Im Kino

„Orphan“ zeigt Ungarn zwischen Trauma, Fremdherrschaft und verlorener Identität

Mit „Orphan“ kehrt László Nemes erneut zu jenem historischen Raum zurück, der sein gesamtes Werk bestimmt: Osteuropa als Landschaft der Erinnerung, des Verlusts und der politischen Gewalt.

Seine Rolle ist ein Symbol für Ungarn: Bojtorján Barabas spielt Andor in „Orphan“

Seine Rolle ist ein Symbol für Ungarn: Bojtorján Barabas spielt Andor in „Orphan“ Quelle: imdb.com

„Oprhan“ spielt im Nachkriegsungarn der späten 1940er-Jahre und erzählt zunächst die Geschichte eines Jungen, der mit seiner Mutter in den Ruinen Budapests lebt. Doch hinter dieser scheinbar kleinen Familiengeschichte verbirgt sich eine weit größere politische Allegorie. „Orphan“ handelt von einem Land, das nach Krieg, Holocaust und Besatzung seine Identität verloren hat und zwischen Vergangenheit und neuer Herrschaft gefangen bleibt.

Im Mittelpunkt steht der junge Andor (Bojtorján Barabás), der mit seiner Mutter Klára (Andrea Waskovics) in prekären Verhältnissen lebt. Sein Vater gilt seit dem Krieg als verschwunden, doch Andor hält an der Hoffnung fest, er könne eines Tages zurückkehren. Diese Hoffnung bestimmt sein gesamtes Verhalten. Gleichzeitig tritt mit Mihály (Grégory Gadebois) eine neue männliche Figur in das Leben der Familie. Der grobe Metzger beginnt eine Beziehung mit Klára und versucht langsam, die Rolle des Familienoberhaupts einzunehmen. Zwischen Andor und Mihály entwickelt sich ein stiller Machtkampf, der zunehmend bedrohlicher wirkt. Nemes erzählt diese Handlung jedoch nie als klassisches Familiendrama, sondern als politische Allegorie.

Politische Interpretation

Andor steht dabei symbolisch für Ungarn selbst: ein vaterloses, verwaistes Land, das nach dem Krieg seine alte Ordnung verloren hat. Der verschwundene Vater verkörpert eine untergegangene Vergangenheit, an die nur noch Erinnerungen existieren. Andors Sehnsucht nach ihm wird damit zur Sehnsucht nach einer verlorenen nationalen Identität. Die Mutterfigur Klára erscheint gleichzeitig als personifizierte „Mutter Erde“, als verletztes Ungarn, das nach Krieg und Besatzung versucht, weiterzuleben. Ihre Beziehung zu Mihály ist deshalb nicht bloß privat, sondern Ausdruck politischer Unterwerfung.

Vergangenheit wirkt in ,Orphan’ nie abgeschlossen; sie liegt wie Staub über allen Figuren

Mihály wiederum lässt sich als Verkörperung der sowjetischen Nachkriegsordnung lesen. Er dringt in die Familie ein, nimmt Raum ein und etabliert sich als neue Autorität. Dadurch wird die familiäre Struktur des Films zu einem Bild für das Verhältnis Ungarns zur sowjetischen Besatzung und zum Stalinismus. Nemes vermeidet indes historische Erklärungen oder ideologische Dialoge. Stattdessen erlebt man die Nachkriegszeit ausschließlich aus Andors subjektiver Perspektive. Wie schon in „Son of Saul“ (2015) und „Sunset“ (2018) interessiert Nemes weniger das historische Ereignis selbst als dessen Wahrnehmung durch einzelne Menschen. Die Kamera bleibt dicht an Andors Gesicht oder Hinterkopf, wodurch die Welt fragmentarisch erscheint. Geschichte erscheint dadurch nicht als objektiv erklärbare Realität, sondern als Zustand permanenter Unsicherheit.

Die Farbpalette bleibt dabei typisch für Nemes: Braun-, Grau- und Grüntöne dominieren beinahe jede Einstellung. Die Bilder erinnern an verblasste Fotografien oder beschädigte Erinnerungen. Vergangenheit wirkt in „Orphan“ nie abgeschlossen; sie liegt wie Staub über allen Figuren. Selbst alltägliche Szenen besitzen dadurch etwas Geisterhaftes.

Zum Schluss

Im letzten Teil des Films öffnet sich „Orphan“ kurz aus seiner bedrückenden Enge. Während zuvor enge Wohnungen und Hinterhöfe dominierten, erscheint plötzlich das Karussell als beinahe traumhafter Ort. Nemes filmt diese Szene mit entfesselter, kreisender Kamera; Bewegung ersetzt für wenige Momente die Starre des bisherigen Films. Andor scheint von einer anderen Welt zu träumen – von Amerika, vom Westen, von Freiheit außerhalb sowjetischer Kontrolle. Das Karussell wirkt wie ein Bild unerreichbarer Hoffnung. Zugleich deutet der Film an, dass Andor versucht, sich von der neuen Vaterfigur zu befreien. Doch Nemes verweigert eine einfache Erlösung. „Orphan“ ist deshalb weniger ein Film über die Vergangenheit als über die Frage, wie historische Gewalt Generationen prägt und Identität zerstört.

In Luxemburgs Kinos.

Rating: 3,5/5

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