Editorial
Danke, Daddy: Trump drängt den Europäern Putins Willen auf
Freundlichkeiten in fragwürdiger schauspielerischer Darbietung: Trump empfing Selenskyj und die Europäer sehr freundlich, diktierte ihnen aber auch sehr den anstehenden Fahrplan – und die damit einhergehende Rechnung Foto: AFP/Andrew Caballero-Reynolds
Nach Trumps Treffen mit Putin in Alaska sowie mit Selenskyj und europäischen Spitzenpolitikern in Washington scheint ein Ende des Krieges in der Ukraine zum ersten Mal möglich. Grund zur Freude? Nicht ausschließlich: Im Raum steht nämlich ein Frieden, wie ihn Moskau sich vorstellt. Die Europäer werten ihre Reise ins Weiße Haus trotzdem als Erfolg – der alte Kontinent gibt sich inzwischen mit wenig zufrieden.
Die bittere Erkenntnis aus der Donald-Diplomatie der vergangenen Tage lautet: Trump hat das Narrativ Putins längst übernommen, der Kriegsverbrecher aus Moskau dürfte seinen Willen bekommen. Wer groß und stark ist, kann sich alles erlauben. Die Welt wird mit den Folgen leben müssen.
Alle Drohgebärden und Forderungen Trumps gegenüber Russland, von den 100-Prozent-Zöllen gegen seine Unterstützer wie Indien bis zum sofortigen Waffenstillstand, überstanden nicht einmal die zehnminütige Autofahrt mit Putin in Alaska. Der eine will den Friedensnobelpreis, der andere den Donbass – da haben sich wohl zwei gefunden.
Was zu den Europäern führt, die mit einer zuvor nicht gekannten Konstellation umgehen müssen: Ihr mächtigster Verbündeter hat offenbar die Seiten gewechselt – aber Europa und die Ukraine brauchen die USA trotzdem weiter: Was also tun? Die Antwort, die sich die Europäer gegeben haben: Dann spielen wir das Spiel halt mit.
Am Montag entstand dabei ein der Realität leicht entrücktes Schauspiel, als Trump bei der Pressekonferenz im Livestream reihum von seinen Gästen die von ihm erwartete Huldigung bekam.
Die Europäer schmierten Trump einer nach dem anderen Honig um den Mund – und erinnerten ihn gleichsam eindringlich daran, was er ihnen offenbar nur Minuten zuvor zugesichert hatte. Es wirkte wie der Versuch, irgendetwas in den Kopf dieses Präsidenten hineinzubekommen, das vielleicht sogar hängenbleibt, aber ohne diesen Kopf wegen Überanstrengung zum Glühen und den Träger des Kopfes zum Ausrasten zu bringen. Trump lobte derweil vor allem sich selbst und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für den Zoll-Deal zwischen der Europäischen Union und den USA, den Europa als Schmach aufnahm. Trump weiß das natürlich – und bohrte vergnügt in der Wunde.
Der Grat zwischen geschicktem Auftreten und Erniedrigung auf der Weltbühne ist schmal. Erinnert sei an den „Daddy“, wie NATO-Chef Mark Rutte Trump unlängst nannte. Tatsächlich wirkte Trump am großen Tisch wie der weise und milde Vater, der seinen Kindern einem nach dem anderen gütig das Wort erteilt und ihnen den Frieden schenken will. Die Europäer ließen, nachdem sie versprochen hatten, Unsummen in US-Militärgerät zu stecken, alles über sich ergehen – und waren sichtlich erleichtert, dem gut gelaunten „Daddy“ gegenüberzusitzen und nicht dem auf Krawall Gebürsteten.
Damit war ein Teil der europäischen Mission erfüllt: Bloß nicht erneut eine diplomatische Massenkarambolage geschehen lassen wie bei Selenskyjs erstem Besuch im Weißen Haus, als Trump und sein Vize Vance den ukrainischen Präsidenten vor den Augen der Welt regelrecht fertigmachten.
Jetzt gab es also Freundlichkeiten in fragwürdiger schauspielerischer Darbietung. Das Ergebnis ist aber kaum besser. Wenn nicht alles täuscht, wird Putin ein Kriegsende nach seinem Gusto bekommen. Wie ein eventuelles Dreiertreffen zwischen Trump, Putin und Selenskyj ausgehen mag, steht, während der Krieg in der Ukraine mit unverminderter Härte weitergeht, auch noch in den Sternen. Auf Europa wartet derweil die Rechnung. Sie wird aus Amerika reinflattern. Danke, Daddy.