Editorial

Demokratie in der Krise: Warum wir mehr Habermas brauchen

Nach dem Tod des großen Philosophen und Soziologen, Demokraten und Europäers gilt: Wir brauchen demokratische Vordenker wie Jürgen Habermas – vor allem in Zeiten der vielen Krisen und Bedrohungen für unser Gesellschaftsmodell.

Jürgen Habermas spricht auf Pressekonferenz vor Journalisten in Athen, August 2013, Philosophie und Gesellschaft

Jürgen Habermas spricht in Athen zu Journalisten, August 2013 Foto: Louisa Gouliamaki/AFP

Was Donald Trump und Wladimir Putin verbindet, ist ihre Ablehnung der Europäischen Union und der liberalen Weltordnung. Was sie eint, ist ihre Geringschätzung der Demokratie. Ihr gemeinsames Projekt ist ein „regime change“ in Europa. Aufklärung hat für sie höchstens mit Drohnen zu tun. Der russische rechtsextreme Vordenker Alexander Dugin hat einmal gesagt: „Die USA sind nicht mehr Garant der Demokratie und liberaler Werte.“

Für eben diese Werte stand – und steht über seinen Tod hinaus – der am 14. März im Alter von 96 Jahren verstorbene deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas. Als Intellektueller hat er über Deutschland hinaus die Debattenkultur der vergangenen Jahrzehnte mitgeprägt. Im Vordergrund stehen für Habermas stets die Macht des Arguments und, ganz im Sinne der Aufklärung, die Kraft der Vernunft. Er gilt – etwa in seinem Hauptwerk über die „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) – als Verfechter des rationalen Dialogs und der öffentlichen Diskussion.

Bis zuletzt äußerte sich Habermas politisch und bezog immer wieder zu den verschiedensten Themen Stellung. So setzte er sich kritisch unter anderem mit der 68er-Studentenbewegung und der deutschen Wiedervereinigung auseinander, verteidigte in den 80er-Jahren im Historikerstreit die Singularität des Holocaust gegen die Versuche von Konservativen, diesen zu relativieren. Er äußerte sich zu Migration, Terrorismus und Bankenkrise sowie später zur Pandemie, zum Nahost- und zum Ukraine-Konflikt.

In Bezug auf den russischen Angriffskrieg plädierte Habermas für eine zurückhaltende Politik und eine Verhandlungslösung. Er nahm eine kritische Haltung zu den westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine ein, allerdings ohne deren Stopp zu fordern. Angesichts der unsicheren internationalen Lage war er sich durchaus bewusst, dass Europa als weltpolitischer Akteur handlungsfähiger werden muss. Die Wochenzeitung Die Zeit bezeichnete ihn als „letzten Europäer“, der für die stärkere Einbeziehung der Bürger in den europäischen Integrationsprozess, eine europäische Verfassung und die Notwendigkeit einer europäischen Öffentlichkeit eintrat.

Neben der Zukunft Europas war, damit zusammenhängend, die Demokratie eines von Habermas’ Lebensthemen. Diese ist von politischer Partizipation, herrschaftsfreier Kommunikation und der Einbeziehung aller Betroffenen gekennzeichnet. Vor allem in einer Zeit, in der von einer Krise der Demokratie gesprochen wird, in der die internationale Ordnung nicht mehr regelbasiert ist, sondern auf der Macht des Stärkeren beruht, in der wieder Eroberungskriege geführt werden und Rechtsextreme die Demokratie von innen heraus bedrohen, gilt es, diese Kernprinzipien zu verteidigen.

In stürmischen Zeiten hat der Meisterdenker immer wieder Orientierung geboten. Umso mehr entsteht eine Leerstelle, die es zu füllen gilt. Der 1929 geborene Habermas, der seine Kindheit in der Nazi-Diktatur erlebt hatte, entstammt der Frankfurter Schule. Er trat das Erbe von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno an, nachdem er mit dem bahnbrechenden Werk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ 1961 in Marburg habilitiert hatte. Er übernahm Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt. Auf den führenden Kopf der Frankfurter Schule ist nicht zuletzt der Begriff der „instrumentellen Vernunft“ zurückzuführen. Sie steht für eine zweckrationale Vernunft, die nicht die Ziele des Handelns reflektiert. Sie habe sich der Macht assimiliert, so Habermas. Was einst die Atombombe war, ist heute die künstliche Intelligenz.

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