Editorial
Der Fehler im System: Von den Absurditäten der Wohnungskrise
Nicht besonders einladend: das Los N7 in den Escher Nonnewisen Foto: Editpress/Julien Garroy
Was tun, wenn erschwinglicher Wohnraum nicht mehr erschwinglich ist? Diese Frage stellt sich momentan unter anderem in Esch, wo es der Gemeinde seit eineinhalb Jahren nicht gelingt, Einfamilienhäuser unter die Leute zu bringen. Von 36 Häusern im Los N7 in den Nonnewisen sind gerade einmal sechs verkauft.
Ein Grund ist, dass es sich bei den Konstruktionen nicht gerade um architektonische Schönheiten handelt, um es mal vorsichtig zu formulieren. Sie gleichen eher Baracken als einladenden Familienunterkünften. Auch das Viertel an sich ist nicht das attraktivste der Stadt. Eine Geschäftswelt oder Gastronomie sucht man mit kleinen Ausnahmen vergebens. Zwar entsteht durch die Renaturierung der Dipbech eine kleine grüne Oase am Rande des Stadtviertels, doch fehlt es zwischen den Wohnblöcken an Begrünung. Auch das Brachland in unmittelbarer Nähe, auf dem eigentlich die neue Sportarena, das Sportmuseum und weitere Wohngebäude entstehen sollten, trägt nicht zur Attraktivität bei.
Der Hauptgrund, weshalb die Gemeinde auf ihren Häusern sitzenbleibt, ist allerdings der Preis. Die veranschlagten 650.000 Euro sind zwar günstig im Vergleich zum Privatmarkt, erschwinglich sind sie jedoch nicht. Um dafür einen Kredit zu bekommen, braucht man Eigenkapital und ein solides Einkommen. Was wiederum gegen die Voraussetzungen zum Kauf erschwinglichen Wohnraums verstößt. Zudem schrecken potenzielle Interessenten vor einem Kauf mit Erbpacht zurück. Und Menschen, die auf erschwinglichen Wohnraum angewiesen sind, können sich Kredite auf dem derzeitigen Zinsniveau sicher nicht leisten. Ein Teufelskreis.
Das Beispiel der Escher Nonnewisen steht hier nur stellvertretend für andere Gemeinden oder aber den staatlichen Bauträger SNHBM („Société nationale des habitations à bon marché“), der seine Häuser und Wohnungen ebenfalls nicht loswird.
Fazit: Die im „Zukunftspak“ von 2015 angekündigte Wohnungsbauoffensive ist ganz offensichtlich gescheitert. Die Fehler wurden allerdings in den Jahrzehnten zuvor gemacht, als nichts gegen die sich ankündigende Wohnkrise unternommen wurde und die Wachstumsspirale immer weiter gedreht wurde. Auch die jetzige Regierung setzt auf Wachstum und tat bisher viel, um der Baubranche unter die Arme zu greifen. Der Branche also, die für die im Vergleich zu unseren Nachbarländern hohen Durchschnittsbaupreise verantwortlich ist. Denn dass Bauen hierzulande vergleichsweise teuer ist, liegt nicht an den Gehältern. Die unterscheiden sich laut Statec nur unerheblich von denen der Baubranche in unseren Nachbarländern. Sodass die Frage durchaus erlaubt sein muss, warum es in Luxemburg unmöglich ist, kostengünstig zu bauen.
Wie auch immer die Antwort lautet, unter dem Strich steht momentan vermeintlich erschwinglicher Wohnraum leer. Und das, obwohl die Wohnungsnot unverändert groß ist. Das nennt man dann Fehler im System.