Editorial
„Koalition der Unabhängigen“: Macrons Rettungsring für die internationale Diplomatie
Kann man die multilaterale Diplomatie retten? Macron sagt Ja – und wirft dafür einen jahrhundertealten, französischen Anspruch über Bord: die eigene Rolle als Großmacht. Das macht ihn glaubwürdig.
Macron bei einem bilateralen Treffen mit dem südkoreanischen Präsidenten Lee Jae Myung am 3. April in Seoul Foto: AFP
Emmanuel Macron hat vergangene Woche in Seoul eine „Koalition der Unabhängigen“ ausgerufen: ein Bündnis demokratischer Staaten, das sich weder der chinesischen Dominanz noch der amerikanischen Unberechenbarkeit ausliefern will. Europa, Japan, Südkorea, Kanada, Brasilien und Indien sollen gemeinsam einen dritten Weg gehen. Macron wirbt für diese Idee seit Jahren, doch in Tokio und Seoul hat er ihr erstmals einen Namen gegeben. Die Bewegung blockfreier Staaten aus dem Kalten Krieg lässt grüßen.
Man könnte das als weitere Geste eines Präsidenten abhaken, der große Konzepte liebt und regelmäßig an ihrer Umsetzung scheitert. Aber diesmal lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn die „Koalition der Unabhängigen“ funktioniert nur dann, wenn Frankreich eine Prämisse aufgibt, an der es lange eisern festgehalten hat: die eigene Sonderrolle als Großmacht.