Editorial
„Sag alles ab“: Kulturveranstaltungen in Zeiten des Coronavirus
Bis auf Weiteres werden die Besucherstühle in den Kulturstätten leer bleiben Foto: Anne Lommel/Editpress
Er hat sich erschreckend schnell ausgeträumt, der Traum einer globalen Welt. Das Coronavirus ist vor allem ein gesellschaftlicher Indikator: Tugenden aus dem Jahrhundert der Aufklärung sind bereits jetzt Schnee von gestern. Das Schlaraffenland Luxemburg, dem es auch in Zeiten von Stahl- und Finanzkrisen stets gut ging, leidet scheinbar unter einer Art Unbesiegbarkeitssyndrom und reagiert wie so oft reichlich spät, obschon unsere Nachbarländer zu den europaweit am meisten betroffenen Gebieten gehören. Interessanter ist aber, dass in öffentlichen Ankündigungen zwischen waschechten Luxemburger Opfern und infizierten Grenzgängern unterschieden wird. Die Fassade einer grenzenlosen Gesellschaft, in der die freie Mobilität den Austausch der Kulturen favorisierte, bröckelt aufgrund von Panik, Unsicherheit und Unwissenheit auf eine beängstigend rapide Weise. Symbolische Mauern, die nie ganz abgerissen waren, werden nun gefestigt: Nationale Grenzen werden wieder deutlich erkennbar, Schengen war gestern. Als ich vorgestern den Fahrstuhl eines Parkhauses betrat, warteten dort drei Menschen. Niemand hatte sich getraut, auf den Knopf zu drücken, der sie auf das Erdgeschoss befördern würde. Diese angespannte Wartezimmersituation erschloss sich mir als treffende Parabel für den momentanen Zustand der Welt.