Abgeschottet in der Gemeinde Steinfort
„Wir wollen, dass Grass eine Identität bekommt“
Grass liegt abgeschottet, ohne Landkontakt zum Rest seiner Gemeinde, Steinfort. Wie kam es zu dieser Besonderheit und was sagen die Einwohner dazu?
Ein Dorf wie Grass gibt es in Luxemburg nur einmal Foto: Editpress/Alain Rischard
Die Gemeinde Steinfort ist einzigartig im Großherzogtum, denn sie ist die einzige Kommune, bei der ein Dorf geografisch vom Rest der Gemeinde abgetrennt ist. Wer von Grass nach Steinfort oder umgekehrt will, muss durch die Nachbargemeinde Garnich fahren. In den letzten Jahren sind viele Leute nach Grass zugezogen. „Wir wollen, dass Grass eine gewisse Identität in der Gemeinde Steinfort bekommt“, sagt der Bürgermeister. Und: Die Einwohner des Dorfes fühlen sich als Teil der Gemeinde.
Doch wie fühlt es sich an, in einem Dorf zu wohnen, das vom Rest der Kommune abgetrennt ist? Victor Lambert, Einwohner von Grass, sagt: „Wir fühlen uns nicht abseits von Steinfort.“ Doch: „Zum Einkaufen muss ich jedes Mal durch die Gemeinde Garnich fahren, das ist schon ungewöhnlich.“ Er selbst gibt an, eher selten nach Steinfort zu fahren, aber es gefällt ihm, dass er zu Fuß zu seiner Arbeit in der Industriezone gehen kann.
Transportprobleme und Schülermangel
Victor Lambert findet es „ungewöhnlich“, dass er zum Einkaufen durch die Nachbargemeinde fahren muss Foto: Editpress/Alain Rischard
Eine Mutter von drei kleinen Kindern sagt, der Transport sei ein Problem – der Bus komme zu unregelmäßig. Deshalb müsse sie ihre Kinder immer selbst fahren. Der Bürgermeister hat ihr zufolge noch nicht genug gegen die Transportprobleme unternommen. Auch umgekehrt sei das der Fall, etwa wenn Freunde ihrer Kinder aus dem Rest der Kommune zu Besuch sind. Wegen der Ortstrennung sehen die Kinder ihre Freunde nicht so häufig, so die Mutter. Ihre Kinder gehen in Kleinbettingen zur Schule und auch das Vereinsleben findet dort statt. Nachdem Sterpenich 1839 an Belgien ging, musste die Schule in Grass aufgrund von Schülermangel schließen. „Alles ist in Steinfort, in Grass gibt es nichts“, sagt sie.
Wichtiges aus der Gemeinde erfahren die Grasser trotzdem: „Die kommunalen Informationen kommen immer in unseren Briefkästen an.“ Ein großes Gesprächsthema unter den Einwohnern sei die geografische Besonderheit des Dorfes jedoch nicht.
Wie die Exklave Grass zustande kam
Wie man auf der Internetseite der Gemeindeverwaltung nachlesen kann, kam die Teilung durch den Londoner Vertrag von 1839 zustande. Weil Sterpenich an Belgien abgetreten wurde, fehlt seitdem Landkontakt zwischen Grass und dem Rest der Gemeinde. Dadurch mussten die Grasser nach Hagen zum Gottesdienst, weil ihre Pfarrei (Sterpenich) nicht mehr zu Luxemburg gehörte. Auch der Landbesitz des Grasser Hofes wurde damals getrennt – ein Teil ging an Belgien.
Kleines Dorf, große Industriezone
Guy Kirsch von der Metzgerei Kirsch hat sich in Grass ein großes Restaurant mit angrenzendem Laden aufgebaut, „obwohl ursprünglich nur eine kleine Frittenbude geplant war.“ Er sagt: „Hier gab es früher nichts, doch die Kommune hat eine tolle Industriezone mit qualitativ hochwertigen Betrieben aufgebaut.“
Auch der Bürgermeister hat viel dazu beigetragen – „Er ist 100 Prozent auf unsere Wünsche eingegangen.“ Und: „Grass ist zwar eine Industriezone, aber doch noch ein Dorf.“ Zu seinen Kunden zählen auch viele Steinforter, insbesondere lokale Vereine unterstützt sein Betrieb gerne. Und dennoch: „Personal ohne Führerschein können wir fast nicht einstellen.“, weil das Dorf nicht optimal an das Busnetz angebunden ist.
Guy Kirsch sagt, der Bürgermeister sei nah an den Menschen Foto: Editpress/Alain Rischard
In Steinfort ist man sich der Trennung ebenfalls bewusst: „Mit Grass haben wir keinen direkten Landkontakt“, sagt Sammy Wagner (LSAP), Bürgermeister der Gemeinde, am Telefon. Das Logo der Kommune ist eine abstrakte Darstellung der geografischen Situation. „Ich kenne es nicht anders“ sagt Wagner, doch: Schwierigkeiten gibt es natürlich. So gibt es zwar eine Straße zwischen Grass und dem Rest des Gemeindegebietes, aber keine Fußverbindung. „Grass ist ein Dorf mit wenig Einwohnern, aber einer großen Aktivitätszone, was zu starkem Transitverkehr führt“, erklärt der Bürgermeister.
Eine grafische Darstellung der geografischen Situation Steinforts, mit Grass unten links – und wie daraus das neue Logo der Kommune abgeleitet wurde Grafik: Commune de Steinfort