Kommentar
Iraner allein zu Hause
Demonstration in Teheran im September 2022 nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini Foto: Uncredited/AP/dpa
Wer geglaubt hat, dass die israelische Operation „Rising Lion“ neben der Bombardierung der iranischen Atomanlagen und der Tötung einiger Kommandeure der iranischen Militärführung auch zum Sturz des Mullah-Regimes führen könnte, weiß jetzt: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat nicht gehalten, was er versprach. Er sagte, dass die Offensive nicht gegen Irans Bevölkerung gerichtet sei. Viele Zivilisten starben bei den Luftangriffen auf Teheran, so auch die 24-jährige Dichterin Parnia Abbasi. Sie gehörte der Generation an, aus der sich 2022 die Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“ entwickelt hat.
Zwar hält die Waffenruhe seit dem 26. Juni an, aber ob das iranische Atomwaffenprogramm völlig zerstört wurde, ist nicht sicher. Klar sei hingegen, dass Netanjahu der Opposition im Iran einen Bärendienst erwies, schreibt die an der Uni Köln unterrichtende Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur. Sie weist darauf hin, dass Israel und die USA die Atompläne des Regimes nicht vernichtet, sondern nur verzögert haben. Auch wer meinte, eine Rückkehr von Reza Pahlavi, des mit Israel sympathisierenden ältesten Sohnes des 1979 gestürzten Schahs, wäre eine Lösung, irrt sich. Einen Regimewechsel sollte es nicht mithilfe eines eingeflogenen Herrschers (wie einst Chomeini) geben, sondern von innen heraus – und mit Unterstützung der demokratischen Länder im sogenannten Westen.
Doch die Enttäuschung über den „Westen“ sitzt nicht nur in Iran tief, auch in vielen anderen Ländern Afrikas und Asiens. Außer „lauwarme Worte“ von sich zu geben, wie es Amirpur nennt, haben etwa die Europäer auf der ganzen Linie versagt. Die Iraner sind ganz auf sich gestellt, mit dem Regime allein gelassen und hoffen auf die Diaspora ihrer etwa acht Millionen Landsleute weltweit, von denen etliche ihr Heimatland gerne wieder aufbauen würden. Noch schlimmer geht es den Juden im Iran, die pauschal als Spione Israels bezeichnet werden, den Bahai, die am stärksten unterdrückt werden, sowie den des Separatismus verdächtigten Kurden und Belutschen. Nicht zu vergessen sind jene Frauen, die im Zuge der Protestbewegung ihr Kopftuch ablegten und dafür Schläge kassierten, oder jene Oppositionellen, die hingerichtet wurden. Nun droht ihr Trauma weiterzugehen. „Krieg hilft uns nicht“, schrieb Narges Mohammadi, Friedensnobelpreisträgerin von 2023. Demokratie hilft. Doch die hat es zurzeit weltweit schwer. Wer behauptet, dass manche Länder nicht für sie geschaffen seien, ist ignorant und unterschätzt den Iran, dessen Kultur und Geschichte.