Leserforum

Kann Glucksmann Le Pen stoppen?

Kann Glucksmann Le Pen stoppen?

Die französische Präsidentschaftswahl 2027 könnte zu einer politischen Richtungsentscheidung werden. Im Zentrum steht längst nicht mehr nur die Frage, wer Marine Le Pen herausfordern kann. Entscheidend ist auch, ob es der tief zerstrittenen französischen Linken gelingt, sich auf einen aussichtsreichen Kandidaten zu verständigen. Einer, der diesen Anspruch erhebt, ist Raphaël Glucksmann. Doch kann er Le Pen tatsächlich gefährlich werden? Der Sozialdemokrat bekennt sich klar zu Europa, unterstützt die Ukraine entschieden und verteidigt die liberale Demokratie. Anstatt auf Polarisierung setzt er auf Verständigung und versucht, jene Wähler aus der politischen Mitte anzusprechen, die in Frankreich zunehmend unter Druck gerät. Zugleich grenzt er sich klar von Jean-Luc Mélenchon, dem starken Mann der Partei La France insoumise (LFI), sowie von Marine Le Pen, der Vorsitzenden des Rassemblement National (RN), ab.

Gerade darin könnte Glucksmanns Chance liegen. Zwar führt Mélenchon derzeit das linke Lager an, mit seiner radikalen Rhetorik verschreckt er jedoch viele moderate Wähler. Glucksmann könnte diese Lücke als sozialdemokratische Alternative besetzen – für all jene, die weder Le Pens Rechtspopulismus noch Mélenchons Radikalismus wollen. Doch der Weg dorthin ist steinig und entsprechend scharf fallen die Angriffe aus dem Mélenchon-Lager aus. Dort gilt Glucksmann als verkappter „Macronist“. Auch in der Nahostpolitik gehen die Meinungen weit auseinander. Während Mélenchons Anhänger im Kontext des Gaza-Krieges von einem „Genozid“ sprechen, verwendet der 46-Jährige den Begriff „Gemetzel“. Seine Kritik an der israelischen Regierung bleibt dennoch deutlich. Auch gegenüber dem „Kriegstreiber“ Wladimir Putin findet er klare Worte. Dieser wird von vielen Fans des Linkspopulisten – wie übrigens auch von Sympathisanten des RN – viel nachsichtiger behandelt.

Doch bevor der EU-Abgeordnete seinen Blick auf Marine Le Pen richten kann, muss er sich erst einmal in den eigenen Reihen behaupten. Zunächst steht die Vorwahl seiner Partei, der Sozialisten, an. Zu seinen möglichen Konkurrenten gehören Ségolène Royal und der frühere Präsident François Hollande. Das größere Problem ist allerdings die Zersplitterung der Linken. Wenn im ersten Wahlgang mehrere Kandidaten antreten, droht, sich das linke Wählerpotenzial aufzuspalten. Je mehr sich die demokratischen Kräfte gegenseitig Stimmen abnehmen, desto größer wird Le Pens Chance, in die Stichwahl einzuziehen und letztlich den Élysée-Palast zu erobern.

Raphaël Glucksmann allein wird Marine Le Pen kaum stoppen können. Frankreich benötigt eine glaubwürdige demokratische Alternative zu den Extremen. Gelingt es den Sozialisten jedoch, moderate Linke und die politische Mitte zusammenzuführen, könnte er zum entscheidenden Faktor werden. Denn es geht um mehr als nur eine Kandidatur: Es geht um die Zukunft Europas, um liberale Demokratie oder populistische Polarisierung.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Leserforum

Single sinn: net e Problem, mee eng Liewensform

Leserforum

„Justification usurpée …!“

Leserforum

Fluchtursachen anstatt Flüchtlinge bekämpfen