Editorial

„Es darf kein Luxus sein, sich um die eigene Familie zu kümmern“

Die Regierung kündigt die Familienteilzeit an, doch die Begeisterung bleibt aus: Die geplante Maßnahme ist völlig realitätsfremd.

Symbolbild: Die geplante Familien-Teilzeit droht nur priviligierten Haushalten zu nutzen

Symbolbild: Die geplante Familien-Teilzeit droht nur priviligierten Haushalten zu nutzen Quelle: Pexels

Luxemburgs Eltern atmen auf. Endlich dürfen sie sich um ihre Kinder kümmern! Oder sowas in der Art – die Regierung plant nämlich die Einführung der Familienteilzeit: Wer Kinder unter 13 Jahren hat, darf seine Arbeitszeit um zehn Prozent reduzieren. Vorausgesetzt, die Betriebsleitung ist einverstanden und der Haushalt kommt ohne den entsprechenden Teil des Gehalts aus. „Juhu“ ruft niemand. Kaum eine arbeitspolitische Maßnahme könnte weiter von der Lebensrealität vieler Familien entfernt sein.

Nur die wenigsten Eltern können sich den Verzicht auf einen Teil des Gehalts leisten – und trotzdem sind viele von ihnen auf flexiblere Arbeitszeiten angewiesen, um die Betreuung der Kinder zu gewährleisten. Sie würden ihre Arbeitszeit nicht aus freien Stücken reduzieren, sondern weil die Betreuungslücken nicht anders zu schließen sind. In ihrer jetzigen Version stellt die geplante Reform deshalb nur für die Haushalte einen Mehrwert dar, die finanziell gut aufgestellt sind und einen Draht zur Führungsetage ihres Unternehmens haben. Somit verfehlt die Maßnahme das Ziel, allen Eltern zugutezukommen.

Die Oppositionspartei LSAP verweist in einer Pressemitteilung auf ein weiteres, grundlegendes Problem der geplanten Familienteilzeit: Sie drohe, die Genderungleichheiten zu verschärfen. In heterosexuellen Paaren sind es weiterhin die Frauen, die den Großteil der Fürsorgearbeit übernehmen und dafür ihre Arbeitszeit verringern. Das bedeutet schon jetzt: weniger Gehalt, weniger Karrierechancen, weniger Unabhängigkeit und weniger Rente. „Eng Mesure fir eng besser Vereenbarkeet vu Beruff a Famill däerf net zur Gläichstellungs- a Pensiounsfal ginn“, so die LSAP.

Die Schwäche der Reform liegt aber nicht nur in ihrer sozialen Selektivität. Sie ignoriert auch die tiefere Krise der Arbeitswelt in Luxemburg. Der aktuelle Quality of Work Index erreichte 2025 mit rund 53 Punkten ein Rekordtief. Seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2014 hat sich der Anteil der Beschäftigten mit suizidalen Gedanken verdreifacht. Das Risiko, an Burnout zu erkranken, liegt inzwischen bei 36 Prozent.

Statt Familien mit Kindern einen schlechten Deal anzubieten, muss die Regierung sich mit dieser Allgemeinsituation befassen und die zugrundeliegenden Probleme lösen. Die einen kämpfen mit den steigenden Lebenshaltungskosten, die anderen mit dem anhaltenden Konsum- und Leistungsdruck. Beides wird auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen. In diesem Fall auf denen der Kinder.

Genau dort muss eine soziale Arbeitspolitik ansetzen und insbesondere kleine sowie mittelständische Betriebe dabei unterstützen, ihren Angestellten passende Arbeitsmodelle anzubieten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben darf nicht länger vom guten Willen einzelner Unternehmen oder von den finanziellen Möglichkeiten von Einzelpersonen abhängen.

Eine Politik, die Zeit für Kinder schaffen will, sollte jedenfalls nicht ans Portemonnaie der Familie gebunden sein. Solange genau das der Fall ist, bleibt die Familienteilzeit keine wegweisende Reform. Denn es darf kein Luxus sein, sich um die eigene Familie zu kümmern.

1 Kommentare
km 08.09.202608:30 Uhr

Wenn jemand weniger arbeitet, verdient er weniger. Das ist nur gerecht. Kinder zu haben darf nicht dazu dienen, Vorteile gegenüber andern, kinderlosen Arbeitnehmern zu haben.Auch ohne Kinder hat man ,Familie'. Unsere aufgeschlossene Gesellschaft ist doch so darum bemüht, uns allen klar zu machen, dass eine Familie nicht immer aus Eltern und Kindern bestehen muss. Und das stimmt auch! Die Lebensqualität aller, die keine Kinder haben, ist nicht weniger wichtig, warum wollten die also benachteiligt werden?

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