Forum von Dan Kersch

Nachruf auf Marie-Thérèse Sannipoli-Mehling

Mit Marie-Thérèse Sannipoli hat uns eine Frau verlassen, die vieles zusammenhielt, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen. Ich habe Marie-Thérèse, Thérèse, wie ich sie stets nannte, besser kennengelernt, als ich sie in den späten 1990ern überzeugte, beim Wiederaufbau einer neu formierten Sektion der LSAP Monnerich mitzuhelfen.

Nachruf auf Marie-Thérèse Sannipoli-Mehling

Foto: Editpress-Archiv/Martine May

Natürlich konnte ich bei unserem ersten tieferen Gespräch nicht ahnen, dass ich einer Frau gegenübersaß, die mich von da an still, aber entschlossen unterstützen und schützen würde. Sie tat dies sowohl als erfahrene Ratgeberin als auch bei internen Meinungsverschiedenheiten, lokal wie national, ohne je daraus ein Thema zu machen. Thérèse verteidigte nicht lärmend und polternd, sondern klug, taktvoll und mit einer feinen politischen Intuition. Oft merkte ich erst viel später, manchmal zufällig, dass sie im Hintergrund vermittelt, gebremst, umgelenkt oder Schlimmeres verhindert hatte. Sie tat dies aus Überzeugung, aus Loyalität und aus einem tiefen Verantwortungsgefühl für Menschen, denen sie Vertrauen schenkte.

Stille Autorität

Vor diesem Gespräch war sie mir bereits eher flüchtig bekannt als die rechte Hand von John Castegnaro. Wer etwas vom OGBL wollte, vom obersten Verantwortlichen, musste über sie gehen. Thérèse war der organisatorische Dreh- und Angelpunkt des OGBL, loyal, präzise, zuverlässig.

Vielleicht erklärt diese lebenslange Loyalität zu John Castegnaro auch ihr lang ambivalentes Verhältnis zur LSAP, im menschlichen Spannungsfeld zwischen Gewerkschaft und Partei. Unvergessen bleibt mir deshalb auch der LSAP-Landeskongress in Bettemburg 2004, als über die Regierungsbeteiligung und die Ministerauswahl entschieden wurde und „ihr Casteg“ nicht Minister wurde. Ohne Zweifel riss dies eine tiefe Wunde in ihr politisches Engagement auf Landesebene, was sie aber nicht daran hinderte, sich umso mehr in ihrer Monnericher Sektion einzusetzen.

Auch in diesem Moment zeigte sich, wie sehr Thérèse Loyalität lebte – nicht geräuschvoll, nicht demonstrativ, sondern konsequent. Wer einmal in ihr Herz aufgenommen war, blieb dort. Fehler wurden nicht übersehen, aber stets dezent angesprochen, nie verletzend. Sie konnte Klarheit mit Menschlichkeit verbinden.

Haltung statt Abgrenzung

Für die LSAP Monnerich war Thérèse der Klebstoff, der alles zusammenhielt. Sie war von Anfang an dabei bei der Wiederauferstehung der Sektion, bei den klaren Wahlsiegen von 1999, 2005 und 2011. Sie war der X-Faktor: immer bescheiden, von manchen übersehen – und doch von unschätzbarem Wert.

An ihrer natürlichen Autorität kam niemand vorbei. Ihr sozialer Einsatz stand immer über allem – als Präsidentin der OGBL-Sektion bestand sie darauf, dass beim jährlichen Weihnachtsempfang auch politische Gegner eingeladen wurden. Sie verstand die Gesellschaft nicht als Abgrenzung, sondern als Haltung. Der Umgang mit allen Gästen war würdevoll, respektvoll und aufmerksam – unabhängig von Funktion, Herkunft oder politischer Position. Nichts überließ sie dem Zufall. Diese Präzision war kein Selbstzweck, sondern Ausdruck ihres Respekts gegenüber den Menschen: Wer eingeladen war, sollte sich willkommen fühlen. Genau darin lag ihre Stärke – im Zusammenspiel von Organisationstalent, sozialem Gespür und einer stillen, selbstverständlichen Autorität.

„Die Mutter des CIGL“

Thérèse war Gründungsmitglied des „Objectif plein emploi“, das auf eine Idee von John Castegnaro zurückging. Als diese Initiative, von ihr unverschuldet, in schwierige Situationen geriet, die sogar die materielle Existenz ihrer Familie bedrohten, blieb sie standhaft. Sie übernahm Verantwortung, suchte Auswege und schützte die Struktur wie die Menschen darin. Sie hielt an der sozialen Notwendigkeit des Projekts fest und ging den eingeschlagenen Weg weiter, überzeugt davon, dass es Menschen braucht, die nicht in politische Schlagworte passen. Nicht umsonst wurde sie als die Mutter des CIGL beschrieben. Als Präsidentin des CIGL Monnerich prägte Thérèse eine Initiative, die für sie weit mehr war als ein arbeitspolitisches Instrument. Sie sah CIGL ein Werkzeug, um arbeitslosen Menschen mit ihren oft komplexen Lebensläufen über den zweiten Arbeitsmarkt Struktur, Würde und Perspektive zurückzugeben.

Sie begegnete ihnen mit Milde, Verständnis und Respekt. Wo Grenzen überschritten wurden, konnte sie auch mütterlich streng sein, aber nie entwürdigend. Sie verstand es, zwischen Auftraggebern, Gemeinden und „bénéficiaires“ zu vermitteln, Spannungen abzubauen und Lösungen zu finden, ohne jemanden bloßzustellen.

Pimodi und „Office social“: Der Mensch im Mittelpunkt

Nicht anders war ihr Wirken als gewählte Kommunalpolitikerin und erste Präsidentin des interkommunalen Schwimmbads Pimodi – ein Amt, das sie mit derselben Ernsthaftigkeit und demselben Verantwortungsbewusstsein ausfüllte wie ihr gesamtes kommunalpolitisches Engagement. In einer Phase, in der große Infrastrukturarbeiten fast abgeschlossen waren, übernahm sie Verantwortung und führte das Projekt mit sicherer Hand zu Ende. Sie arbeitete sich auch in technische Dossiers ein, stellte die richtigen Fragen, verhandelte sachlich und lösungsorientiert und bewies dabei ein bemerkenswertes Verhandlungsgeschick. Als Kommunalpolitikerin dachte Thérèse stets über Gemeindegrenzen hinaus. Sie verstand interkommunale Zusammenarbeit nicht als Machtfrage, sondern als gemeinschaftliche Aufgabe. Mit Weitsicht, Bodenständigkeit und Menschlichkeit führte sie Pimodi und erwarb sich dadurch großes Ansehen – sowohl bei der Partnergemeinde als auch beim Personal. Ihr Führungsstil war geprägt von Respekt, Vertrauen und Nähe zu den Menschen. Genau darin zeigte sich ihr Verständnis von Kommunalpolitik: Verantwortung zu übernehmen, Probleme nicht weiterzureichen, sondern sie anzunehmen – und Lösungen zu finden, die für alle tragbar waren.

Diese Haltung prägte auch ihr Engagement im „Office social“, das sie mit effektiver Klarheit und enormem sozialen Bewusstsein leitete, die all ihr Handeln bestimmten. Für Thérèse stand stets der Mensch im Mittelpunkt – nicht Akten, nicht Zuständigkeiten, nicht politische Farben. Sie verstand das „Office social“ als Schutzraum für jene, die Unterstützung brauchen, und als Verantwortung gegenüber der gesamten Gemeinschaft. Auch als sich die politische Mehrheit änderte, blieb sie an der Spitze des „Office social“. Das war kein Zufall, sondern Ausdruck der breiten, überparteilichen Anerkennung, die sie genoss. Ihr wurde vertraut, weil sie fair, sachlich und unabhängig handelte und weil sie Entscheidungen nicht ideologisch, sondern aus sozialer Notwendigkeit heraus traf. Bestens illustriert wird die aufrechte Haltung von Thérèse durch die posthumen Dankesworte der Sozialarbeiterin des Office an ihre Präsidentin auf Facebook.

Verantwortung leben, ohne sie vor sich herzutragen

Ein Nachruf kann nie alles sagen. Vieles von dem, was Thérèse ausmachte, wirkte im Stillen, fern von Protokollen und öffentlichen Worten. Bei all ihrem politischen, gewerkschaftlichen und sozialen Engagement gab es jedoch einen festen Mittelpunkt: ihre Familie. Ihr Sohn Dan und ihr Enkel Luca waren das Wichtigste für sie. Für sie war sie da, mit derselben Verlässlichkeit, Wärme und Klarheit, die auch ihr öffentliches Wirken prägten. Alles andere ordnete sich diesem Kern unter.

Für mich persönlich bleibt Thérèse eine Frau, der ich viel zu verdanken habe. Ihren Schutz, ihren Rat, ihre Loyalität und ihre leise, aber entschlossene Unterstützung. Sie hat nie große Worte gebraucht, um Wirkung zu entfalten. Ihr Respekt vor Menschen, ihr Sinn für Gerechtigkeit und ihre Fähigkeit, zuzuhören, beeindrucken mich bis heute. Dafür bin ich ihr dankbar.

Mit dem Tod von Thérère Sannipoli-Mehling verlieren die soziale Bewegung, die Gewerkschaft und die LSAP eine große, starke Frau. Eine, die Verantwortung lebte, ohne sie vor sich herzutragen. Ihr Fehlen hinterlässt eine Lücke – menschlich, politisch und sozial. Sie wird fehlen.

Zur Person

Nachruf auf Marie-Thérèse Sannipoli-Mehling

Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Dan Kersch ist LSAP-Politiker und ehemaliger Minister

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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