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Lost in digital – eine Jugend ohne Anleitung

Lost in digital – eine Jugend ohne Anleitung

Die Regierung hat nach dem Handyverbot an Schulen nun obendrein die Social-Media-Freiheit unserer Jugendlichen im Visier. Verbote sind, so wirkt es inzwischen, zur reflexhaften Standardlösung geworden – ganz gleich, ob die Ursachen des Problems überhaupt ernsthaft angegangen wurden.

Das Einschränken von Freiheiten ist nicht nur pädagogisch fragwürdig, sondern zudem Ausdruck politischer Bequemlichkeit: Es erspart uns jene unbequeme Kernfrage, die längst im Zentrum stehen müsste – welche Medienkompetenz wir Kindern und Jugendlichen überhaupt vermitteln.

Gibt es eigentlich irgendeine Form von systematischer Medienerziehung in unseren Schulen? Eine, die über gut gemeinte Projekttage hinausgeht? Eine, die junge Menschen befähigt, Algorithmen zu durchschauen, Manipulation zu erkennen, digitale Risiken realistisch einzuschätzen und ihre eigene Identität im Netz zu schützen?

Die Realität fällt ernüchternd aus: Wir haben die Kinder in eine digitale Welt hineingeworfen, ohne sie dafür auszurüsten – und bestrafen sie nun dafür, dass sie darin nicht zurechtkommen.

Ein Social-Media-Verbot sendet ein denkbar schlechtes Signal: Es sagt nicht „Wir nehmen euch ernst“, sondern „Wir trauen euch nichts zu“. Es sagt nicht „Wir bilden euch“, sondern „Wir kontrollieren euch“. Und vor allem sagt es: Wir haben als Gesellschaft versagt – und ihr seid diejenigen, die die Folgen tragen.

Politik darf sich nicht darauf beschränken, Symptome abzustellen, nur weil die Ursachen zu komplex, zu unbequem oder zu teuer sind. Medienkompetenz ist keine optionale Beilage im Lehrplan – sie ist eine Grundvoraussetzung demokratischer Mündigkeit.

Jugendliche brauchen nicht weniger digitale Welt, sondern mehr Orientierung darin. Nicht Verbote, sondern Fähigkeiten. Nicht Grenzen, sondern Begleitung.

Wer Freiheiten beschneidet, ohne zuvor Bildung zu vermitteln, zerstört Vertrauen. Wenn die Regierung digitale Risiken wirklich reduzieren will, muss sie in Pädagogik investieren – nicht in eine Kultur der Verbote. Alles andere ist nichts als ein Ausweichen vor der eigenen Verantwortung.

Unseren Kindern die Nutzung moderner Kommunikationsmittel zu verbieten, ohne ihnen zuvor den mündigen Umgang damit beizubringen, ist kein Schutz – es ist ein gesellschaftliches Armutszeugnis.

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