Flashback

Im Land der verbotenen Bücher: François Truffauts Verfilmung von „Fahrenheit 451“ om Fokus

Das Tageblatt präsentiert in einer losen Serie Meisterwerke der Filmgeschichte, die 2026 ein Jubiläum feiern – dieses Mal „Fahrenheit 451“ von François Truffaut von 1966. Der Film des französischen Regisseurs ist angesichts der Verbannung bestimmter Bücher aus Schulen und öffentlichen Bibliotheken der USA – darunter auch die Romanvorlage von Ray Bradbury – aktueller denn je.

Oskar Werner als Guy Montag in „Fahrenheit 451“, ikonische Filmszene mit Hauptcharakter im Mittelpunkt

Oskar Werner (Mitte) als Guy Montag in „Fahrenheit 451“ Foto: IMDb

In den Vereinigten Staaten wütet ein Kulturkampf. Konservative und Ultrarechte, zumeist christlich eingestellt, lassen immer mehr Bücher in Schulen und Bibliotheken verbieten und begründen das damit, ihre Lektüre verderbe die Jugend. Sie geben vor, ihre Kinder vor nichtweißen Aktivisten, Vertretern der LGBTQIA+ und kommunistischen Tendenzen zu schützen. Im Jahr 2023 wurden mehr als 3.000 Verbote ausgesprochen, rund 1.500 Titel waren betroffen. Seit US-Präsident Donald Trump im Amt ist, hat die Verbannung der Bücher zugenommen.

Im vergangenen Oktober meldete der PEN-Club der USA bereits mehr als 6.800 Bücher zeitweise oder dauerhaft aus den Bibliotheken und Schulen verbannt, insbesondere in den konservativ geprägten Bundesstaaten. Darunter befinden sich Titel wie „1984“ und „Animal Farm“ von George Orwell und „Herr der Ringe“ von Tolkien. Afroamerikanische Schriftsteller wie Ta-Nehisi Coates mit „Between the World and Me“ und Maya Angelou mit „I Know Why The Caged Bird Sings“ sind ebenso darunter. Aber auch Ray Bradburys „Fahrenheit 451“.

Von der McCarthy- zur Trump-Ära

Letzteres Buch erschien 1953, also während der McCarthy-Ära. François Truffaut las es 1960. Dass der französische Regisseur schließlich einen Film daraus machte, lag weniger am Science-Fiction-Stoff der Vorlage als vielmehr an seiner „Lust, einen Film über Bücher zu machen“. Nach dem mäßigen Erfolg von „La peau douce“ (1964) hatte Truffaut eine Durststrecke erlebt. Vorher hatte er jedes Jahr einen Film gedreht, nun vergingen bis zum Beginn der Dreharbeiten zu „Fahrenheit 451“ zwei Jahre. Truffaut nutzte die Wartezeit und nahm die Gelegenheit wahr, wieder Alfred Hitchcock zu treffen. Jeden Tag saßen die beiden, von einer Übersetzerin und einem Toningenieur begleitet, von morgens neun Uhr bis abends sechs Uhr zusammen. Daraus wurde schließlich das berühmte Interviewbuch „Le cinéma selon Hitchcock“. Der britische „Master of Suspense“ gehörte unbestritten zu Truffauts Vorbildern, neben dem französischen Regisseur Jean Renoir und US-amerikanischen Genrefilm, etwa dem Film noir.

François Truffaut Porträt 1967, französischer Filmregisseur und Wegbereiter der Nouvelle Vague, schwarz-weiß Aufnahme

François Truffaut im Jahr 1967 Foto: Ron Kroon

Nach einer offenbar unglücklichen Kindheit in Paris, wo er 1932 zur Welt gekommen war, von der Mutter vernachlässigt und vereinsamt, hatte ihn, unter anderem nach einem Gefängnisaufenthalt, einst der Kritiker André Bazin gefördert. Truffaut begann für dessen „Cahiers du cinéma“ zu schreiben. Zwischenzeitlich musste er zum Militär, desertierte von dort und wurde unehrenhaft entlassen. Als einer der Hauptvertreter der Nouvelle Vague begann Truffaut Mitte der 50er Jahre, selbst Filme zu drehen. Zuerst waren es Kurzfilme wie „Les Mistons“ (1958), der bereits Themen und Motive enthielt, die bei Truffaut später eine Rolle spielen sollten: das Interesse an der Jugend und eine Sympathie für gewöhnlich als asozial angesehene Verhaltensweisen. Im Gegensatz zu Jean-Luc Godards Stil des diskontinuierlichen Erzählens mit etlichen Sprüngen und Brüchen bevorzugte Truffaut eine lineare Erzählweise mit symmetrischen Abläufen und fließender Montage. Seinen Durchbruch erzielte Truffaut mit „Les 400 Coups“ (1959). Seine Vorliebe für Helden, die Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden haben, zeigt sich in der Reihe um sein Alter Ego Antonie Doinel, gespielt von Jean-Pierre Léaud: etwa „Baisers volés“ (1968) und „Domicile conjugal“ (1970). Im Kontrast zu diesen Werken stehen eigene Variationen des Film noir wie „Tirez sur le pianiste“ (1960), „La Mariée était en noir“ (1967) und „La Sirène du Mississippi“ (1969) sowie Literaturverfilmungen wie „Jules et Jim“ (1961), sein größter Publikumserfolg, „Les deux Anglaises et le continent“ (1971) und „L’histoire d’Adèle H.“ (1975) – aber eben auch „Fahrenheit 451“.

Ohne Bücher und Individualität

Guy Montag liebt seinen Beruf. Er ist Feuerwehrmann. Nur löscht er keine Brände, sondern legt Feuer. Er verbrennt Bücher. An Werktagen sind es Bücher von Molière, Faulkner und Mann, am Wochenende von Philosophen wie Sartre und Schopenhauer. „Wir verbrennen sie zu Asche, und dann verbrennen wir die Asche, das ist unser Wahlspruch.“ Der Film spielt in einer nicht näher bestimmten Zukunft in einem Staat, in dem Bücher aller Art verboten sind. Man erfährt nicht, wer regiert. Stattdessen ist die Feuerwehr zu sehen, deren Aufgabe es ist, Bücher zu finden und zu vernichten.

Seine Abende verbringt Montag, gespielt von Oskar Werner, der zuvor schon in „Jules et Jim“ eine Hauptrolle hatte, mit seiner Frau Linda (Julie Christie). Sie sitzt apathisch vor dem Fernseher und nimmt täglich Psychopharmaka. Gefühle scheint es zwischen den Eheleuten nicht zu geben. Eines Tages lernt Montag die Lehrerin Clarisse (ebenfalls Julie Christie) kennen, die ihm Fragen über seine Arbeit und die Bücher stellt. Sie weckt sein Interesse an Büchern. Schon die erste Lektüre verändert ihn. Während seiner Einsätze beginnt Montag heimlich Bücher mitzunehmen und in seinem Haus zu verstecken. Er liest manisch und häuft mehr und mehr Bücher um sich. Er zeigt sie seiner Frau, um diese aus ihrer Apathie herauszuholen, und schmiedet den Plan, bei seinen Kollegen Bücher zu verstecken und sie zu denunzieren. Als er kündigen will, bittet ihn der Hauptmann, noch einen letzten Einsatz mitzumachen. Montag willigt ein, doch die Fahrt gilt seinem eigenen Haus: Seine Frau Linda hat ihn denunziert. Er wird gezwungen, alle Bücher herauszurücken. Als der Hauptmann ihn zur Herausgabe des letzten Buches auffordert, richtet Montag die Flammen gegen seinen Vorgesetzten. Er flieht darauf zu den Buchmenschen, die in einem Wald versteckt leben. Diese sind Geflohene wie er, sie haben alle ein Buch auswendig gelernt, dessen Namen sie fortan tragen. Montag wird das Buch werden, das er aus den Flammen gerettet hat: Edgar Allan Poes „Die seltsamen Geschichten“.

Ich wollte, dass in ‚Fahrenheit 451‘ alles noch einigermaßen realistisch wirkt, damit es nur ein wirklich anormales Element in dem Film gibt: die Tatsache, dass Bücher verboten sind, verbrannt werden und schließlich von Menschen auswendig gelernt werden

François Truffaut

Regisseur

„Fahrenheit 451“ war Truffauts erster Farbfilm und der erste Film, den er nicht in Frankreich, sondern in England drehte. Er wurde gleichzeitig in Englisch und Französisch gedreht. Der Titel bezeichnet die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt. Truffaut legte nur wenig Wert auf futuristische Details oder Tricks. Näher lag ihm dagegen die Ausstattung des Filmes, auch wenn er nicht die gesamte Kontrolle darüber ausüben konnte. „Ich wollte, dass in ‚Fahrenheit 451‘ alles noch einigermaßen realistisch wirkt, damit es nur ein wirklich anormales Element in dem Film gibt: die Tatsache, dass Bücher verboten sind, verbrannt werden und schließlich von Menschen auswendig gelernt werden“, so der im Jahr 1984 verstorbene Filmemacher.

Handlungsort des Films ist ein Land, in dem es verboten ist, zu lesen. Truffaut lässt denn auch die Credits zu Beginn des Films einsprechen, während die Kamera einen Antennenwald zeigt, der auf die Omnipräsenz des Fernsehens hinweist. Das Fernsehen dient dem totalitären Staat zur Manipulation, Überwachung und Verfolgung seiner Einwohner. Truffaut zeigt die Gefahren, die durch die Zerstörung einer kulturellen Tradition erwachsen können. Sichtbar wird dies vor allem an den Bewohnern des Staates, deren Verhalten von Egozentrik und Selbstverliebtheit bestimmt ist. Sie betrachten sich in den Scheiben der Schwebebahn oder stehen vor Spiegeln, küssen ihre Abbilder und streicheln sich selbst, aber sie reden nicht mehr miteinander. Sie haben ihre Individualität verloren und können nicht mehr miteinander streiten oder einander lieben. Clarisse hingegen steht stellvertretend für die Buchmenschen. Sie ist nicht nur an sich selbst interessiert. Sie fragt Montag, ob er glücklich sei, und stürzt ihn damit in eine heilsame Krise: Er war vorher selbst ein Mensch ohne Individualität. Nun aber beginnt er, sich auch für andere zu interessieren. Mit dem ersten Buch, das Montag zu lesen beginnt – „David Copperfield“ von Charles Dickens –, keimt eine neue Persönlichkeit auf.

Der dystopische Film hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. Zwar gelingt Montag die Flucht aus seinem Staat zu den Buchmenschen, doch bleibt es nur eine individuelle Revolte, die Tat eines Einzelnen, der seine sich ausformende Persönlichkeit wieder aufgibt, um „nur“ noch ein Buch zu sein. Wunderbar märchenhaft ist die Schlussszene, die Wim Wenders seine „Lieblingsszene in der Filmgeschichte“ nannte: „In einer großen Totalen sieht man diese ‚lebenden Bücher‘ schließlich umherwandeln, jeder von ihnen in einer anderen Sprache ein Buch rezitierend. Aus all diesen Stimmen wird eine Art Musik, ein Chor der Menschheit.“

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