Editorial
„Koalition der Unabhängigen“: Macrons Rettungsring für die internationale Diplomatie
Kann man die multilaterale Diplomatie retten? Macron sagt Ja – und wirft dafür einen jahrhundertealten, französischen Anspruch über Bord: die eigene Rolle als Großmacht. Das macht ihn glaubwürdig.
Macron bei einem bilateralen Treffen mit dem südkoreanischen Präsidenten Lee Jae Myung am 3. April in Seoul Foto: AFP
Emmanuel Macron hat vergangene Woche in Seoul eine „Koalition der Unabhängigen“ ausgerufen: ein Bündnis demokratischer Staaten, das sich weder der chinesischen Dominanz noch der amerikanischen Unberechenbarkeit ausliefern will. Europa, Japan, Südkorea, Kanada, Brasilien und Indien sollen gemeinsam einen dritten Weg gehen. Macron wirbt für diese Idee seit Jahren, doch in Tokio und Seoul hat er ihr erstmals einen Namen gegeben. Die Bewegung blockfreier Staaten aus dem Kalten Krieg lässt grüßen.
Man könnte das als weitere Geste eines Präsidenten abhaken, der große Konzepte liebt und regelmäßig an ihrer Umsetzung scheitert. Aber diesmal lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn die „Koalition der Unabhängigen“ funktioniert nur dann, wenn Frankreich eine Prämisse aufgibt, an der es lange eisern festgehalten hat: die eigene Sonderrolle als Großmacht.
Valéry Giscard d’Estaing hatte 1975 schon den Zorn der Franzosen auf sich gezogen, die ihm die Aussage, Frankreich sei keine Supermacht, sehr übel nahmen. Macron selbst hatte Giscard d’Estaing noch 2020 widersprochen, seine Handlungen zeigen jedoch, dass er die Analyse seines Vorgängers (und Gründers der G7-Treffen) teilt. Sechs Jahre später zieht er nämlich die diplomatische Konsequenz: Ein Frankreich, das als gleichberechtigter Partner auftritt statt als selbst ernannte Führungsmacht, ist glaubwürdiger – und wirksamer.
Das hat Folgen für Europa. Jahrzehntelang hat Frankreich die EU als Verlängerung seiner Außenpolitik behandelt, Brüssel als Hebel für nationale Interessen genutzt und eine echte Gemeinschaftspolitik blockiert, wo sie den eigenen Ambitionen im Weg stand. Wenn Macrons Ansatz mehr ist als ein taktisches Manöver, bedeutet er eine Kurskorrektur: Frankreich, das sich für ein Zusammenwachsen Europas einsetzt, weil es seine Koalitionsfähigkeit nach außen davon abhängig macht. Das wäre ein bis dato unvergleichlicher Schritt in Richtung europäische Integration.
Was aber ist mit Deutschland? Die Bundesrepublik hat Außenpolitik über Jahrzehnte als Anhängsel ihrer Exportwirtschaft betrieben: Konflikte vermeiden, Märkte offen halten, im Zweifel die Klappe halten. Friedrich Merz hat Signale einer veränderten Haltung gesetzt, doch politischer Mut ist mehr als das vollmundige Versprechen höherer Rüstungsausgaben. Deutschland muss lernen, als politischer Akteur zu sprechen – im Verbund mit Frankreich, Italien und Polen, als treibende Kraft einer europäischen Diplomatie, die nicht bei Industrieinteressen aufhört.
Den ersten konkreten Test für Macrons Vorstoß bietet Évian. Frankreich richtet dort vom 15. bis 17. Juni den G7-Gipfel aus, und Frankreich wird ihn als Plattform für seine neue Strategie nutzen wollen. Die Bedingungen sind schwierig. Trump, der die ursprünglichen Termine bereits verschieben ließ, weil sein 80. Geburtstag Vorrang hatte, hat 2025 beim G7 in Kananaskis vorgeführt, wie wenig ihn multilaterale Konsensarbeit interessiert. Er wird es in Évian kaum anders halten. So wird sich zeigen, ob die anderen sechs Mitglieder fähig sind, ohne amerikanische Gefolgschaft etwas zu bewegen, also ob Macrons Vorstellung einer Koalition Anklang findet.
Macrons zweite Amtszeit endet 2027. Ob seine Nachfolge diese Linie fortführt, ist offen. Die innenpolitischen Vorzeichen in Frankreich sind ungünstig. Ein Grund mehr, die Idee in Évian mit konkreten Ergebnissen zu unterfüttern, bevor die Zeit abläuft.