LUST AUF LESEN

Wenn Beate Maly über mörderische Weintraubenketten schreibt und wer Edgar Wallace unter Wert verkauft

Ein grausiger Frauenmord in Wien, scharfe Gesellschaftskritik und die spannendsten Fälle von Edgar Wallace: Welche Bücher Ihnen das bieten, verraten wir Ihnen in zwei Literaturbesprechungen.

Symbolbild mit zwei Büchern: „Gold aus der Wiener Werkstätte“ von Beate Maly und „Die spannendsten Fälle“ von Edgar Wallace

Symbolbild: Wer Lust auf lesen hat, könnte sich „Gold aus der Wiener Werkstätte“ von Beate Maly oder „Die spannendsten Fälle“ von Edgar Wallace zulegen Quelle: Pexels/Pixabay

Die Sache mit der Weintraubenkette

Wir schreiben das Jahr 1906. Im Hotel „Kaiserkrone“ in der Wiener Zirkusgasse wird die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau aufgefunden. Eine Halskette mit auffälligem Anhänger liegt am Tatort direkt neben dem Bett: „Das verspielte Ornament aus ineinander verschlungenen Weinreben war ein Meisterwerk der Goldschmiedekunst, die Trauben waren glatt polierte Edelsteine in unterschiedlichen Grüntönen.“

Porträt der Autorin Beate Maly vor neutralem Hintergrund, Schriftstellerin und Buchautorin

Die Autorin Beate Maly im Porträt Foto: Dan D. Joseph

Kenner der Materie, wie der ermittelnde „kaiserliche Polizeiagent“ Max von Krause, wissen augenblicklich, woher dieses edle Juwel nur stammen kann. Und so führt von Krauses erster Weg in Beate Malys neuem Roman „Gold aus der Wiener Werkstätte“ eben dorthin, in jene titelgebende Manufaktur für exklusiven Schmuck, Kleider, Möbel und weitere Gebrauchsgegenstände, die allesamt im Stil der Epoche gehalten sind.

Von außen nach innen

Als Erstes fällt an Beate Malys Buch der Umschlag ins Auge: Das durch Jugendstil-Stoffe inspirierte Buchcover verheißt mit floralen Motiven und goldenen Einsprengseln gleißenden Luxus, was in Anbetracht der erwähnten Wiener Werkstätte naheliegend ist. Diese wurde in Nachfolge der britischen Arts-and-Crafts-Reformbewegung 1903 gegründet, um exklusive Gegenstände für vermögende Schöngeister zu fertigen, bzw. auf einer Bedeutungsebene höher, der aufgekommenen industriellen Massenproduktion programmatisch ein erlesenes Kunsthandwerk entgegenzusetzen. Kurioserweise nimmt die Autorin in ihrem Roman die Produktion der Wiener Werkstätte zum Anlass, um sich seitenlang über gesellschaftliche Missstände der damaligen Zeit auszulassen: Katastrophale Wohnbedingungen für die einfachen Leute, grassierende Unterernährung, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Prostitution. Ein Eck weiter kommt man auch schon auf die Ringstraße, dem neuen Pracht-Boulevard Wiens, auf dem sich die Paläste des Adels und Großindustriellen aneinanderreihen. In gewisser Weise steht der Romanheld Max von Krause zwischen diesen gesellschaftlichen Gegensätzen. Als verarmter Adeliger muss er einen Beruf ausüben, denn das Stadtpalais der von Krauses wurde bis auf eine Wohnung, in der er mit seiner Mutter wohnt, Stück für Stück verhökert.

Aschenputtel reloaded

Als zweiter Hauptcharakter in Beate Malys Mordgeschichte mit der Weintraubenkette muss Lili Feigl vorgestellt werden. Sie wurde von ihrem Vater zur Kunstmalerin ausgebildet, schrubbt aber in der Wiener Werkstätte als Putzfrau den Dreck der Künstlerinnen und Künstler weg, die dort mit den Entwürfen und der Ausgestaltung der Produkte beschäftigt sind. Gelegentlich hilft sie beim Design einzelner Schmuckstücke oder Stoffmuster aus, gedankt wird ihr das allerdings nicht. Von der Anlage her ist Lili Feigl also eine typische Aschenputtel-Figur. Malys Roman wäre nicht weiter der Rede wert, würde sie diesen Figurentyp nur um die eine oder andere Variation bereichern. Stattdessen kämpft sie sich an den Ungerechtigkeiten, die die Donaumonarchie gerade auch für Frauen bereithielt, mit enormem erzählerischem Aufwand ab. Was wiederum Lili Feigl guttut. Denn dadurch gewinnt das Aschenputtel an Profil, rückt von der Peripherie in den Mittelpunkt der nicht ungefährlichen Handlung und hat, an der Seite des Polizeibeamten Max von Krause, vielleicht im nächsten Band der von Beate Maly mindestens als Trilogie angelegten historischen Kriminalgeschichte rund um die Wiener Werkstätte die Chance auf ein passendes Schuhwerk.


Altmodisch und viel zu billig!

Die meisten dürften den englischen Schriftsteller Edgar Wallace mit jenen schwarz-weißen Kriminalfilmen in Verbindung bringen, die auf Grundlage seiner Romane vom deutschen Produzenten Horst Wendlandt in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre für den in Dänemark ansässigen Filmkonzern Rialto in Berlin und im Berliner Umland gedreht wurden.

Edgar Wallace Buch „Die spannendsten Fälle“ im Anaconda Verlag München, Thriller und Kriminalgeschichten Cover

Edgar Wallace erscheint im Anaconda Verlag, München: „Die spannendsten Fälle“ Quelle: Anaconda Verlag

Lange Jahre wurden sie zu nachtschlafender Stunde im Fernsehen wiederholt und finden als DVD-Editions und auf YouTube immer noch ihr Publikum! Wir dürfen annehmen, dass das Vintage-Buchcover des Anaconda-Verlags für die Wiederveröffentlichung von gleich drei Edgar-Wallace-Romanen unter dem Titel „Die spannendsten Fälle“ in einem Buch auf genau diese Klientel mit entsprechender Mediensozialisation abzielt. Dass die Publikation mit derart fülligem Content für weniger als zehn Euro verkauft wird, rührt sicherlich daher, dass die Urheberrechte für die Texte abgelaufen sind. Der Verlag muss also keine Tantiemen mehr an die Erben des 1932 in Hollywood verstorbenen Edgar Wallace überweisen. Der Schleuderpreis für das Buch hat aber auch damit zu tun, dass Edgar Wallace als Autor komplett aus der Mode gekommen ist. Das war nicht immer so.

Erfolgsverwöhnt und wegweisend

Vor hundert Jahren gingen seine in viele Sprachen übersetzten Romane zu Hunderttausenden über die Ladentheken. Adaptionen seiner Erfolgstitel feierten in Theatern und Kinos Premiere, über 170 Romane hat Edgar Wallace innerhalb von knapp 25 Jahren publiziert. Eine derartige Anzahl konnte der geschäftstüchtige Mann nur durch den Betrieb einer Schreibwerkstatt produzieren. Seine Werke waren zumeist Gemeinschaftsproduktionen mit namenlos gebliebenen Angestellten, Wallace gab allenfalls die Rahmenhandlung vor und zeichnete für die Endabnahme verantwortlich.

Porträt von Edgar Wallace, berühmter britischer Krimiautor und Ikone der Literaturgeschichte

Eine Ikone der Literatur: Edgar Wallace Foto: Public Domain

Dass solche Koproduktionen nicht unbedingt schlechter sein müssen als Werke, die nachgewiesenermaßen allein von einem Autor verfasst wurden, kann dank des preisgünstigen Sammelbandes mit drei der seinerzeit erfolgreichsten Romane von Edgar Wallace ohne großen Aufwand und wenig Reue nachgeprüft werden. Sowohl „Der Hexer“ (ursprünglich 1926 erschienen) wie „Der Zinker“ (1927) und „Das indische Tuch“ (1932) wurden als zeitgenössische Übersetzungen durch Fritz Pütsch und Ravi Ravendro (alias Karl Siegfried Döhring) nachgedruckt. Die Texte sind nicht nur an und für sich spannend zu lesen, sondern spiegeln in ihrem Erhaltungszustand auch eine Zeit wider, in der Genregrenzen zwischen Krimi, Thriller oder Gothic Novel nicht definiert waren. Schlimmstenfalls ging alles drunter und drüber, bestenfalls können Edgar Wallace’ ausgewählte Werke als Blueprint für zeitgleich oder wenige Jahre später in Druck gehende Meister ihres Fachs wie John Bude, Patricia Highsmith oder Raymond Chandler gelten. Mit anderen Worten: Unbedingt zugreifen!

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