Im Kino
Wenn Perfektion zum Nachteil wird: „In the Grey“ von Guy Ritchie
Guy Ritchie inszeniert in „In the Grey“ einen hochprofessionellen Coup, bei dem jeder Schritt durchgeplant scheint. Doch je souveräner seine Figuren agieren, desto mehr verschwindet jene Unberechenbarkeit, die seine besten Filme einst auszeichnete.
Sind Teil des Casts von „In the Grey“: Henry Cavill (r.), Jake Gyllenhaal (M.) und Christian Ochoa Lavernia Quelle: imdb.com
In „In the Grey“ von Guy Ritchie arbeitet Rachel Wild (Eiza González) dort, wo sich Finanzwelt, Politik und organisierte Kriminalität berühren. Im Auftrag einflussreicher Geldgeber soll sie eine Milliarde Dollar eintreiben, die der mächtige Salazar (Carlos Bardem) seinen Gläubigern schuldet. Da frühere Versuche, an das Geld zu gelangen, tödlich endeten, erhält sie Unterstützung durch die beiden Spezialisten Sid (Henry Cavill) und Bronco (Jake Gyllenhaal). Während Rachel die Verhandlungen führt, planen ihre Begleiter die spätere Flucht bis ins kleinste Detail. Doch rivalisierende Interessen und bewaffnete Milizen drohen, die Operation jederzeit scheitern zu lassen.
Rachel Wild (Eiza González) soll eine Milliarde Dollar auftreiben Quelle: imdb.com
Mit „In the Grey“ setzt Guy Ritchie eine Entwicklung fort, die sich bereits in „Operation Fortune“ (2023), „The Ministry of Ungentlemanly Warfare“ (2024) und zuletzt „Fountain of Youth“ (2025) abzeichnete. Seine Filme handeln immer weniger von Menschen, die die Kontrolle verlieren, sondern von Menschen, die sie behalten. Das ist bemerkenswert, weil gerade das Gegenteil einst seine große Stärke war. Filme wie „Lock, Stock and Two Smoking Barrels“ (1998) oder „Snatch“ (2000) lebten davon, dass jede Entscheidung neue Probleme hervorbrachte. Selbst in „The Gentlemen“ (2019), seinem vielleicht letzten wirklich großen Film, waren die Akteure zwar Profis, die Welt um sie herum blieb jedoch unberechenbar. Verrat, Erpressung und wechselnde Loyalitäten sorgten dafür, dass sich die Machtverhältnisse permanent verschoben.
Verpasste Chance
„In the Grey“ interessiert sich dagegen vor allem für operative Abläufe. Planung, Überwachung, Infiltration und Exfiltration bestimmen den Takt des Films. Auffällig ist dabei eine interessante Verschiebung klassischer Rollenbilder. Während Cavill und Gyllenhaal überwiegend als ausführende Kraft auftreten – als jene Männer, die Türen eintreten, Bedrohungen beseitigen und Risiken physisch bewältigen –, liegt die eigentliche Kontrolle bei Rachel. Sie führt die Verhandlungen, beschafft Informationen und trifft die strategischen Entscheidungen.
Guy Ritchie beherrscht sein Handwerk nach wie vor. Doch je perfekter seine Figuren werden, desto weniger Raum bleibt für Spannung.
Gerade daraus hätte sich ein spannender Konflikt entwickeln können. Stattdessen verliert sich der Film zunehmend in der Darstellung seiner eigenen Mechanik. Große Teile der ersten Hälfte bestehen aus einer ausgedehnten Montagesequenz, die die Operation Schritt für Schritt erklärt. Wer übernimmt welche Aufgabe? Welche Route wird gewählt? Wie soll die Exfiltration ablaufen? Die Dialoge dienen dabei weniger der Charakterisierung als der Instruktion. Die Figuren sprechen selten miteinander, sie briefen einander. Darin liegt das eigentliche Problem des Films: Spannung entsteht im Thriller gewöhnlich aus der Möglichkeit des Scheiterns. In „In the Grey“ sind jedoch selbst Komplikationen einkalkuliert. Für jedes Hindernis scheint bereits ein Alternativplan bereit zu liegen. Selbst das Unvorhergesehene erscheint vorhergesehen.
Wo Guy Ritchie früher Geschichten über Menschen erzählte, die ihre Kontrolle verloren, beobachtet er nun Menschen, die ihre Professionalität demonstrieren. Inszenatorisch bleibt Ritchie seiner Vorliebe für rhythmische Schnitte und elegante Oberflächen treu. Dennoch: Die erste Hälfte erklärt den Coup, die zweite spielt ihn durch. Ausgerechnet das Chaos, das einst die eigentliche Triebkraft seiner Filme war, bleibt diesmal weitgehend aus. Wo früher Konflikte, Missverständnisse und Machtverschiebungen die Handlung vorantrieben, herrscht nun Ablauf. Professionell, sauber und effizient – aber selten mitreißend. „In the Grey“ bestätigt damit vor allem eines: Guy Ritchie beherrscht sein Handwerk nach wie vor. Doch je perfekter seine Figuren werden, desto weniger Raum bleibt für Spannung.
Rating: 2/5