Forum von Ursula von der Leyen
Historisches EU-Indien-Abkommen zeigt neue Wege auf
Mit dem Abschluss wegweisender Abkommen in den Bereichen Handel und Sicherheit zeigen die EU und Indien neue Perspektiven in der heutigen zersplitterten Welt auf, schreibt die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Foto: AFP/Frederick Florin
Bei einem Rückblick auf das Jahr 2025 werden Historiker es als das Jahr einordnen, in dem die Risse in der Weltordnung nicht mehr zu ignorieren waren. Zölle. Ausfuhrkontrollen. Wirtschaftliche Abhängigkeiten. Sie wurden zu Druckinstrumenten und in einigen Fällen zu Waffen. Diese Tendenzen haben sich nicht erst im vergangenen Jahr abgezeichnet; der Gegenwert der globalen Handelshemmnisse hatte sich bereits im Jahr zuvor verdreifacht. Aber 2025 war das Jahr, in dem sie von Randerscheinungen zum Mainstream-Phänomen wurden – als das Risiko der Zersplitterung Realität wurde.
Schlagzeilen und Nachrichten zeichneten ein Bild von Konflikten und Protektionismus: Sie berichteten über Länder, die sich nach innen wenden, neue Barrieren errichten und die gegenseitige Abhängigkeit als Waffe einsetzen. Diese Berichte bilden einen realen Wandel in der Welt um uns herum ab. Aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte und sie erzählen nicht Europas Geschichte.
2026 wird als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem Europa auf diese neue Welt reagiert hat, indem es bewiesen hat, dass es einen anderen Weg gibt. Von Energie bis Sicherheit: Wir stärken unsere strategische Unabhängigkeit. Nicht, indem wir uns hinter Zollmauern verschanzen oder uns von der Welt zurückziehen. Europa geht voran auf einem anderen Weg – Resilienz im Inneren gepaart mit Offenheit nach außen. Denn Stärke entsteht heute nicht durch Isolation, sondern durch Diversifizierung.
Europa geht voran auf einem anderen Weg – Resilienz im Inneren gepaart mit Offenheit nach außen
Und Europa ist nicht allein. Von Kanada bis Indien, von Lateinamerika bis Südostasien suchen Länder nach einem Modell, das Offenheit bewahrt und Abhängigkeiten reduziert. Europa spielt dabei eine zentrale Rolle, und dies nicht als Zuschauer, sondern als Motor.
Erst vor zehn Tagen war ich in Paraguay, um das EU-Mercosur-Abkommen zu unterzeichnen, das einen Markt mit mehr als 700 Millionen Menschen schafft und Europa und Lateinamerika in einem Moment der globalen Neuausrichtung enger miteinander verbindet. Heute bin ich in Neu-Delhi, um das größte Handelsabkommen abzuschließen, das jemals von der Europäischen Union oder Indien erreicht wurde.
Das Abkommen zwischen der EU und Indien wird den Unternehmen und den Bürgerinnen und Bürgern in Europa unmittelbare Vorteile bringen. Schon jetzt beläuft sich der Handel mit Waren und Dienstleistungen zwischen Indien und der EU auf mehr als 180 Mrd. EUR jährlich, wodurch fast 800.000 Arbeitsplätze in Europa gestützt werden. Mit dem neuen Abkommen werden die Zölle für 90 Prozent des Handels ganz abgeschafft oder gesenkt. Die europäischen Exporteure werden jährlich bis zu 4 Mrd. EUR an Abgaben einsparen, und wir erwarten mehr als eine Verdoppelung der EU-Ausfuhren im Laufe der Zeit.
Europäische Unternehmen werden von Konditionen profitieren, die von den globalen Wettbewerbern nicht zu übertreffen sind
Bei diesem Abkommen geht es aber nicht nur um Risikomanagement in turbulenten Zeiten, sondern auch um die Nutzung von Chancen. Es ist eine Investition in die langfristige Partnerschaft zwischen zwei bestimmenden Mächten des 21. Jahrhunderts. Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt, dessen große Wirtschaft im Rekordtempo wächst. Mit einem Zuwachs von mehr als 6 Prozent pro Jahr wird es das globale Wachstum über Jahrzehnte hinweg vorantreiben. Wir treiben nicht nur mehr Handel, wir investieren gegenseitig in die Zukunft. Dieses Abkommen gewährt die besten Bedingungen, die Indien jemals einem Partner eingeräumt hat. Europäische Unternehmen werden von Konditionen profitieren, die von den globalen Wettbewerbern nicht zu übertreffen sind – sie werden in der Pole-Position sein, um dieses Wachstum gemeinsam mit indischen Partnern zu gestalten und daran teilzuhaben. Indien gewinnt mit dem Abkommen einen vertrauenswürdigen, zuverlässigen Partner für Investitionen in seinen globalen Aufstieg.
Auch die europäische Landwirtschaft wird von dem Abkommen profitieren. Heute exportiert Europa zehnmal mehr Agrar- und Lebensmittelprodukte nach China als nach Indien. Das wird sich mit diesem Abkommen ändern. Die indischen Zölle auf Wein werden von 150% auf nur noch 20% sinken. Die Abgaben auf Olivenöl werden von 40% auf null fallen. Den europäischen Landwirtinnen und Landwirten werden sich neue Möglichkeiten in einem riesigen und immer wohlhabender werdenden Verbrauchermarkt eröffnen. Gleichzeitig sind die sensiblen Punkte Europas in vollem Umfang geschützt. Es gibt keine Zollsenkungen für Rindfleisch, Geflügel oder Zucker, und sämtliche Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltstandards der EU gelten weiterhin für Einfuhren aus Indien.
Handelsabkommen klingen oft technisch. Aber ihre Wirkung ist einfach: Wenn sich die Welt unsicher fühlt, schaffen Handelsabkommen Sicherheit. Darauf kommt es an. So können Handelsabkommen beispielsweise wichtig sein für luxemburgische Winzer, die entscheiden wollen, ob sie in eine größere Ernte investieren sollen, oder auch für kleinere Fabrikanten aus Luxemburg, die die Einstellung von mehr Personal erwägen, um ihr Produkt auf einem fernen Markt zu etablieren.
Angesichts einer stärker zersplitterten Weltordnung zeigen Europa und Indien, dass es einen anderen Weg gibt – Kooperation statt Konfrontation
Bei diesem Abkommen geht es nicht nur um Wirtschaft. Europa ist für seine eigene Verteidigung verantwortlich, so wie wir auch für unseren eigenen Wohlstand verantwortlich sind. Aber wir wissen, dass wir in der Sicherheit, wie im Handel, diversifizieren müssen. Heute unterzeichnen wir die erste Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft zwischen der EU und Indien. Auch dies ist ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Welt verändert hat und wie neue Realitäten neue Bindungen entstehen lassen können. Wir stärken die Verbindungen zwischen unserer Verteidigungsindustrie und unseren Streitkräften, auch durch gemeinsame Marineübungen zur Bekämpfung von Piraterie und zum Schutz wichtiger Seewege.
Angesichts einer stärker zersplitterten Weltordnung zeigen Europa und Indien, dass es einen anderen Weg gibt – Kooperation statt Konfrontation.
Jetzt ist nicht die Zeit für Nostalgiepolitik. Die Welt wird nicht zu alten Gewissheiten zurückkehren. Stillhalten wird die Stabilität nicht wiederherstellen; es besiegelt nur den Niedergang. Die Antwort Europas besteht darin, sich enger an vertrauenswürdige Partner zu binden – mit Diversifizierung, Zusammenarbeit und Stärke, ohne Illusionen und ohne Angst.