Denkmalschutz mit Fragezeichen
Umbau der Villa Koppes in Altwies würde 13 Millionen Euro kosten
Große Pläne, hohe Kosten, offene Finanzierung: Die Villa Koppes in Altwies, Gemeinde Mondorf, stellt Bürgermeister Steve Reckel vor schwierige Entscheidungen zwischen Erhalt und neuer Nutzung.
Die Villa Koppes, 1901 vom Glasmaler Jean-Pierre Koppes erbaut, von der Straße aus gesehen. Links neben dem Hauptgebäude soll ein moderner Anbau entstehen Foto: Editpress/Julien Garroy
Wenn Steve Reckel von der Villa Koppes in Altwies spricht, wechselt sein Blick von Begeisterung zu Betrübtheit. Der Bürgermeister der Gemeinde Mondorf erzählt von den Plänen, die er mit dem 125 Jahre alten Haus verbindet, und von den finanziellen Mitteln, die nötig wären, um sie umzusetzen.
Die Villa Koppes ist ein ebenso markanter wie imposanter Bau. Leicht erhöht gelegen, steht sie an der N16 zwischen Aspelt und dem Thermalstädtchen Mondorf. Ihre Vorderfassade blickt über einen begrünten Hang hinweg in Richtung Frankreich, nur wenige Meter entfernt.
Erbaut im Jahr 1901, ist die Villa nicht zu übersehen. Das ist gut so, denn ihre Zukunft ist derzeit ungewiss. Bereits seit 2018 denkt Bürgermeister Reckel über ein Umbau- und Nutzungskonzept für das Gebäude mit seinem auffälligen Dach und dem offenen Turm nach. Beim Loggiaturm, einem von Pfeilern umgebenen Belvedere, habe sich der Erbauer Jean-Pierre Koppes von italienischen Vorbildern inspirieren lassen, sagt Reckel.
Restaurant mit Dachterrasse
Der Raum, der selbst im Hochsommer angenehm kühl bleibe, könnte Teil von des Bürgermeisters ambitionierten Plänen werden: etwa als Bestandteil eines Restaurants mit Dachterrasse, gehobener Küche und ausreichend Parkplätzen hinter dem Haus. Die veranschlagten Gesamtkosten für eine Kombination aus Umbau und Neubau belaufen sich derzeit auf rund 13 Millionen Euro. Die Planungen stammen vom Büro Weisgerber Architekten in Esch.
Seit drei Jahren führe die Gemeinde Gespräche mit dem Institut national pour le patrimoine architectural (INPA). Dieses unterstütze das Projekt grundsätzlich, so Reckel. Die Gemeinde habe die Villa 2018 erworben, um ihren Erhalt langfristig zu sichern. Seit Oktober 2023 ist das Gebäude als nationales Kulturerbe klassiert, ein Status, der seine außergewöhnliche kulturhistorische Bedeutung offiziell anerkennt. Fachliche Gutachten heben insbesondere die Seltenheit des Hauses hervor: außen zurückhaltend, innen von bemerkenswerter künstlerischer Dichte.
Bis heute stehe jedoch eine verbindliche Zusage aus, welchen finanziellen Beitrag die Denkmalpflege konkret leisten werde. Zuletzt sei von rund 3,7 Millionen Euro die Rede gewesen, einer Summe, die der Bürgermeister als unzureichend bezeichnet.
Wie es weitergeht, sei offen. „Vielleicht müssen wir umdenken“, sagt Reckel. Als Alternative komme auch eine kulturelle Nutzung infrage, wohlwissend, dass diese in einem Land mit bereits reicher Kulturinfrastruktur keine einfache und vor allem keine nachhaltig erfolgversprechende Lösung sei.
Eines jedoch ist für ihn klar: „Die Villa soll nicht nur erhalten, sondern neu belebt werden.“ Dass sie ab März Teil einer Jugendstil-Ausstellung im Nationalmuseum für Geschichte und Kunst in Luxemburg-Stadt sein wird (siehe Kasten), freut ihn besonders: „Vielleicht werden sich dann einige ihrer Bedeutung bewusster und Entscheidungen einfacher.“

Jugendstil-Elemente im Eingangsbereich der Villa Koppes in Altwies Foto: Editpress/Julien Garroy
Die Villa soll nicht nur erhalten, sondern neu belebt werden
Steve Reckel,
Bürgermeister von Mondorf
Besuch der Villa Koppes
Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar. Kein prunkvoller Villenbau, kein architektonisches Ausrufezeichen. Und doch erzählt die Villa Koppes eine bemerkenswerte Geschichte: von Kunst, Rückkehr und dem Versuch, Leben und Arbeiten unter einem Dach zu vereinen.
Entstanden ist das Haus um 1901, in einer Zeit des Umbruchs. Europa suchte neue Formen, neue Ausdrucksweisen, neue Lebensmodelle. Erbauer der Villa war Jean-Pierre Koppes (1866–1941), ein aus Altwies stammender Glasmaler, Maler und Musiker. Koppes hatte mehrere Jahre im Ausland verbracht, unter anderem in Paris, Nancy, London und Brüssel, und kehrte um die Jahrhundertwende in seine Heimat zurück. Mit ihm kam ein weiter Horizont, geprägt von Kunsthandwerk und der Idee, dass Kunst nicht vom Alltag getrennt werden müsse.
Die Villa, die er sich errichtete, war von Beginn an mehr als ein Wohnhaus. Sie diente zugleich als Wohnort, Atelier und Arbeitsraum. Architektur wurde hier nicht als bloße Hülle verstanden, sondern als Teil eines künstlerischen Konzepts. Das zeigt sich bereits im Äußeren: Der Baukörper ist kompakt, die Fassaden bewusst zurückhaltend, ornamentaler Schmuck fehlt weitgehend. Die Villa ordnet sich dem Dorf nicht unter, sucht aber auch keine repräsentative Abgrenzung. Sie wirkt ruhig, fast sachlich und gerade darin eigensinnig.
Stilistisch steht das Gebäude an der Schwelle zwischen spätem Historismus und den neuen Strömungen um 1900. Einflüsse des Jugendstils sind spürbar, jedoch nicht in dekorativer Üppigkeit, sondern in der Haltung: im Zusammenspiel von Raum, Licht und Gestaltung. Die Villa folgt keiner strengen Stillehre. Sie ist weder traditionell noch avantgardistisch, sondern individuell: Ausdruck einer persönlichen Handschrift.
Ihre eigentliche Besonderheit entfaltet die Villa im Inneren, erzählt Bürgermeister Reckel. Dort habe Koppes selbst Glasfenster sowie Wand- und Deckenmalereien gestaltet, die gezielt auf die jeweilige Raumwirkung abgestimmt waren. Glas spiele dabei eine zentrale Rolle: Als Glasmaler habe Koppes Licht als künstlerisches Material genutzt: gefiltert, gebrochen, eingefärbt. Fenster seien nicht bloß Öffnungen nach außen, sondern Träger von Stimmung und Bedeutung.

Villa Koppes von der Seite: Im oberen Loggiaturm könnte eine Dachterrasse eingerichtet werden, der Anbau rechts soll abgerissen werden Foto: Editpress/Julien Garroy
Umgang mit historischem Erbe
Auch die Raumaufteilung folge keiner strikten Trennung zwischen Wohnen und Arbeiten. Die Villa sei als durchgängiger Lebens- und Arbeitsraum konzipiert gewesen. Kunst war kein separater Bereich, sondern Teil des Alltags. Verwendet wurden hochwertige, handwerklich geprägte Materialien, ohne bürgerlichen Prunk, ohne repräsentative Geste.
Die Lage des Hauses unterstreicht dieses Selbstverständnis. Leicht erhöht, gehört die Villa zu Altwies und hält doch einen gewissen Abstand. Sie wirkt wie ein Ort der Konzentration und des Rückzugs, ein Künstlerhaus, das Präsenz zeigt, ohne laut zu sein.
So erzählt die Villa Koppes heute nicht nur von der Vergangenheit eines Künstlers, der internationale Erfahrungen in sein Heimatdorf zurückbrachte. Sie steht zugleich für eine aktuelle Frage: wie mit historischem Erbe umzugehen ist, das leise spricht, aber viel zu sagen hat. Ein Besuch der Ausstellung „Vu Lilien a Linnen“ am Fëschmaart ab März könnte darauf Antworten geben.
Ausstellung: Jugendstil in Luxemburg
Um 1900 erreichte der Jugendstil auch Luxemburg. „Art nouveau“ stand für den Wunsch nach Erneuerung in Kunst, Architektur und Kunsthandwerk – als bewusste Abkehr vom Historismus und als Reaktion auf die Industrialisierung. Schönheit im Alltag und die Aufwertung des Handwerks galten als gesellschaftliches Ideal.
In Luxemburg fiel diese Entwicklung in eine Phase tiefgreifenden Wandels. Das Land hatte sich zum Industriestaat entwickelt und suchte nach seiner kulturellen Identität. Internationale Einflüsse aus Deutschland, Frankreich und Belgien wurden aufgegriffen, jedoch meist behutsam mit bestehenden Traditionen verbunden.
Wichtige Impulse lieferten neue Institutionen: die Gründung eines Kunstvereins 1893, die staatliche Ecole d’Artisans 1896 sowie der Prix Grand-Duc Adolphe, der seit 1902 vergeben wird. Der Jugendstil zeigte sich hier weniger radikal als andernorts – geprägt vom Spannungsfeld zwischen Tradition und Aufbruch. Ein Beispiel dafür ist Jean-Pierre Koppes und seine Villa in Altwies. Im Ausstellungskatalog heißt es dazu:
„Die Glasmalereien in seiner ehemaligen Villa in Altwies beeindrucken bis heute mit ihren Jugendstilformen in unterschiedlichsten Ausprägungen.“
Nationalmusée um Fëschmaart
20. März bis 18. Oktober
Eröffnung: 19. März, 18 Uhr