Leserforum
„Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie“
Es gibt in Deutschland einen Grundkonsens aller demokratischen Parteien, den Millionen Opfern des Nationalsozialismus allzeit ein ehrendes Andenken zu bewahren. Aufarbeitung, Erinnerung und das „Nie wieder!“ haben ihr Fundament im obersten Verfassungsgrundsatz der Unantastbarkeit der Würde des Menschen. Artikel 1 des Grundgesetzes war 1949 die direkte Antwort auf die Entwürdigung des Menschen durch den eliminatorischen Rassismus der Nazis.
Heute aber droht Schlimmes in diesem Bereich. Hunderttausende Wähler in Sachsen-Anhalt und Millionen bundesweit unterstützen die rechtsextreme AfD, die genau diesen demokratischen Konsens zerstören will. Es gibt erschreckende Zustimmungswerte für eine Partei, die auf Hetze und Ausschluss setzt und deshalb z.B. die Inklusion lernschwacher Kinder beenden will. Eine Partei, die den Wählern vorgaukelt, man bräuchte nur bestimmte Kategorien Menschen von möglichst vielem auszuschließen und schon werde es den „wahren“ Deutschen besser gehen. Eine Partei, die gegen EU und NATO agiert und deren „Patriotismus“ verlogener nicht sein könnte, angesichts ihrer Bereitschaft, das demokratische System mithilfe des Putin-Regimes zu untergraben. Große Begeisterung gibt es in Sachsen-Anhalt für die smarten, kumpelhaften Auftritte des Spitzenkandidaten, hinter dem erwiesenermaßen ein brandgefährliches Netzwerk von Neo-Nazis darauf lauert, mehr als neunzig Jahre nach den historischen Nazis wieder in Staatsämter zu kommen.
All dies ist schon schlimm genug, aber noch schwerer wiegt gegenwärtig der dreiste Angriff dieser Partei auf die Erinnerungskultur. Wohl gehört die Verharmlosung der Nazi-Verbrechen schon seit Langem zu rechtsextremen Gesinnungen. Gegenwärtig aber offenbaren das kulturpolitische Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt und Äußerungen ihrer Vertreter eine regelrechte Diffamierung des bisherigen Gedenkens.
Dass man sich heute noch mit dem Dritten Reich und der Shoah beschäftigt, bezeichnen AfD-Vertreter als „Dauermodus der latenten Selbstanklage“. Im Rahmen ihrer Kampagne „Deutschdenken“ sprechen sie im Landtag verächtlich von „Gedenkstättenzeugs“ und verspotten junge Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen, als „Nazizombies“. Die staatliche Förderung von KZ-Gedenkstätten soll dem Willen der AfD nach stark eingeschränkt und Klassenfahrten zu NS-Gedenkstätten komplett gestrichen werden. Man wolle, so die AfD, die „Vergangenheit vergehen lassen“ und die Geschichte des Nationalsozialismus und seiner einmaligen Verbrechen „normalisieren“, denn diese Geschichte sei wie „ein Klotz am Bein der Deutschen“ von heute. Kurzum, der singuläre Zivilisationsbruch der NS-Zeit soll aus der Erinnerung getilgt werden.
Stattdessen, so die AfD, solle über „soldatische Opfer“ in beiden Weltkriegen und zum Beispiel mehr über das „Erfolgsmodell“ des deutschen Kaiserreichs gelehrt werden. Das wilhelminische Kaiserreich, ein Erfolgsmodell? Allein dieses Beispiel entlarvt schon die geschichtsfälschende Ideologie dieser Partei: Das nationalistisch und militaristisch geprägte Kaiserreich, das den Ersten Weltkrieg mitverschuldet hat, soll glorifiziert werden.
Das Kalkül der Rechtsextremen ist leicht durchschaubar: Durch Relativierung und Umdeutung will man die Deutschen vom Ballast ihrer Geschichte erlösen und damit erreichen, dass das eigene völkische Denken wieder salonfähig wird. Einerseits soll die Gesellschaft vergessen, zu welcher Katastrophe rechtsextremes Gedankengut schon einmal geführt hat, andererseits wollen die heutigen Rechtsextremen nicht mehr mit dem Schrecken belastet werden, den ihre geistigen Väter über die Welt gebracht haben.
Die hohe Wählerszustimmung für eine solche Haltung ist respektlos gegenüber den Opfern und ihren Nachkommen. Weder berechtigte soziale und wirtschaftliche Sorgen noch Fehlleistungen der demokratischen Parteien können diese geschichtsvergessene Einstellung legitimieren.
Letztlich geht es den Rechtsextremen darum, einen definitiven Schlussstrich zu ziehen unter das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Dies wäre gleichzeitig der Schlussstrich unter unsere Demokratie, so steht es in der Überschrift dieses Beitrags. Es ist dies ein Zitat aus der Gedenkrede des deutschen Entertainers Hape Kerkeling am 12. April 2026 in der Gedenkstätte Buchenwald zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, in dem sein Großvater jahrelang von den Nazis gequält wurde. Man kann nur hoffen, dass mehr solche Stimmen aus der deutschen Zivilgesellschaft sich öffentlich gegen den Geschichtsrevisionismus der AfD zur Wehr setzen.
So wie es die eng mit unserem Land verbundene Gedenkstätte des „Konzentrations- und SS-Sonderlagers Hinzert“ schon am 3. Mai 2019 in ihrem „Hinzerter Appell“ getan hat: „Wir stellen uns gegen alle Versuche, die Verbrechen des Nazi-Regimes zu verharmlosen. Die Verleugnung der Schande entwürdigt die Opfer und den Widerstand gegen die Gewaltherrschaft erneut. Es liegt uns am Herzen, die früheren Orte des Terrors, die heutigen Erinnerungsorte, zu schützen und sie vor der Banalisierung sowie der Zerstörung zu bewahren. (…) Wir rufen dazu auf, die Gleichgültigkeit zu überwinden und Verantwortung zu übernehmen. (…) Befasst euch mit der Geschichte, ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein ist das Rüstzeug der Zukunft.“
Allgemein ist die rechtsextreme Bedrohung in Deutschland Teil einer besorgniserregenden Entwicklung in Europa. „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich manchmal.“ Dieser Mark Twain zugeschriebene Satz passt zu unserer heutigen Situation. Alles ist anders geworden und doch „reimt“ sich heute vieles mit dem, was in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts am Anfang der Katastrophe stand.
Die Umstände der schleichenden NS-Machtergreifung sollten auch für unsere heutige Zeit als Lehre der Geschichte dienen: Das demokratische System an sich allein liefert keine Garantie für seinen dauerhaften Bestand. Es kann auch von seinen Feinden von innen zugrunde gerichtet werden, so wie es in der Weimarer Republik, der ersten deutschen parlamentarischen Demokratie, geschah. Damals wurde die Gefahr dramatisch unterschätzt und der daraus folgende Triumphzug einer tödlichen Hassideologie endete in Auschwitz.
Die ewige historische Verantwortung der deutschnationalen Kräfte um Hitlers Vizekanzler Franz von Papen, die zum Steigbügelhalter Hitlers wurden, sollte Mahnung sein an all jene, die – auch hierzulande – glauben, dies alles sei doch nicht so dramatisch und eine rechtsextreme Partei wie die AfD verdiene nun mal eine Chance in der Regierung. Wenn es tatsächlich so weit kommen sollte, wäre es ein historischer Dammbruch.