Meisterwerke der Filmgeschichte
Eric Rohmers „Le Rayon vert“ und der Zauber des Alltäglichen
Das Tageblatt präsentiert in loser Serie Meisterwerke der Filmgeschichte, die 2026 ein Jubiläum haben – dieses Mal „Le Rayon vert“ (Das grüne Leuchten) aus dem Jahr 1986, den fünften Film des Zyklus „Comédies et proverbes“ von Eric Rohmer.
Delphine (Marie Rivière) hält unverdrossen an ihrem Glauben an ein Wunder fest Foto: IMDb
Paris, Anfang Juli: Die Ferien stehen an. Ursprünglich hatte die Sekretärin Delphine (Marie Rivière) geplant, mit einer Freundin nach Griechenland zu fahren. Die ist jedoch kurzfristig abgesprungen, sodass die Mittdreißigerin vor einem Dilemma steht: In Paris möchte sie nicht bleiben, allein wegfahren aber auch nicht. Hinzu kommt, dass ihr Freund sie verlassen hat. Delphine fühlt sich einsam. Zuerst zögert sie, nimmt dann aber die Einladung einer Freundin an, zu deren Familie in die Normandie zu fahren. Dort hält sie es nicht lange aus und kehrt nach Paris zurück. Sie unternimmt einen neuen Anlauf und reist in die Alpen. Auch dieser Versuch, Anschluss zu finden, missglückt. Bei einem weiteren in Biarritz ergeht es ihr zunächst nicht besser. Bis sie Zeugin einer Unterhaltung über ein seltenes Naturphänomen wird, das Jules Verne in seinem Roman „Le Rayon vert“ (1882) beschreibt: Bei Sonnenuntergang ist unter günstigen Bedingungen durch die letzten Sonnenstrahlen des Tages ein grünes Leuchten am Horizont zu sehen, das all jene, die es sehen, dazu befähigt, sich selbst und anderen ins Herz zu schauen. Kurz vor ihrer Abreise lernt Delphine am Bahnhof einen jungen Mann kennen, der sie ins nahe Saint-Jean-de-Luz begleitet, wo sie das grüne Leuchten als Erfüllung ihrer Sehnsucht erwartet.
Eric Rohmer, der mit bürgerlichem Namen Maurice Schérer am 4. April 1920 in Nancy zur Welt kam, studierte in Paris Literatur und wurde zunächst Lehrer in diesem Fach. Doch bald entdeckte er seine Liebe zum Film und lernte Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette und François Truffaut kennen, seine späteren Mitstreiter der Nouvelle Vague. Wie diese schrieb er Filmkritiken und war seit Juni 1951 für die Cahiers du cinéma tätig, deren Chefredakteur er später wurde, zunächst den schwer erkrankten André Bazin vertretend, dann ganz offiziell. Mitte der 50er Jahre schrieb er zusammen mit Chabrol ein Buch über Alfred Hitchcock. Wie seine Kollegen drängte Rohmer, der sich für sein Pseudonym von den Namen des Regisseurs Erich von Stroheim und des Schriftstellers Sax Rohmer inspirieren ließ, ins Regiefach. Sein erster Langfilm „Le signe du lion“ über einen erfolglosen amerikanischen Geiger, der in einem im Sommer verödet wirkenden Paris zum Clochard wird, entstand 1959, fand aber erst 1962 einen Verleih. 1962 gründete Rohmer mit Barbet Schroeder, einem jungen Weggefährten aus dem Kreis der Cahiers, die Produktionsfirma Losange. 1963 verdrängte ihn Rivette aufgrund von Differenzen über die Gestaltung der Zeitschrift als Chefredakteur der Cahiers.