Secondhand

Mode ohne Geld: Beim „Esch Clothing Swap“ wird Kleidung zur Währung

Wer bei Dora Michiels zur Tür hereinkommt, muss zunächst umdenken. Die Kleider, Hemden und Hosen auf den Ständern haben Werte, aber keine Preise. Bezahlt wird beim „Esch Clothing Swap“ nicht im klassischen Sinne. „Es ist ein Secondhandladen ohne Geld. Deine Kleiderspende ist die einzige Währung“, sagt Dora Michiels.

Bei Dora Michiels wird Kleidung nicht gekauft, sondern gegen Punkte getauscht

Bei Dora Michiels wird Kleidung nicht gekauft, sondern gegen Punkte getauscht Foto: Carole Theisen

In der rue Jean Origer betreibt die Kanadierin Dora Michiels einen Kleidertausch ohne Kasse und Konsumzwang. Ihr Projekt hält Textilien im Umlauf, entlastet Menschen mit kleinem Budget – und schafft einen offenen Treffpunkt mitten in Esch.

Die 55-Jährige führt das Non-Profit-Projekt im Erdgeschoss ihres eigenen Wohnhauses in der rue Jean Origer. „Es ist kein Laden“, betont sie. „Ich möchte einen Ort schaffen, an dem Kleidung weitergegeben wird und Menschen miteinander in Kontakt kommen.“

Dora Michiels betreibt den „Esch Clothing Swap“ im Erdgeschoss ihres Wohnhauses

Dora Michiels betreibt den „Esch Clothing Swap“ im Erdgeschoss ihres Wohnhauses Foto: Carole Theisen

Das Prinzip ist genauer als bei einem gewöhnlichen Kleidertausch. Jedes abgegebene Stück erhält einen Punktwert. Bei gut erhaltenen Artikeln orientiert sich Michiels am ursprünglichen Verkaufspreis und setzt meist rund 30 Prozent davon an. Wer Kleidung im Gesamtwert von 100 Punkten bringt, erhält unmittelbar 75 Punkte als Guthaben. Dieses kann sofort, später oder von Freunden eingesetzt werden. „Es gibt kein Warten und keine Kommission“, erklärt Michiels. „Die Leute überlassen mir ihre Sachen und ich gebe ihnen sofort ihren Kredit.“

So wird berücksichtigt, dass ein hochwertiger Mantel nicht denselben Wert hat wie ein einfaches T-Shirt. Gleichzeitig bleibt das System zugänglich. „Bei einem klassischen Swap bringt man fünf Teile mit, bekommt fünf Marken und nimmt fünf Teile. Das funktioniert gut für einen einzelnen Tag. Ich wollte etwas Umfassenderes schaffen.“ Zugleich bremst die Punktewährung den Kaufreflex: Wer etwas mitnimmt, hat zuvor den eigenen Bestand geprüft und Kleidung zurück in Umlauf gebracht. „Die Leute greifen nicht einfach einen Haufen Sachen. Sie nehmen nur, was sie wirklich benutzen werden.“

Michiels nimmt zunächst nahezu alles an. Sie weiß, wie viel Überwindung bereits in einer abgegebenen Tasche stecken kann: aussortieren, aus dem Schrank nehmen, zur Tür stellen – und sie tatsächlich wegbringen. „Wenn jemand mit drei Taschen kommt, werde ich nicht davorstehen und sagen: Das ist gut genug, das nicht. Die Person hat den wichtigsten Schritt bereits gemacht.“

Was nicht mehr für den Tausch geeignet ist, versucht sie weiterzugeben, unter anderem an die nahe gelegene „Stëmm vun der Strooss“. Stark beschädigte Stücke werden aussortiert. Sehr teure Luxuskleidung wiederum passt kaum in das Modell, weil sie zu viel Guthaben binden würde. Für solche Artikel verweist Michiels eher auf spezialisierte Verkaufsplattformen oder Kommissionsgeschäfte.

Secondhand als Teil der Biografie

Für Michiels ist Secondhand kein kurzlebiger Trend. Sie wuchs in Kanada mit Kirchenbasaren, Garagenverkäufen und gebrauchten Dingen auf. Ihr Vater sammelte Bücher; die Familie verbrachte Wochenenden damit, nach Fundstücken zu suchen. „So habe ich mein Haus eingerichtet und meine Kinder angezogen.“ Später beobachtete sie, wie kommerzielle Secondhandketten in Vancouver immer größer und teurer wurden. „Irgendwann kostete dort jedes T-Shirt fast 20 Dollar. Menschen mit wenig Geld konnten sich selbst Secondhand kaum noch leisten.“

Beruflich arbeitete Michiels mehr als 20 Jahre in einer Stadtbibliothek in Vancouver. Dort erlebte sie, wie aus einem Ort für Bücher ein Zugangspunkt für die Stadt wurde. Menschen ohne eigenen Computer kamen, um Formulare auszufüllen, Informationen zu finden oder überhaupt erstmals ins Internet zu gelangen. Bibliotheksmitarbeiter halfen plötzlich bei Fragen, die weit über Bücher hinausgingen.

Auch beim „Esch Clothing Swap“ versteht Michiels den Raum als niedrigschwellige Infrastruktur. Kleidung ist der konkrete Anlass, doch dahinter stehen soziale Fragen: Was können sich Menschen leisten? Wo fühlen sie sich willkommen? Wie entsteht Teilhabe, ohne dass jemand seine finanzielle Lage erklären muss? „Mein Hauptanliegen sind Menschen mit einem sehr kleinen Budget“, sagt sie. Doch ihre Kundschaft kommt aus allen Gesellschaftsschichten.

Michiels verdient mit dem Projekt kein Geld. Material, Kleiderbügel usw. bezahlt sie bislang selbst. „Ich habe meinen Traumjob erfunden und mich selbst eingestellt“, sagt sie. Ihr persönlicher Gewinn besteht unter anderem darin, keine neue Kleidung mehr kaufen zu müssen.

Ein dritter Ort für Esch

Dass das Projekt gerade in Esch funktioniert, hält sie nicht für Zufall. Michiels kam nach Luxemburg, weil ihr belgischer Mann in Belval arbeitet. Heute sagt sie: „Ich bin so froh, dass wir in Esch gelandet sind. Ohne dieses Haus und diesen Standort wäre das hier wahrscheinlich nie entstanden.“

Sie schätzt die Diversität der Stadt und die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen unterschiedlicher Herkunft einander begegnen. Esch sei kulturell lebendig, direkt und weniger distanziert als andere Orte. Der Kleidertausch macht diese Vielfalt im Kleinen sichtbar: Jede Abgabe verändert das Angebot, jede Person bringt andere Größen, Stile und Bedürfnisse mit. Ihre Tochter nennt den Ort einen „Third Space“ – einen dritten Raum neben Wohnung, Schule oder Arbeit. Michiels gefällt dieser Begriff.

Geplant ist zudem ein Nähzimmer für Reparaturen und Upcycling. Eine Frau, die lange nicht mehr berufstätig gewesen war, nahm einmal eine Tasche mit auszubessernder Kleidung mit und brachte sie bereits am nächsten Tag zurück. „Sie war völlig energiegeladen und fragte: Was kommt als Nächstes? Plötzlich hatte sie wieder einen Ort, an dem ihre Fähigkeiten gebraucht wurden.“

Am liebsten beobachtet Michiels den Moment, in dem jemand das System zum ersten Mal kennenlernt. Kein Geld, kein Kaufdruck – nur Kleidung, die wieder in Bewegung kommt. „Dann sehe ich Hoffnung im Gesicht der Menschen“, sagt sie. „Das ist mein Dopamin.“

Mode ohne Geld: Beim „Esch Clothing Swap“ wird Kleidung zur Währung
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Das unscheinbare Haus mit der Nummer 13 in der rue Jean Origer

© Foto: Carole Theisen

Mode ohne Geld: Beim „Esch Clothing Swap“ wird Kleidung zur Währung
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Der „Esch Clothing Swap“ hält gebrauchte Mode im Kreislauf und macht sie erneut zugänglich

© Foto: Carole Theisen

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Das alte Wohnhaus in der rue Jean Origer dient zugleich als Tauschraum und Treffpunkt

© Foto: Carole Theisen

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