„Heures silencieuses“

Wie der Besuch im Supermarkt erträglicher wird

Die „heures silencieuses“ im Einzelhandel und in der Gastronomie schützen empfindliche Menschen vor Reizüberflutung. Das Familienministerium fördert die Initiative und ruft zu gedimmtem Licht und ausgeschalteter Musik auf – zum Wohlbefinden von Kunden und Mitarbeitenden.

Véronique Schmitt, Max Hahn, Janssen Liu und Cédric Gonnet bei Veranstaltung der Familienminister und Luxembourg Confederation mit Cactus

Véronique Schmitt (Cactus), Familienminister Max Hahn (DP), Janssen Liu („Luxembourg Confederation“), Cédric Gonnet (Cactus) Foto: Editpress/Alain Rischard

Für die einen ist Einkaufen eine Art zu entspannen, für die anderen die reinste Tortur. In den vergangenen Jahrzehnten wurden kleine Läden zunehmend durch Supermärkte ersetzt. Gleichzeitig sorgen große Einkaufsflächen für Reizüberflutung: Bildschirme flackern, Produkte werden angestrahlt, zahlreiche Kunden laufen kreuz und quer und Musik in Dauerschleife trällert Ambiente vor.

Vor diesem Hintergrund fand am Donnerstagnachmittag im Lallinger Cactus und in Anwesenheit des Familienministers Max Hahn (DP) eine Pressekonferenz zu den sogenannten stillen Stunden, den „heures silencieuses“, statt. Dienstags und donnerstags werden im Lallinger Supermarkt während zwei Stunden die Lichter gedimmt sowie Musik und Bildschirme abgeschaltet. Die Cactus-Gruppe hat laut Betriebsleiter Cédric Gonnet vor zwei Jahren erste Tests zu dem Vorhaben durchgeführt. Seitdem sei das systematische Herunterfahren der Elektronik optimiert worden.

Wie das Tageblatt im Jahr 2023 berichtete, geht die luxemburgische Initiative für die stillen Stunden auf das Unternehmen für Beratungen und Dienstleistungen „Nhood Luxembourg“ zurück. Dieses verwaltet die Einkaufszentren in Gasperich und auf Kirchberg, wo das Konzept zuerst umgesetzt wurde. Anschließend hat sich das Familienministerium eingeschaltet. Dieses startete in Zusammenarbeit mit der „Fondation Autisme Luxembourg“ (FAL) sowie mit der unabhängigen Organisation „Inspiring more Sustainability“ (IMS) die Kampagne „heures silencieuses, je m’engage!“. Laut Minister Hahn kämpfen zahlreiche Personen mit Reizüberflutung durch Menschenmengen, Lärm und zu intensive Beleuchtung. Rund ein Prozent der Bevölkerung befinde sich auf dem Autismus-Spektrum und sei daher besonders betroffen – wenngleich nicht alle Menschen mit Autismus überempfindlich sind.

Minister Max Hahn spricht bei Pressekonferenz in Lallingen vor Mikrofonen und Journalisten

Minister Max Hahn während der Pressekonferenz in Lallingen Foto: Editpress/Alain Rischard

Einige Menschen können vielleicht eine Badewanne mit ihren Reizen füllen, ich habe eine Schüssel

Joanne Theisen

Autismus-Beraterin

„Genau diese Faktoren möchten wir reduzieren“, sagte Hahn. Er empfiehlt außerdem, die stillen Stunden nicht während Spitzenzeiten einzuführen, da es das Ziel sei, Menschenmengen zu vermeiden. Für die Förderung der „heures silencieuses“ hat das Familienministerium eine Konvention mit dem Handelsverband „Luxembourg Confederation“ abgeschlossen. Der Verband gilt als beratende Anlaufstelle. „Unser Ziel als Familienministerium ist es, dass es sich um keine Mogelpackung handeln darf“, sagte Hahn. Teilnehmende Unternehmen und Standorte, darunter auch Supermärkte wie Auchan und E.Leclerc, werden auf der Webseite watassnormal.lu gelistet.

Reizärmeres Einkaufen bedeutet auf der anderen Seite auch reizärmeres Arbeiten. Janssen Liu, Koordinator vom Einzelhandel bei „Luxembourg Confederation“, sagt im Gespräch mit dem Tageblatt, dass allem voran die Mitarbeiter der teilnehmenden Unternehmen sich positiv zu den „heures silencieuses“ äußerten: „Das hatten wir gar nicht auf dem Schirm“, so Liu, „wir dachten in erster Linie an hochempfindliche Menschen und Menschen mit Autismus.“

Joanne Theisen ist Autismus-Beraterin und leidet wie zahlreiche andere Personen unter der Reizüberflutung in Supermärkten und Shoppingmalls. Gegenüber dem Tageblatt gibt sie an, in der Vergangenheit auch schon mal Einkäufe abgebrochen zu haben, um sich zurückzuziehen. „Autistische Menschen haben ihre Grenzen viel schneller erreicht“, sagte sie, „einige Menschen können vielleicht eine Badewanne mit ihren Reizen füllen, ich habe eine Schüssel.“ Durch die stillen Stunden werde diese langsamer gefüllt. Sie freut sich daher, dass sich immer mehr Geschäfte an der Initiative beteiligen.

Autismus-Beraterin Joanne Theisen im Gespräch, Expertenberatung zu Autismus und Inklusion

Autismus-Beraterin Joanne Theisen Foto: Editpress/Alain Rischard

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