Editorial

Ressentiment als Vernunft verkleidet: Natürlich soll der Staat seine Bürger im Ausland retten

Luxemburger meckern über die Rückholaktion der Regierung aus den Emiraten – und die Menschen, die dort Urlaub machen. Unser Autor hält das für provinzielle Besserwisserei.

Menschen umarmen ihre Liebsten herzlich – Nähe, Liebe und Zusammenhalt in emotionaler Geste

Menschen nehmen ihre Liebsten in die Arme Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Luxemburg setzt alles daran, seine Staatsbürger – Menschen, die hier geboren sind, leben, arbeiten und Steuern zahlen – aus den Staaten des Mittleren Ostens zu retten. Das Außenministerium ist deshalb seit Samstag rund um die Uhr im Einsatz, chartert Flugzeuge, telefoniert mit den Vertretern der Golfstaaten, beruhigt die Menschen vor Ort, organisiert die Rückführung in die Heimat. Eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen. Dann wirft man einen Blick in den psychologischen Abgrund dieses Landes, also die Kommentarspalte von rtl.lu. Oder auch auf die Forumsseite dieser Zeitung. Und man fragt sich, ob man in Dubai vielleicht nicht doch besser aufgehoben wäre.

Von der Forderung, die Menschen „sollen doch bitte selbst für die Flugkosten aufkommen“ über „lasst sie doch da“ hin zu „Comment des parents peuvent-ils emmener leurs enfants dans une telle situation des plus délicates, voire dangereuses?“ reichen die Bemerkungen. Dieser Krieg sei ja absehbar gewesen. Natürlich! Die post-hellseherischen Sprücheklopfer versammeln sich wieder unter dem Banner des „hätte man wissen müssen“. Diese unverantwortlichen Urlauber! Bringen sich selbst in Gefahr! Wie kann man nur?! Dazu vielleicht ein paar Fakten.

Erstens: In der Reisewarnung, die das Luxemburger Außenministerium am 26. Januar für den Mittleren Osten herausgegeben hat, schreibt die Behörde explizit: „Für die anderen Länder der Region, einschließlich der Golfstaaten, wird von Reisen nicht prinzipiell abgeraten“. Im nächsten Satz wird indes die Möglichkeit einer Sperrung des Luftraums erwähnt, aufgrund der Sicherheitslage. Gleiches gilt für unsere Nachbarländer – Deutschland hatte seine Reisewarnungen am Mittwoch noch nicht aktualisiert. Wer sich dort aufhielt, befand sich also völlig im Einklang mit den Vorgaben der Luxemburger Regierung.

Zweitens: Die Golfstaaten und der Oman gelten grundsätzlich als sehr sichere Reiseländer. Die Kriminalität ist quasi nicht vorhanden, die Infrastruktur ist ausgezeichnet, die Korruption niedrig. Beide Staaten waren seit ihrer Unabhängigkeit noch nie Schauplatz von Krieg, weder im ersten, noch im zweiten Irakkrieg. Es gibt gute Gründe, diese Länder nicht zu besuchen. Die Rechte von Homosexuellen, von Frauen und von Arbeitsmigranten werden mit Füßen getreten, die Justiz ist drakonisch. Aber Sicherheit stand bislang nicht auf der Liste.

Drittens: Am Vorabend des Krieges ließ der Oman, der die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran eingefädelt hatte, noch verlauten, ein Durchbruch stünde kurz bevor. Die Europäer wurden dem Vernehmen nach von Trumps Angriff ebenso überrascht wie die Golfstaaten selbst. Trump ist unberechenbar. Die Definition von „unberechenbar“ ist, dass man Dinge eben nicht im Vorfeld berechnen kann. Aber natürlich wussten Jempi, Josy und Serge mal wieder besser Bescheid als alle Außenminister dieser Welt. Man nennt das in der Psychologie den „Hindsight-Bias“ – die im Nachhinein erstaunlich robuste Gewissheit, man habe „es ja schon immer gewusst“, meist gepaart mit erstaunlich dünner Kenntnis der Lage vor dem Ereignis.

Folgt man dieser Logik konsequent, müssten wir als Nächstes Reisewarnungen für Brüssel, Paris und Nizza aussprechen und Luxemburger unbedingt davon abhalten, dort ein Studium zu beginnen, zu arbeiten oder Urlaub zu machen. Denn dort gab es in der jüngeren Vergangenheit wesentlich mehr Tote durch Waffengewalt und Explosionen als in Dubai. Aber vermutlich wäre das, was in meinen Ohren absurd klingt, diesen Leuten sogar recht. Deren Wilder Westen beginnt ja anscheinend schon in Arlon.

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5 Kommentare
Guy Mathey 06.03.202613:21 Uhr

"Wie kann man nur in diese abscheulichen Diktaturen reisen", solche und ähnliche Aussagen liest man in diesem Kontext häufiger. Dazu möchte ich folgendes anmerken: Meinerseits meide ich seit vielen Jahren konsequent menschenrechtsverachtende Diktaturen, hab das jedoch, offen gestanden, nicht immer so gehandhabt, vielmehr ist es eine Folge einer persönlichen Entwicklung, einer immer stärkeren werdenden Sensibilisierung für Menschenrechte und Demokratie. Welche Länder er/sie bereisen möchte, muss und darf jedoch jede(r) für sich selbst entscheiden und diese Freiheit gilt es zu bewahren und zu verteidigen.
Solidarität mit Menschen in Not jedoch ist ein hohes Gut und wir sollten nicht bewerten, ob die Menschen sich eventuell selbstverschuldet in eine prekäre Lage gebracht haben, sondern nach Möglichkeit sofortige Hilfe leisten. Einfach Menschen sein! (angelehnt an ein Zitat von Margot Friedländer).

Manfred Reinertz Barriera 06.03.202612:21 Uhr

ES ist doch wohl selbstverständlich, dass die Regierung ihre Staatsbürger heim holen tut in so einem Falle...das ist eine Verpflichtung!

Fraulein Smilla 06.03.202611:46 Uhr

Als Trump seine wunderbare Armada , immerhin zwei Flugzeugtraeger in Bewegung setzte , haette man schon mit den Schlimmsten rechnen muessen . Das hat nicht die Bohne mit Besserwisserei zu tun und die duenne Kenntniss der Lage liegt bei den europaeischen Regierungen , die schon was den russischen Angriff auf die Ukraine angeht , im Gegensatz zu den USA und GB komplett falsch lagen .

Jek Hyde 06.03.202611:19 Uhr

All Preisen déi méi al wéi 2 Joer sin mussen 500 EUR repatriement bezuelen. Richteg, t'ass wirklech jo net un der Allgemengheet fir deene Leit hir egen verschelten méi komplizéiert Heemrees aus der Vakanz ze finanzéieren.

Jek Hyde 06.03.202610:58 Uhr

Liest dem René Kollwelter séi Beitag (TB vun haut) an duerno ass all Kommentar iwerflësseg.

HeWhoCannotBeNamed antwortete am 06.03.202615:21 Uhr

Natürlich kann man unterschiedlicher Meinung sein, das ist schließlich Teil des demokratischen Dialogs. Man sollte aber auch fähig sein, die eigene Meinung mit Argumenten zu untermauern. Wieso lese ich eigentlich in den Kommentarspalten so oft "all Kommentar iwerflësseg"? Ja, wieso kommentieren Sie denn eigentlich, wenn all Kommentar überflüssig ist?

Luxmann antwortete am 06.03.202613:37 Uhr


RK beweisst dass er auf dem niveau des niedrigsten populismus angekommen ist,den man effektiv oft bei den RTL.lu kommentaren findet.

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