzeugstunden einstellen. Doch wer schert sich in Zeiten von Klimakrisen schon um ökologische Bedenken? FIFA-Bosse offenbar nicht.
Die 150 Millionen Anfragen für Tickets beweisen schon jetzt, dass der Rubel im Sommer rollen wird. Oberhaupt Gianni Infantino verteidigte die (finanziellen) Pläne und kündigte zumindest ein minimales Kontingent an billigeren Kategorien an. Sein Verhältnis zu Trump könnte im Vorfeld des Events nicht besser sein. Die FIFA rollte den roten Teppich aus, überreichte dem amerikanischen Präsidenten im Dezember einen neu geschaffenen Friedenspreis, während Menschenrechtsorganisationen vor Risiken für Minderheiten warnen. Laut ntv war aus FIFA-nahen Quellen zu hören, dass es sich dabei um eine Art Gegenleistung für Visa-Erleichterungen gehandelt haben dürfte. Touristen und Journalisten würde laut einem Regulierungsvorschlag der US-Grenzbehörde eine mögliche Durchleuchtung privater Nachrichten, Telefonate und sozialer Medien drohen. Fans aus Iran, Haiti, Senegal oder der Elfenbeinküste dürfen aus politischen Gründen („nationale Sicherheit“) erst gar nicht in die USA einreisen. Eine Ausnahmeregelung gilt für Spieler, Teampersonal und nahe Verwandte.
Infantino scheint sich an diesen Details nicht weiter zu stören. Er freut sich auf einen Sommer, der „wie 104 Superbowls“ aussehen soll. Und eins ist klar: Solange Millionen von Fans mitziehen und dieses Brimborium trotz aller Bedenken mitfinanzieren, wird sich an der Geldmaschinerie nichts ändern.