Infrastruktur
Wie die Kläranlage Petingen funktioniert – Ein Blick hinter die Kulissen von Siach
Tennisbälle, Spielzeug und sogar eine hochgiftige Schlange: In den Kanälen landet so einiges. Beim Tag der offenen Tür zum 30. Geburtstag zeigte das Syndikat Siach, wie aus schmutzigem Abwasser wieder sauberes Wasser wird und warum die Anlage für die Region unverzichtbar ist.
Siach-Mitarbeiter führten die Besucher am Tag der offenen Tür durch die Anlage Foto: Editpress/Claude Lenert
Ungewöhnliche Einblicke bot der Tag der offenen Tür des Syndikats Siach. Der interkommunale Verband für die Abwasserreinigung im Einzugsgebiet der Korn (Chiers) betreibt die Kläranlage nahe dem Gemeindestadion in Petingen und öffnete die Tore für interessierte Besucher.
„Wir gehören zur kritischen Infrastruktur“, betont Direktor Raymond Erpelding während eines Rundgangs mit dem Tageblatt. „Ohne eine funktionierende Abwasserentsorgung könnten die Menschen ihren Alltag nicht normal bewältigen. Gleichzeitig würde die Umwelt massiv belastet, weil ungeklärtes Abwasser direkt in die Gewässer gelangen würde.“
Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, arbeitet Siach daran, seine Anlagen möglichst autark zu betreiben und besser gegen Cyberangriffe zu schützen. Bereits heute produziert die Kläranlage 65 bis 70 Prozent ihres Strombedarfs selbst.
Die Anlage erstreckt sich über knapp vier Hektar und behandelt das gesamte Abwasser des Korn-Beckens – aus Petingen, Differdingen sowie Teilen von Käerjeng und Sanem. Ihre Kapazität liegt bei rund 115.000 Einwohnergleichwerten.
Derzeit verarbeitet die Anlage die Abwässer von etwa 68.000 Einwohnern sowie zusätzliche Belastungen aus Gewerbe und Industrie, die weiteren 25.000 bis 30.000 Einwohnergleichwerten entsprechen. Damit liegt die Auslastung – je nach Wetterlage – zwischen 90.000 und 100.000 Einwohnergleichwerten.
Nach Einschätzung von Erpelding dürfte die Kapazität in den kommenden Jahren ausreichen. „Das hängt allerdings stark vom weiteren Wachstum der Gemeinden ab“, sagt er. Es ist ein Problem, das man nicht nur beim Siach im Auge hat: Verschleppte Abwasserpolitik kommt dem Wohnungsbau in Luxemburg teilweise in die Quere (das Tageblatt berichtete).
Auch das Verhalten der Bevölkerung spiele eine Rolle. Bürger könnten dazu beitragen, die Belastung der Anlage zu reduzieren, indem sie möglichst wenig Abfälle ins Abwasser gelangen lassen. Besonders bei Straßeneinläufen sei oft unklar, ob das Wasser zur Kläranlage oder direkt in ein Gewässer fließe. Deshalb gelte: Nichts in den Gully werfen.
35 Personen sind beim Siach beschäftigt Foto: Editpress/Claude Lenert
Wie funktioniert eine Kläranlage?
Die Anlage kann bis zu 1.000 Liter Abwasser pro Sekunde verarbeiten. Bei trockenem Wetter werden täglich zwischen 14.000 und 20.000 Kubikmeter gereinigt. Bei starken Niederschlägen steigt der Zufluss jedoch auf mehr als 2.000 Liter pro Sekunde.
Abwasser, das nicht sofort behandelt werden kann, wird in Rückhaltebecken zwischengespeichert. Dort setzen sich Grobstoffe und Schlamm ab, bevor der Inhalt nach dem Regen schrittweise der Kläranlage zugeführt wird.
„Neue Baugebiete werden heute im Trennsystem erschlossen: Schmutzwasser gelangt zur Kläranlage, Regenwasser wird direkt in die Natur abgeleitet“, erklärt Erpelding. Dieses System sei zwar zukunftsweisend, müsse aber weiterentwickelt werden. „Regenwasser ist nicht automatisch sauber. Es nimmt Reifenabrieb, Sand und andere Schadstoffe von Straßen und versiegelten Flächen mit.“ Deshalb sei bereits eine eigene Anlage zur Behandlung von Regenwasser geplant.
In der ersten Reinigungsstufe werden grobe Verunreinigungen aus dem Abwasser entfernt – darunter Papier, Blätter, Steine, Tennisbälle oder Spielzeug. Mitunter landen aber auch ungewöhnliche Dinge in den Kanälen. „Das Außergewöhnlichste, was wir jemals gefunden haben, war eine lebende, hochgiftige Schlange“, erzählt Erpelding. Vermutlich habe es sich um ein exotisches Tier gehandelt, das ausgesetzt worden oder entkommen sei.
„Die Abwasserbehandlung hat sich technisch enorm weiterentwickelt“, sagt der Direktor. Luxemburg habe lange Nachholbedarf gehabt und wegen nicht konformer Anlagen umfangreich investieren müssen. Inzwischen habe sich die Situation deutlich verbessert. Neue EU-Vorgaben stellten die Betreiber jedoch vor weitere Herausforderungen. Dazu zählen strengere Grenzwerte, höhere Anforderungen an die Energieeffizienz, der Umgang mit Mikroverunreinigungen und die Einführung einer vierten Reinigungsstufe zur Entfernung von Mikroschadstoffen. „Konkrete Pläne für die Umsetzung liegen bereits vor.“
Die Kläranlage in Petingen wurde in den vergangenen Jahren umfassend modernisiert und erweitert. Rund 80 Millionen Euro wurden investiert. Die geplante vierte Reinigungsstufe dürfte weitere 40 Millionen Euro kosten. Wegen der Kosten und der langen Bauzeiten sei eine vorausschauende Abwasserpolitik wichtig, betont Erpelding.

Raymond Erpelding Foto: Jessica Oé
Säubern mit Biologie, Chemie und Physik
Das Herzstück der biologischen Reinigung sind Mikroorganismen. Die Bakterien werden nicht zugesetzt, sondern vermehren sich im Abwasser von selbst. Sie bauen organische Stoffe ab und helfen dabei, Stickstoff zu entfernen. Unter sauerstoffarmen Bedingungen wird Nitrat abgebaut, sodass Stickstoff als Gas in die Atmosphäre entweichen kann.
Trotz der intensiven Reinigung ist das Wasser anschließend nicht trinkbar. Für die Einleitung in die Korn erfüllt es jedoch die gesetzlichen Anforderungen. „Technisch ist es durchaus möglich, aus Abwasser wieder Trinkwasser herzustellen“, sagt Erpelding. In wasserarmen Ländern wie Singapur sei dies bereits Realität. Auch in Europa werde die Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser künftig an Bedeutung gewinnen – etwa für die Landwirtschaft, die Bewässerung oder Golfanlagen.
Die Wasserqualität wird laufend überwacht. Automatische Mess- und Analysegeräte entnehmen Proben, kontrollieren die Werte und kalibrieren sich selbst. Zusätzlich werden regelmäßig 24-Stunden-Proben analysiert. Insgesamt beschäftigt das Siach rund 35 Mitarbeiter. Etwa 25 von ihnen sind direkt für den Betrieb der Kläranlage, der Pumpstationen, Regenüberläufe und Kollektoren zuständig.
Was mit Gas und Klärschlamm passiert
Nach den Reinigungsprozessen wird der Klärschlamm vom Wasser getrennt. Das gereinigte Wasser fließt anschließend zurück in die Korn.
Der Schlamm wird jedoch weiterverarbeitet. In sogenannten Faulbehältern, die ähnlich wie ein Magen funktionieren, zersetzen Bakterien das Material bei rund 37 Grad Celsius. Dabei entsteht Faulgas, das gespeichert und in Blockheizkraftwerken zur Erzeugung von Strom und Wärme genutzt wird.
Bis 2045 soll der Sektor nach den aktuellen Vorgaben weitgehend energieautark werden. „Fotovoltaik und möglicherweise auch Beteiligungen an Windkraftprojekten könnten helfen, den zusätzlichen Strombedarf an einzelnen Tagen zu decken“, sagt Erpelding.
Der entwässerte Klärschlamm wird heute überwiegend verbrannt, häufig im Ausland – etwa in Köln, Frankfurt oder Maastricht. Eine landwirtschaftliche Nutzung findet kaum noch statt, da der Schlamm auch problematische Stoffe enthalten kann. Gleichzeitig steckt darin Phosphor, eine wichtige und endliche Ressource.
„Deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit der Rückgewinnung von Phosphor“, sagt Erpelding. Entsprechende Anlagen seien jedoch technisch anspruchsvoll und teuer. Zudem werde über eine nationale Lösung für die Klärschlammverbrennung nachgedacht. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie schnell Grenzschließungen oder Transportprobleme kritische Infrastrukturen vor Herausforderungen stellen können.

Wie es sich für einen Tag der offenen Tür gehört, wurde auch gegrillt Foto: Editpress/Claude Lenert
Einblick in die Kläranlage
Wer den Tag der offenen Tür verpasst hat, kann eine Besichtigung buchen. Während der Bauarbeiten der letzten Jahr waren Führungen nicht möglich, inzwischen sollen sie wieder systematisch angeboten werden. Diese sind aber Gruppen oder Schulklassen vorbehalten. Interessierte können sich über die Internetseite melden.