Editorial
Die Erosion der regelbasierten Welt schreitet voran
Vom Irankrieg bis zur Halbzeitshow: Die Erosion eines Systems, das einst auf internationalen Regeln basierte, schreitet immer weiter voran. Wer sich dem aus Angst vor Eskalation nicht vehement entgegenstellt, riskiert am Ende noch viel größeres Unheil.
Fußballmänner, alles Penner? Wir verschlafen gerade das langsame Auflösen unserer auf Regeln basierenden Gesellschaftsordnung. Foto: Tom Weller/dpa
Das postrechtliche Zeitalter wird eingeläutet von Madonna, die sich auf dem Strandbuggy von Ronaldo und Ronaldinho räkelt, von Shakiras kreisender Hüfte und Justin Biebers Gitarrengezupfe. Denn das waren die spektakulär unspektakulären „Highlights“ der ersten Halbzeitshow der Fußball-WM-Geschichte. Jene Halbzeitshow, für die die FIFA die Spielregeln ihres eigenen Spiels brach: 27 Minuten dauerte es am Sonntag, bis das Endspiel zwischen Spanien und Argentinien wieder angepfiffen wurde, beinahe doppelt so lang wie im Regelwerk vorgesehen.
Im großen Lauf der Dinge mag man das gerade etwas egal finden. Doch das, was sich am Sonntag in New Jersey abgespielt hat, ist ein weiteres Symptom. Die Erosion eines Systems, das einst auf internationalen Regeln basierte, schreitet immer weiter voran. Ein Zeichen dafür, wie sehr sich das postrechtliche Zeitalter inzwischen ausgebreitet hat – und von der Politik in die Gesellschaft hinein zu wirken beginnt.
Recht des Stärkeren statt Rechtsstaatlichkeit
Diese WM war voller Beispiele. Von den neuen Werbe-, pardon, Trinkpausen, über die zurückgenommene Rot-Sperre bis hin zur verlängerten Halbzeitpause und Trumps Finger am den Weltmeistern vorbehaltenen Pokal im Finale. Klare und eindeutige Regeln wurden gebogen oder einfach gebrochen. Regeln, auf die man sich einst gemeinsam verständigt hatte. Regeln, die die Gemeinschaft zusammenhalten.
In der Politik zählt das internationale (und immer öfter auch das nationale) Recht schon länger nichts mehr. Israels Siedlungsbau. Trumps Angriff auf den Iran, sein Eingreifen in Venezuela, seine grönländischen Annektionspläne. Marine Le Pens Kandidatur für die Präsidentschaftswahl. Von Russlands Gelüsten gegenüber der Ukraine ganz zu schweigen. Nach einem Jahrzehnt der Regelbrüche beginnt dieses neue politische Paradigma langsam, aber sicher in die Gesellschaft durchzusickern. „Rule of the jungle“ statt „rule of law“. Das Recht des Stärkeren statt Rechtsstaatlichkeit. Heute ist es „nur“ der Fußball. Morgen ist es der Schulhof. Wie soll man dann noch Regeln durchsetzen können, ihre Notwendigkeit lehren, wenn die Großen und Mächtigen sie ohnehin nach Gutdünken biegen und brechen?
Umso katastrophaler ist der Umgang der gesellschaftlichen Spitzen – namentlich der europäischen Spitzenpolitiker, die noch an das Recht glauben – mit diesen Rechtsbrüchen. Die kuschen nämlich viel zu oft, biegen sich selbst und ihre Argumentationen, bis es doch irgendwie gerade noch so passt. Die Ausreden sind schnell gefunden: Man will Trump nicht verärgern, Le Pens Wählerschaft nicht noch zusätzlich mobilisieren, und so weiter. Kurz: Man drückt in all diesen Fällen ein Auge zu, um eine Eskalation zu verhindern.
Jeder konsequenzlose Bruch, ein Riss im Gesellschaftsvertrag
Das Problem ist nur: Durch das kurzfristige Abwenden einer Eskalation höhlt man die gesellschaftliche Stellung des Rechts immer weiter aus. Sägt an ihrer Bedeutung. Jeder Bruch, der konsequenzlos bleibt, ist ein Riss im Gesellschaftsvertrag. Was das mit einer Gesellschaft macht, sieht man heute in Russland. Hier gilt das Recht des Stärkeren, des Reicheren, des Mächtigeren. Die Menschen sind der Willkür ausgeliefert – des Staates, der Polizei, des Chefs, des Nachbarn. Gleichheit und Gerechtigkeit sind nichts weiter als eine schlecht instandgehaltene Fassade.
Das Fundament aus Rechtsprinzipien und Normen wackelt. Auch bei uns im Westen. Jeden Tag etwas mehr. Wenn wir jetzt nicht anfangen, vehement zu widersprechen und Konsequenzen zu ziehen, wird das postrechtliche Zeitalter unsere Gesellschaften in den kommenden Jahren mit sich reißen. Und diese Eskalation wird um einiges schlimmer sein als jeder Regelbruch, den man heute zu beschwichtigen versucht.