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Davos zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Davos zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Angesichts der aktuell angespannten weltpolitischen Lage beginnt jetzt in den Schweizer Alpen das fünftägige Weltwirtschaftsforum (WEF), an dem Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft teilnehmen. Das Motto „A Spirit of Dialogue“ mag zwar gut klingen, wirkt aber eher wie eine abstrakte Floskel. Denn der Multilateralismus, auf dem die Globalisierung jahrzehntelang beruhte, erodiert sichtbar. Seit den 1980er Jahren hat sich ein globaler Weltmarkt entwickelt, der Millionen Menschen im Globalen Süden Arbeit verschaffte und die Armut reduzierte. Gleichzeitig konnten Verbraucher:innen im Globalen Norden von günstigen Produkten wie Textilien oder Smartphones profitieren. Doch der Preis dafür war hoch: Industriearbeitsplätze verschwanden, soziale Sicherheiten erodierten und die Arbeitsbedingungen in vielen Ländern waren und sind ausbeuterisch. Der Vorwurf, wirtschaftliche Macht verdränge demokratische Gestaltung, ist nicht aus der Luft gegriffen. Gewinnmaximierung für wenige scheint wichtiger zu sein als soziale Gerechtigkeit für viele.

Heute zerfällt die Welt zudem in geopolitische Machtblöcke. Die Rückkehr Donald Trumps nach Davos verdeutlicht diesen Bruch besonders. Seine „America first“-Politik, Strafzölle und eine offene Drohpolitik stehen sinnbildlich für eine Abkehr von Kooperation und verbindlichen Regeln. Autokratische Machtpolitik ersetzt den Dialog – in Washington ebenso wie in Moskau oder Peking. Vor diesem Hintergrund drängt sich eine unbequeme Frage auf: Ist Davos noch der Ort, an dem echte Lösungen entstehen können oder ist das Forum zu einem wirkungslosen Ritual verkommen? Wer will hier eigentlich mit wem über was reden? Über eine engere wirtschaftliche Kooperation zwischen Europa und einem Russland unterstützenden China? Wohl kaum. Oder über eine strategische Annäherung zwischen der EU und den Brics-Staaten? Ebenso wenig. Der vielbeschworene Dialog stößt auf harte politische Realitäten.

Dennoch wäre es ein Fehler, die Globalisierung grundsätzlich abzulehnen. Die Antwort kann nicht in Abschottung liegen, sondern muss in einer anderen, gerechteren Globalisierung bestehen. Verbindliche Regeln für Lieferketten, internationale Mindeststeuern sowie soziale und ökologische Standards sind notwendige Voraussetzungen, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Das WEF steht in der Kritik: Es sei elitär, luxuriös und zu weit vom Alltag entfernt. Diese Kritik wiegt heute schwerer denn je. Wenn Politik den Interessen der Wirtschafts- und Geldmächtigen folgt, droht das WEF an Bedeutung zu verlieren. Eine bessere Globalisierung ist möglich. Sie entsteht jedoch nicht in abgeschotteten Konferenzsälen, sondern durch klare Regeln, demokratische Kontrolle und den Mut, wirtschaftliche Macht zu begrenzen. Ob das 56. Jahrestreffen mit Premier Luc Frieden dazu noch beitragen kann, ist unklar. Der Geist des Dialogs allein reicht nicht. Worte müssen in Taten münden.

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