Forum von Guy Rewenig
Das Militär ist sexy und funny – oder: Wo kommen plötzlich all die kriegsbegeisterten Kinder her?
Foto: Editpress/Julien Garroy
Hahaha, da lacht sie aus vollem Herzen, unsere Waffenbeschaffungsministerin Yuriko Backes. Sie versucht, ein gewichtiges Schießgewehr zu stemmen, doch es gelingt ihr nicht. Hohoho, lacht der General hinter ihr. Hach, wie ist das lustig! Hier wird der Beweis geliefert: Tötungsinstrumente sorgen für gute Laune und steigern die allgemeine Heiterkeit. Frage eines Vierjährigen, der die Szene miterlebt: „Mamma, geet déi Tatta och an de Krich?“ Antwort der Mutter: „Ma sécher, Kevin. Wann de Feind eis ugräift, steet déi Tatta un der viischter Front. Wéi et sech fir eng Ministesch gehéiert.“ Also bitte nicht verzagen, Frau Backes. Neben Ihrem verbalen Lifting – neue Staatsschulden für die militärische Aufrüstung usw. – sollten Sie Ihr Muskeltraining nicht vernachlässigen. Dann jonglieren sie bald spielerisch mit dem widerspenstigen Schießprügel und stehen wie eine Eins in der Schlacht, wenn der Feind Ernst macht.
Militaristisches Happening
Einige verstaubte Zeitgenossen behaupten: Ein Militärgelände ist kein Kinderspielplatz, eine Kaserne ist nur das Vorzimmer zum Friedhof. Was hier abläuft, ist Kindesmissbrauch zu ideologischen Zwecken. Pardon. Wie kann man nur so verbohrt sein? Wer will denn da unseren lieben Kleinen den Spaß verderben? Jedenfalls hat die „Porte ouverte um Härebierg“ die sauertöpfischen Moralhüter und Friedensapostel eklatant widerlegt. Dieses militaristische Happening war bunter und fröhlicher als der ausgelassenste Kindergeburtstag. Aus allen Landesteilen karrten sicherheitsbewusste Eltern ihren Nachwuchs herbei. Den erzieherischen Beistand unserer aufklärungsbereiten Soldaten wollte keiner missen. Ein luftiges, entspanntes Sommerfest mit schwerem Kriegsgerät ist pädagogisch weitaus wertvoller als dröger, friedensbewegter Schulunterricht. Hahaha! Hohoho! Und schließlich konnte man auch noch unseren fidelen Thronfolger aus nächster Nähe begutachten. Er hatte sich zur Waffen-Party stilgerecht in Schale geworfen und ackerte als royaler Entertainer im Battledress. Ach ja, der Mann wird demnächst offiziell Chef der Armee. Ganz sicher wird er im künftigen Kriegsgeschehen Frau Backes Gesellschaft leisten. Dann verfügt unser Widerstandsstoßtrupp über eine schlagkräftige Doppelspitze. Der Feind sollte sich warm anziehen.
Leider hatte sich nur ein dürftiges Häuflein von Abgeordneten auf den Härebierg bemüht: zwei Waffenbrüder von der DP, der Oberpirat persönlich und ein obskurer Agent – der Name entfällt uns momentan – vom „Aktionsbündnis Dreister Russlandfreunde“ (ADR). Wo blieben die zahlreichen anderen Parlamentarier? Sind die alle nicht wehrtauglich? Jedenfalls müssen wir Sven Clement, großer Experte der innerparteilichen Kriegsführung, ausdrücklich loben, dass er sogar sein Töchterchen huckepack ins Diekircher Militaria-Paradies verfrachtet hat. Das allerliebste Kind soll frühzeitig lernen, dass beim Piratieren immer der beherzte Einsatz von Waffen den Ausschlag gibt. Überhaupt wimmelte es auf dem Härebierg von höchst verantwortungsvollen Eltern, die ihre „Butzen“ in die reale Welt von heute einführen wollten. Ist es nicht rührend, wenn die unschuldigen Kleinsten mit echten Maschinengewehren fürs Familienalbum posieren, flankiert von ihren Erziehungsberechtigten, die vor Stolz fast verglühen? So ist es nun eben: Es herrscht Krieg, und wir müssen uns präventiv rüsten, damit der Feind uns nicht gnadenlos niederwalzt.
Nur: Der Feind war (noch) nicht da. Aber wir müssen auf der Hut sein. Er kann jederzeit aus heiterem Himmel auftauchen. Da wir (noch) nicht zuschlagen dürfen, müssen wir uns vorläufig mit kriegerischem Dorftheater begnügen. Die Armee bot als farbige Show ein simuliertes Gemetzel mit viel Knall und Rauch, donnernden Kriegsflugzeugen im Tiefflug, todesmutig vorpreschenden Soldat:innen und naturalistischen Häuserkampfkulissen. Applaus! Applaus! So viel Impetus stimuliert den Appetit. Die Warteschlangen vor dem Bratwurststand waren nicht zu übersehen. Die Würste hießen übrigens nicht Thüringer oder Frankfurter, sondern „Lëtzebuerger“. Gut, dass wir zu unseren nationalen Werten stehen. Patriotisch einwandfreies Heimatfleisch, schön braun angebrannt, ist das ideale Kraftfutter in Zeiten höchster Not. Frage des vierjährigen Kevin: „Wéini kënnt dann de Krich, Mamma?“ Antwort der Mutter: „Geschwënn, Kevin. Do elo däin Helm op an iess däi Wupp.“
Populäres Lustobjekt
Guy Rewenig ist Schriftsteller. Sein aktuelles Buch im Binsfeld-Verlag heißt „Mir fällt ein Stein vom Herzen und zertrümmert meinen dicken Zeh. Miniaturen“.
Der Härebierg ist also neuerdings ein Vergnügungspark und unsere Armee ein populäres Lustobjekt. Das kann man von feindlichen Armeen nicht sagen. Wenn die loslegen, fliegen am Bratwurststand die Fetzen. Dann werden Kinder erschossen, auf Befehl von oben. Es ist kein Versehen, es ist eine Strategie. Man lockt zum Beispiel Kriegsopfer aus ihren zerbombten Unterkünften, mit dem Versprechen, ihnen eine Ration Notnahrung zu verabreichen. Wenn die Ausgehungerten dann zur Essensausgabe erscheinen, feuern die Soldaten in die Menge. So schnell könnte auch die Bratwurstbude auf dem Härebierg in einem Blutbad untergehen. Wie wäre es, wenn die zuvorkommenden Armeevertreter den kriegsbegeisterten Youngsters auch dieses nicht unerhebliche Detail mitteilen würden? Damit sie den Krieg in seiner tödlichen Unerbittlichkeit und perversen Logik einschätzen lernen? Kommentar von Kevins Mutter: „Iwwerdreift mol net. Hei ass net Gaza. An och net d’Ukrain.“
Kevin ist jedenfalls auf dem besten Weg, sich zum Schrecken aller potenziellen Feinde zu entwickeln. Seine harmlose Plastikspritzpistole hat definitiv ausgedient. Zum fünften Geburtstag bekommt er sein erstes waffenfähiges Dröhnchen, Modell „Combat Kids“, ein niedliches Wunderwerk der Technik. Damit darf Kevin im Kinderzimmer experimentieren. Oder das Fenster öffnen und sein Dröhnchen probehalber über dem Nachbarhaus kreisen lassen. Wer weiß, vielleicht ist der Nachbar ja der Feind. Man darf keinem trauen. Der Krieg steht immer vor der Haustür.
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