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Der Freigeist, der stets voranging: Zum Tod von Robert Goebbels (1944–2026)
In ihrem Nachruf gehen Francine Closener, Dan Biancalana und Taina Bofferding auf das Engagement des kürzlich verstorbenen Robert Goebbels ein: auf seine Standhaftigkeit in der Politik, aber auch sein Wesen als Privatperson.
Foto: Editpress-Archiv/Julien Garroy
„Robert Goebbels ist am Dienstag, dem 6. Januar 2026, im Alter von 81 Jahren unerwartet gestorben.“
„Unerwartet.“ Das passt zu Rob. Seine Politik bestand nie darin, überall Zustimmung zu ernten und zu gefallen. Im Gegenteil. Robs Ehrgeiz war es, kompromisslos fortschrittlich zu sein und die Energie und Dynamik der losgetretenen Diskussionen und Debatten zu nutzen, um argumentativ zu überraschen, um voranzugehen.
Rob war ein Mann, der bis zum Schluss unterwegs war, buchstäblich: Reisen gehörten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Dass er ausgerechnet auf einer Reise so abrupt gehen musste, wirkt wie eine letzte, stille Pointe eines Lebens, das Stillstand nie schätzte.
Freiheit, Demokratie und Respekt als Maßstab
So streitbar Rob als Politiker war, so warm und jovial war er als Ehemann, Familienvater, Großvater, Freund. Familie und Freundeskreis, das war sein Refugium, das er bewusst fern vom Berufsalltag hielt: sein Cocoon, in dem er sich von der Politik erholte, seine Leute bekochte, einfach Rob sein konnte.
Ein Fels, Kompass, Guide, so beschreibt ihn seine Tochter Joanne in ihrem Nachruf. Als LSAP nehmen wir Abschied von einem Weggefährten, der unsere Partei mit aufgebaut, getragen, herausgefordert und vorangetrieben hat. Wir nehmen Abschied von einem Sozialisten, der Freiheit, Demokratie und Respekt nicht als Schlagworte behandelte, sondern als Maßstab. Und von einem überzeugten Europäer, der vielen manchmal zu kantig erschien, bis man merkte, dass Kanten auch Halt geben können.
Politisch war Rob streitbar und wusste sich durchzusetzen, auch in Diskussionen, die andere schon aufgegeben hatten. Rob war direkt, kein Freund der politischen Langue de Bois, die konnte er nicht leiden. Weder in seiner Partei noch bei den anderen. Schönformulierungen und Allerwelts Liebling zu sein – nicht sein Ding!
Gerade deshalb war er in der hiesigen Politiklandschaft unverwechselbar: ein freier Geist, den weder Mainstream noch Parteilinie einfangen konnte, und gerade deshalb ernst zu nehmen war. Weil er die Idee nie von der Realität trennte.
Von „Nordstrooss“ bis „Cité judiciaire“
Robert Goebbels kam aus dem Journalismus. Das ist mehr als eine biografische Fußnote, es erklärt den Ton und das leidenschaftliche Argumentieren, Nachfragen, Provozieren, Überzeugen. Als Generalsekretär der LSAP waren es dieselben Tugenden, mit denen er 15 Jahre lang die Partei durch Krisen und Richtungsstreit führte. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit konnte er sich beweisen, als er durch die Abspaltung der Sozialdemokratischen Partei durch sechs bis dahin LSAP-Kammerabgeordnete eine Größere Krise zu bewältigen hatte. Und wer die LSAP in diesen Jahren erlebt hat, der weiß, dass politische Stabilität damals kein Naturzustand war, sondern ein Ergebnis von harter Parteiarbeit.
Diese Standhaftigkeit trug ihn auch, als er 1984 Regierungsverantwortung übernahm, zuerst als Staatssekretär, dann als Minister – für Wirtschaft, öffentliche Bauten und Transport, später auch für Energie. Wer heute durch Luxemburg fährt, begegnet seinen Spuren nicht als Denkmal, sondern als Infrastruktur. Die „Nordstrooss“ steht dafür sinnbildlich: ein Projekt, das wegen massiver Widerstände so lange diskutiert und angepasst wurde, bis es am Ende doch gebaut wurde. Weitere Projekte und Gebäude, die seine Handschrift als Bautenminister tragen, sind unter anderem die „Cité judiciaire“ oder das Mudam.
Ein Nachruf auf Rob darf jedoch nicht bei nationalen Zuständigkeiten stehen bleiben. Sein Name ist, vielleicht stärker als der jedes anderen aus seiner Generation, mit einem europäischen Versprechen verbunden: Schengen. Am 14. Juni 1985 war er es, der als luxemburgischer Staatssekretär das berühmte Abkommen an Bord der „Princesse Marie-Astrid“ in Schengen unterzeichnete, nachdem er es zuvor mitverhandelt und vorangetrieben hatte.
Politische Kühnheit des Schengen-Abkommens
An Schengen gefiel Rob nicht das Pathos, das bis heute manchmal nachweht, sondern das Handwerkliche, das Praktische: der Kompromiss, das Vertrauen zwischen Ländern, das Grenzen öffnete, und die politische Kühnheit des Abkommens. Das erklärt auch, weshalb er mit Sorge sah, wie Grenzkontrollen zuletzt zurückkehrten und Selbstverständlichkeiten wieder verhandelbar wurden.
Er dachte europäisch, ohne das Lokale aus den Augen zu verlieren, und er verteidigte das Lokale, ohne es gegen Europa auszuspielen
Ein vereintes, starkes Europa lag ihm, nach anfänglichem Zögern in den 1970er Jahren, sehr am Herzen. Als er nach der Wahlniederlage der LSAP 1999 Platz für einen Neuanfang machte, verlagerte er seine politische Arbeit ins Europaparlament. Dort wurde er, bis zum Ende seiner parteipolitischen Tätigkeit 2014, zu einem Dauerübersetzer und -vermittler zwischen Ländern und Ebenen. Er dachte europäisch, ohne das Lokale aus den Augen zu verlieren, und er verteidigte das Lokale, ohne es gegen Europa auszuspielen.
Robert Goebbels war belesen, meinungsstark, gelegentlich unbequem und ausgesprochen produktiv; mit ihm ging es, im besten Sinne, voran. Dass Weggefährten ihn bis heute als „Macher“ beschreiben, kommt nicht von ungefähr.
Auch nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik blieb er präsent, als Autor, der in den Meinungsspalten der hiesigen Medien Debatten aufmischte mit starken Beiträgen und mit einem kaum versteckten Vergnügen daran, anzuecken. Noch Ende Dezember 2025 veröffentlichte er einen Text zur Zukunft der EU – ein für Goebbels typisches Plädoyer für ein Europa „verschiedener Geschwindigkeiten“, konstruktiv provokant, zukunftsgerichtet, lösungsorientiert, pragmatisch.
Zur Biografie gehört auch das Private, aber ein Nachruf schuldet hier Takt. Seiner Familie, allen voran seiner Tochter Joanne und seinem Sohn Gil und den geliebten Enkelkindern, sowie seinen Freunden entbieten wir unser tiefes Beileid.
Wir alle wissen, was wir mit Rob verloren haben. Und wir wissen auch, Rob war ein Großer.
Zu den Autoren

Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Francine Closener ist LSAP-Parteipräsidentin, Dan Biancalana LSAP-Parteipräsident und Taina Bofferding LSAP-Fraktionspräsidentin.
Anmerkung
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