Editorial

„Plattgemacht“: Warum Kultur in Esch nicht anecken, wehtun oder kritisieren soll  

Beim Kunstkollektiv Richtung22 im Bâtiment4

Beim Kunstkollektiv Richtung22 im Bâtiment4 Foto: Editpress/Julien Garroy

Eine Zeit lang war es ruhig geworden rund um frEsch. Doch jetzt, wo das „Francofolies“-Festival näherrückt, fand der vom Escher Kulturschöffen Pim Knaff präsidierte Verein mit einem vom Steuerzahler finanzierten Millionenbudget wieder den Weg zurück in die Schlagzeilen.  

Richtung22 muss das Bâtiment4 Ende des Monats verlassen, ein ohne Zweifel politisch motivierter Rausschmiss. Das Künstlerkollektiv kritisierte in den letzten Jahren gleich mehrfach die Escher Kulturpolitik. „Dies ist der Versuch, uns möglichst viel zu schaden, uns loszuwerden und zu verhindern, dass wir weiter auf Missstände der Escher Kulturpolitik hinweisen“, schreibt das Kollektiv in seiner Stellungnahme. Die Gemeinde wolle Richtung22 zensieren und mundtot machen. Das sei nicht das erste Projekt, das versuchte, eine alternative Kunstszene in Esch zu etablieren – um von Gemeindeverantwortlichen „plattgemacht“ zu werden.

In der Tat lässt die ganze Affäre nur einen Schluss zu: Esch will Kunst und Kultur, die nicht wehtut, nicht aneckt und vor allem nicht die handelnden Personen rund um den Kulturschöffen Pim Knaff und das nach wie vor undurchsichtige Konstrukt frEsch mit seinem Direktor Loïc Clairet kritisiert. Zum Beweis genügt ein Blick auf die von Richtung22 publizierte Chronologie (www.batiment4.lu) mit unzähligen Verweisen und Links auf Artikel von Presseorganen jeglicher Couleur.

Knaff wird im Herbst 60 Jahre alt. In Esch hält sich das Gerücht hartnäckig, dass er sich dann aus der Gemeindepolitik zurückzieht. Anstandshalber hätte er das schon im vergangenen Sommer machen müssen, als seine Verurteilung wegen schweren Steuerbetrugs (gegen seinen Willen) an die Öffentlichkeit gelangte. Doch Knaff machte weiter, gedeckt mit fadenscheiniger Argumentation von seinen Escher Koalitionspartnern CSV und „déi gréng“. 

Mindestens bis zu Knaffs rundem Geburtstag geht es wohl weiter mit der Event-Kultur in Esch. Im Juni steht mit den „Francofolies“ ein Festival auf dem Programm, das nicht nur eine Menge Geld kostet, sondern auch herzlich wenige Escher interessiert. Es richtet sich an ein frankophiles Publikum und der Großteil der Besucher kommt aus dem französischen Grenzgebiet. An den Escher Vereinen oder der Escher Geschäftswelt läuft es vorbei. Das Festival hat zudem zur Folge, dass der Galgenberg für die Bürger quasi vier Wochen lang nicht erreichbar ist, was viele Escher ärgert. Auch die Kinder aus den Grundschulen und Tagesstätten, deren Ausflüge dorthin nicht mehr stattfinden können. Lässt sich über Sinn und Zweck des Musikfestivals streiten, so ist der Standort in einem Naherholungsgebiet, der grünen Lunge der Stadt, zweifelsfrei weder zeitgemäß noch steigert er die Akzeptanz der Escher gegenüber dieser Veranstaltung.

Die Kultur bleibt demnach in Esch ein Streitthema. Daran ändert der Rauswurf von Richtung22 aus dem Bâtiment4 nichts. Die Escher Sektion von „déi Lénk“ hat bereits Konsequenzen gezogen und ist aus dem Verwaltungsrat von frEsch zurückgetreten. Sie begründet diesen Schritt mit anhaltenden Missständen in der Arbeit des Gremiums. Die Mitarbeit sei von Anfang an schwierig gewesen, mittlerweile sei die Situation untragbar. Man wolle nicht länger als „Alibi-Opposition“ dienen. Es mangle nach wie vor an Transparenz und Entscheidungen würden außerhalb des Verwaltungsrats getroffen.

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