Editorial

Krieg ohne Ziel und ohne Ende: Die Welt muss Gaza retten, um Israel zu helfen

Protest gegen den Krieg in Israel: Der Krieg gegen Gaza wird längst nicht mehr als Krieg gegen die Hamas wahrgenommen und hat Israel isoliert

Protest gegen den Krieg in Israel: Der Krieg gegen Gaza wird längst nicht mehr als Krieg gegen die Hamas wahrgenommen und hat Israel isoliert Foto: AFP/Jack Guez

Gaza liegt in Trümmern. Doch Israels Regierung will den Krieg weiter eskalieren. Premier Netanjahu plant, zumindest Teile des Küstenstreifens „temporär“ zu besetzen. Das bringt nicht nur weiteres Leid für Gaza. Es treibt auch Israel näher an den Abgrund. Dabei sind die Terroristen der Hamas militärisch längst besiegt. Darum gilt jetzt mehr denn je: Wer Israel helfen will, muss zuerst Gaza vor der völligen Zerstörung bewahren.

Nach Monaten eines erbarmungslosen Krieges ist Israels internationaler Ruf ramponiert. Weite Teile der Welt blicken mittlerweile mit Abscheu und Wut auf Netanjahu und seine Minister. Auf allen Kontinenten protestieren Menschen lautstark gegen das Vorgehen der israelischen Streitkräfte in Gaza. Nicht nur der globale Süden tobt. Auch im Westen setzt ein Umdenken ein. Das deutsche Aus für Waffenlieferungen an Israel ist der jüngste Beleg dafür. Eine bereits ausgebombte Bevölkerung auch noch aushungern zu lassen, Menschen bei der Essensverteilung zu erschießen, Journalisten ins Visier zu nehmen – das lässt keinen Beobachter kalt.

Genozid, Apartheid – härter könnten die Vorwürfe nicht sein. Entsetzte und empörte junge Menschen skandieren sie an Universitäten weltweit. So wächst eine Generation heran, für die die Bilder aus Gaza unmittelbarer sind als die Erinnerung an den Holocaust. Das ist gefährlich – und die Verantwortung dafür trägt Netanjahu, der Israels moralische Sonderstellung mit seinem unverhältnismäßig brutalen Krieg gegen Gaza und dessen Bevölkerung verspielt hat.

Der Krieg gegen Gaza wird längst nicht mehr als Krieg gegen die Hamas wahrgenommen und hat Israel isoliert. Wer Israel helfen will, muss daher zuerst Gaza helfen. Viele Israelis wissen das. In Tel Aviv demonstrieren Tausende. Ehemalige Geheimdienstler, Militärs und Diplomaten fordern in einem Brief an US-Präsident Trump ein Kriegsende. Sie handeln aus Verzweiflung, weil sie sehen, wie das Leid in Gaza auch Israel zerstört.

Proisraelische Lobbyisten schwingen seit Monaten die Antisemitismuskeule, wenn jemand das Vorgehen Israels im Gazastreifen oder im Westjordanland – ja, auch dort geht Israel weiter brutal vor – kritisiert. Doch weder diese Veteranen noch die protestierende Zivilgesellschaft lassen sich im klaren Kopf als Antisemiten, Hamas-Unterstützer oder Israel-Feinde abstempeln. Sie haben, wie viele Freunde Israels weltweit, erkannt: Wer den Plänen Netanjahus und seiner rechtsextremen Regierung nicht entgegentritt, gefährdet Israels Zukunft und handelt damit anti-israelisch.

Der israelische Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, spricht offen davon, ganz Gaza für Juden zu beanspruchen und Palästinenser zur Auswanderung zu drängen. „Die Juden müssen nach Hause zurückkehren, in den ganzen Gazastreifen. Diejenigen, die von dort auswandern müssen, sind die Feinde“, sagt Ben-Gvir. Das ist die Denkweise, die Israels Regierung prägt. Netanjahu, Ben-Gvir und Co. haben den Staat und sein Militär in den moralischen Bankrott geführt.

Allein findet das Land offenbar keinen Ausweg aus der Gewaltspirale. Die Welt muss eingreifen: Gaza retten, damit Israel wieder zu Sinnen kommt. Dann kann über weitere Lösungen gesprochen werden. Vorschläge liegen längst auf dem Tisch, zuletzt vorgebracht vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der die Anerkennung eines palästinensischen Staates unter Führung der Palästinensischen Autonomiebehörde fordert. Für die Hamas wäre das ein schwerer Schlag. Und das wäre ein Sieg für Israelis und Palästinenser gleichermaßen.

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